Der fragmentarische Popsinger Robbie Williams

Natürlich ist Rudebox eine Zumutung. Zuvorderst für all jene, die Robbie Williams noch immer missverstehen – als Entertainerschablone, als Anti-Songwriter, als ewigen Angels-Interpreteur. Denn das ist nicht die Wahrhneit. Tatsächlich und zu aller erst ist dieser ironische Weltstar ein gehänselter Teen auf dem BMX-Rad, ein verträumter Lad aus Tunstall, und was seinen Musikgeschmack betrifft, ein verdammter Romantiker, ein Widergänger der Emo-Elektro-80er.

Wenn er auf schwer abgehangene, fast betäubte Weise Louise singt, diese großartige, weitgehend unbekannte Human League-Ballade, dann spürt man seine unstillbare Sehnsucht nach dem sophisticated Popsong, hier erst geht sie für ihn auf, die bestmögliche Verquickung aus Coolness, Plot und Stil – in einer Coverversion.

Es ist bei weitem nicht die einzige auf Rudebox – es hagelt Interpretationen von My Robot Friend -, Stephen Duffy -, Lewis Taylor – und Manu Chao – Tracks. Aber in Louise, in der Wahl dieser einen Nummer coolen Edelpops kulminiert Williams ’06 – der fragmentarische Popstar. Bruchstücke aus dreißig Jahren Popbiz, kluge Fetzen und unnötige Splitter, ergreifende Momente und irrwitzige Gaga-Schleifen, alles aneinandergereiht zu einem unfertigen Statement, einem angenehm verrückten Sammelalbum.

Auf Rudebox erhalten wir erstmals Einblick in Williams Träume, die Nerven seiner musikalischen Sozialisation liegen blank, wir hören New Romantic, Vogueing und Electro-Rap, schwelgerischen Bowie- und koketten The Streets Sprechgesang, reinrassigen Synthie- und redundanten Kirmespop, es pluckert und pulsiert, es keift und mault, schleimt und croont, sleazt und wimmert. Mit anderen Worten: Die ganze Wirkkraft des Pop ist hier immanent, alles nervt und betört zugleich. Naive Vielfalt ist die Kraft, aus der dieser vielbeschriebene Popsinger wieder zu einem unschuldigen Unbeschriebenen wird.

Das Fragmentarische ist seine Befreiung. Guy Chambers intelligent konzentriertes, potentes Deluxe-Songwriting machte den einstigen Take That-Clown zum Megastar, Chambers Nachfolger, der sensible britische Folkpopgroßmeister Stephen Duffy, hochambitioniert, stilbewusst und in seinem Metier außer Konkurrenz, holte ihn ungewollt ein Stück zurück auf unsere Umlaufbahn. Es hat wohl ein derari erwachsenes und kontrolliertes Album wie Intensive Care, ein erstes spürbares Scheitern gebraucht, um Mr. Williams wieder zu Robbie werden zu lassen. Zu jenem verschmitzt verträumten Typen, der noch nicht alles erreicht und erlebt hatte, der mies rappte und großen Pop im Sinn hatte, der wach und smart alles aufsog, was je nach großer Geste, dandyhafter Coolness oder dreiminütiger Überromanze klang. Von dieser wunderbaren Zeit erzählt dieses Album.

Michael Frieske

Robbie Williams
Rudebox
(EMI)

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