Interview: Fjarill – oder die pure Lust am Leben

Vor ein paar Jahren traf die Schwedin Aina Löwenmark in Hamburg auf die Südafrikanerin Hanmari Spiegel. Die beiden waren sich sympathisch, die Chemie stimmte und das Duo Fjarill war geboren. Galten die beiden lange als Geheimtipp, haben Sie sich in den letzten Jahren eine feste Fanbase erspielt. Ihre Musik bewegt sich irgendwo zwischen Weltmusik, Folk und Country. Am 19. Februar starten Fjarill in der Düsseldorfer Tonhalle ihre Tournee, im Gepäck das vierte Album Livet (Leben). Vorab plauderte Aina Löwenmark über Inspiration, die Freude am Unterrichten, den Vorteil eines eigenen Studios und sie verrät, woher sie so gut Deutsch kann.

 

Woher kannst Du so gut Deutsch?

„Oh – vielen Dank. Ich lebe schon seit 14 Jahren in Deutschland. Zwischenzeitlich habe ich zwar auch wieder mal in Schweden gewohnt, aber seit Mitte der 1990er habe ich in Hamburg Wurzeln geschlagen.“

Hattest Du Deutschunterricht in der Schule in Schweden?

„Nein. Ich habe die Sprache erst gelernt, als ich hergezogen bin. Es war learning by doing.“

Du kommst aus Schweden, deine Kollegin Hanmari aus Südafrika. Getroffen habt Ihr euch in Hamburg. Wie habt Ihr euch kennen gelernt?

„Hier in Hamburg gibt es ein Haus, in dem mehrere Studios untergebracht sind und dort sind wir uns über den Weg gelaufen. Ich hatte für eine Produktion etwas eingesungen und Hanmari war als Geigerin dazugekommen. In den Pausen kamen wir ins Gespräch und waren uns gleich sympathisch. Wir haben uns getroffen und ein wenig improvisiert. Das hat richtig viel Spaß gemacht. Das war der Beginn unserer gemeinsamen musikalischen Reise.“

Was hat euch beide nach Deutschland gebracht?

„Bei Hanmari war es so, dass sie für ein Austauschjahr nach Bremen gegangen ist. Dort hat sie ihren jetzigen Mann kennen gelernt. Und bei mir war es ähnlich. Ich hatte ursprünglich keinen Plan gehabt nach Deutschland zu ziehen. Im Gegenteil, ich lebte in Spanien und wollte eigentlich dort bleiben, um zu studieren. Dann habe ich aber einen Deutschen kennen gelernt und bin mit ihm zusammen nach Deutschland gezogen.“

Vermisst Ihr die Heimat nicht?

„Doch total. Für mich ist es zum Glück nicht so weit und ich fahre sehr oft noch Stockholm. Dort habe ich viele Freunde und meine Eltern wohnen knapp 300 km nördlich. Deshalb kann ich sie oft besuchen. Ich vermisse vor allem die Natur und das Land. Hanmari hat es da nicht ganz so leicht. Aber ihre Eltern waren kürzlich für drei Wochen hier. So sehr wir uns hier wohl fühlen, vermissen wir doch ein wenig unsere Heimat.“

Die Schwedische Musikszene, vor allem im Jazzbereich ist eng miteinander verbandelt und überschaubar. Welche Erfahrungen hast Du diesbezüglich mit der Szene in Hamburg gemacht?

„Hm – ich glaube in Schweden liegt es daran, dass die Szene ständig in Bewegung ist und das Land auch nicht so groß ist. Ich habe mal meine Eltern besucht und saß im Zug auf dem Weg zurück nach Stockholm. Da stieg irgendwann auf der Fahrt ein Typ ins Abteil, von dem dachte ich, Mensch – den kennst du doch von irgendwoher. Dann stellte sich heraus, dass es (Anmerk.: der inzwischen leider verstorbene) Esbjörn Svensson war. (lacht) Wir haben drei Stunden miteinander geredet. In Hamburg erlebe ich das ähnlich. Was wohl auch daran liegt, dass man sich musikalisch in den gleichen Kreisen bewegt. Da kennt man sich irgendwann einfach untereinander. Die Sängerin Anna Depenbusch beispielsweise hat den Kontakt zu Michy Reincke hergestellt. Wir sind auch schon mal füreinander eingesprungen, wenn eine von uns krank war. Wir sind einfach gute Kollegen.“

 

Inwieweit seid Ihr beeinflusst von der Musik eurer Heimatländer?

„Das ist spannend finde ich. In Hanmaris Heimat Südafrika gibt es diese Gospeltradition und die von den holländischen Besatzern mitgebrachte Kirchenmusik. Davon ist sie beeinflusst. Das vermischt sich mit der schwedischen Tradition der Kirchenmusik. Die ist von den Harmonien her anders, als das was wir hier in Deutschland erleben, aber dafür sehr ähnlich zu dem, was in Südafrika gespielt wird. Ich glaube, im Grunde ist alles irgendwie gleich. Weil wir Menschen alle die gleichen Wurzeln haben. Das was die Musik an jedem Ort anders macht, sind die jeweiligen Landschaften, die auf die Töne reagieren. Wenn du beispielsweise am Wasser eine Melodie spielst, klingt sie durch diese Atmosphäre ganz anders, als in einer großen Stadt oder in den Bergen.“

Wie entstehen eure Songs, wie arbeitet Ihr zusammen?

„Wir haben beide ein eignes Studio. Irgendwie fallen uns die Lieder so zu und da bietet sich ein eignes Studio geradezu an. Interessanterweise sind die meisten Stücke tatsächlich in Hamburg entstanden. Ich glaube nicht, dass ich genauso arbeiten würde, wenn ich in Schweden leben würde. Die Harmonien meint Hanmari sind sehr schwedisch. Immer Dur und Moll parallel in einem Stück. Kürzlich kam mir die Idee für eine Melodie im Kino und ich bin schnell raus und habe sie auf meinem Handy aufgenommen. Dann rufe ich Hanmari an, sie kommt rüber und wir nehmen das Lied auf. Hanmari sagt oft, das klingt wie Wind oder Schnee. Dann fangen wir an zu brainstormen und so entstehen die Texte.“

Du hast schon gesagt, dass dich die Umwelt inspiriert. Gibt es noch etwas anderes, das dich auf Ideen für Songs bringt?

„Hm – ich glaube das war’s (lacht). Denn ich meine, wir sind doch die Natur, wir sind die Umwelt. Von daher bringt mich alles auf Ideen. Wie eine Landschaft aussieht, wie gerade die Wolken ziehen, eine bestimmte Stimmung, die ich erlebe.“

Wie erklärst Du dir, dass die Menschen eure Musik berührt, obwohl hierzulande wohl kaum jemand eure Texte versteht?

(überlegt) „Das ist schwierig zu beantworten. Vielleicht, weil es authentisch ist. Wir setzen nichts künstlich dazu, sondern spielen das, was aus uns herauskommt. Vielleicht ist es das, was die Menschen mögen. Wir manipulieren nicht, sondern sind einfach nur ehrlich.“

Ihr habt das erste Album in einem Tonstudio aufgenommen, das in einer Kirche lag.

„Ja, das ist mein Tonstudio. Es ist tatsächlich in einer ehemaligen Kirche untergebracht. Die Akustik dort ist schon sehr gut. Es hat einen schönen alten Holzfußboden. Wir proben auch oft dort. Das ist gefährlich, weil es zu gut klingt. Wenn wir dann auf einer Bühne stehen, klingt es oft ganz anders.
Allerdings haben wir für unsere allerersten Aufnahmen ein Studio in Osnabrück gemietet. Erst für den Nachfolger sind wir dann in die Kirche gegangen. Aber auch dort konnten wir nicht alles aufnehmen. Weil es so klein ist. Wir nehmen alle Instrumente immer gleichzeitig auf und die passten einfach nicht alle in den Raum hinein.“

Was ist für dich der optimale Auftrittsort?

„Hanmari und ich treten grundsätzlich als Duo auf und da ist es wirklich wunderschön in Kirchen zu spielen. Wir waren zum Beispiel in St. Petri in Lübeck und es war der Hammer. Das war für uns beide ein echter Genuss mit all dem natürlichen Hall. Die Kirche hatte eine unglaubliche Akustik. Aber auch in der Musikhalle Hamburg zu spielen macht richtig Freude.“

 

Euer letztes Album habt Ihr Pilgrim genannt. Verbindet Ihr damit eine Botschaft?

„Wir Menschen wandern gern. Selbst Schritte die wir rückwärts oder zur Seite machen haben ihre Bedeutung. In den Texten geht es deshalb sehr viel um den Weg, auf dem wir uns befinden durch unterschiedlichste Landschaften. Ich schwimme durchs Meer oder spaziere durch einen Wald. Wir sind praktisch ständig in Bewegung. Bewegung bedeutet Veränderung und die ist wichtig, sonst kann keine Musik entstehen. Das Eröffnungsstück handelt auch davon, dass wir wieder das bewusste Wahrnehmen lernen müssen.“

Wie bist Du überhaupt zur Musik gekommen?

„Mein Bruder und ich, wir haben immer Musik gemacht. Aber der Rest meiner Familie war unmusikalisch. Mama hat zwar immer gesungen, aber sie hat sich nie mit Musik so sehr beschäftigt, wie mein Bruder und ich. Wir beide haben viel im Chor gesungen. Das kann ich wirklich nur jedem empfehlen. Es sollte Pflichtprogramm sein, denn es tut der Seele unglaublich gut. Man lernt so viel über die Stimme, wie man sie richtig einsetzt und wie man seinen Platz in einer Gruppe findet. Ich habe seit meinem vierten Lebensjahr im Chor gesungen und das habe ich nie bereut. Denn es ist die beste Schule für einen Sänger.“

Hierzulande wird der Musikunterricht in den Schulen eher abgeschafft als gefördert.

„Das ist ja krass. Das ist wirklich traurig. Denn gerade Musik hat eine eigene Sprache mit der man Gefühle umsetzen kann und Barrieren überwindet. Sie gibt dir auf deinem Weg auch eine gewisse Klarheit. Ich unterrichte sechs Stunden in der Woche an der skandinavischen Schule in Hamburg Musik. Das gibt den Kindern so viel. Denn sie lernen nicht nur von mir. Es ist sowieso eine blöde Einstellung, dass nur der Lehrer alles weiß und kann. Wir lernen voneinander. Ich animiere die Kinder immer auch eigene Stücke zu schreiben. Die sind so kreativ und spontan. Das geht so schnell verloren, wenn man diese Impulse ständig unterdrückt und nur Mathematik, Sprachen etc. unterrichtet. Schule muss ganzheitlich sein. Körper, Geist und Seele ansprechen.“

Was sagen denn deine Schüler dazu, dass Du Konzerte gibst? Haben die dich schon mal live erlebt?

„Ja. Die ganze Klasse war schon da. Sie singen auch Lieder von uns. Im Grunde gehören die Kinder auch zu Fjarill. Sie sind wie eine Familie. Dadurch, dass mich alles inspiriert, haben mir gerade die Kinder viel gegeben. Es ist ein echtes Geschenk für mich, dass ich mit ihnen arbeiten kann.“

Gibt es einen Künstler, der dich musikalisch beeinflusst hat?

„Mein Musiklehrer Berti Janson in der Schule. Er hat uns immer Mut gemacht, weiterzumachen. Er war andererseits aber auch ehrlich, wenn er gemerkt hat, Musik ist nicht die große Stärke eines seiner Schüler.“

 

Ihr geht wieder auf Tour. Habt Ihr dabei auch Kontakt zu euren Fans?

„Ja. Das schöne ist, die Leute kennen uns jetzt schon eine Weile und sie singen viele Stücke inzwischen auch mit. Ich habe das Gefühl, unser Publikum ist so dankbar. Es macht richtig Freude für sie zu spielen, weil wir merken, wie sehr sie mitgehen. Ich sehe ein Konzert immer wie eine Reise und ich finde die Vorstellung schön, dass wir das Publikum mit auf diese Reise nehmen Wir haben inzwischen Fans, die auf viele unserer Konzerte zu kommen.“

Hattet Ihr inzwischen auch mal Gelegenheit in Schweden oder Südafrika aufzutreten?

„Ja. Allerdings ist es dort schon anders. Hier sind wir ja inzwischen bekannt und haben uns etabliert. Dort fangen wir ganz bei Null an. Das ist aber trotzdem aufregend.“

Ihr habt in Schweden einen berühmten Fan, Königin Silvia.

„Stimmt. Sie hat Hamburg besucht und hat beim schwedischen Konsulat angefragt, ob wir nicht ein Konzert dort machen könnten. So kam es, dass wir für sie gespielt haben. Wir hatten auch die Gelegenheit mit ihr zu sprechen. Sie ist ein sehr offener lieber Mensch und sehr interessiert an dem was wir machen. Es war ein schönes Erlebnis.“

Claudia Hötzendorfer

Homepage

Diskografie

  • Stark (2006)
  • Pilgrim (2008)
  • God Jul (2008)
  • Livet (2010)

Fjarill live on Tour

  • 19.02.2011 Düsseldorf/Tonhalle
  • 17.03.2011 Halle/Objekt 5
  • 23.03.2011 Gaggenau/Klagbühne
  • 25.03.2011 Marburg/KFZ
  • 26.03.2011 Geesthacht/Theater
  • 31.03.2011 Heidelberg/Karlstorbahnhof
  • 01.04.2011 Köln/WDR-Sendesaal
  • 08.04.2011 Bad Hersfeld/Buchcafé
  • 09.04.2011 Darmstadt/Centralstation
  • 27.04.2011 Hamburg/Fliegende Bauten
  • 28.04.2011 Dresden/Dreikönigskirche
  • 08.05.2011 Lüneburg/Kreuzkirche
  • 24.05.2011 Hannover/Masala Festival
  • 25.05.2011 München/Ampere
  • 02.07.2011 Rudolstadt Festival/Preisverleihung des Weltmusikpreises RUTH
  • 06.08.2011 Jesteburg Stiftung Bossard
  • 21.10.2011 Berlin
  • 27.10.2011 Frankfurt/Brotfabrik
  • 28.10.2011 Pforzheim/Kulturhaus Osterfeld
  • 25.11.2011 Mölln

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