Interview: Frank Schätzing geht ans Limit

War es in „Der Schwarm“ ein Ausflug in die Tiefsee, nimmt Frank Schätzing die Leser in seinem aktuellen Thriller „Limit“ mit auf eine Reise in die unendlichen Weiten des Weltraums. Mit seiner dazugehörigen Lesereise „Limit live“ betrat der Kölner Bestsellerautor neue Wege, denn er präsentierte in ausverkauften Sälen eine Multimedia-Show. Ab dem 9. Oktober kehrt er noch einmal in die Tiefsee zurück und präsentiert auf Arte eine dreiteilige Serie über das „Universum der Ozeane“

Mit Claudia Hötzendorfer sprach er darüber, was ihn an unbekannten Welten fasziniert und gibt Einblick ins seine Schreibwerkstatt.

Sie sind im „Schwarm“ in die Tiefsee abgetaucht und in „Limit“ in unendliche Weiten des Weltraums aufgestiegen. Was reizt Sie an diesen Schauplätzen, dass sie noch weitgehend unerforscht sind?

„Genau das. Das Unerforschte, das Unbekannte, der weiße Fleck auf der Landkarte, die Wunder und die Schrecken, die eine Welt bereit hält, die wir noch nicht so genau kennen. Weil wir heute in einem aufgeklärten Zeitalter leben. Was gut ist. Andererseits hat sich die Aufklärung auch stark desillusionierend auf uns ausgewirkt. Insofern sind diese unbekannten Räume – man kann es ruhig eine Form von Eskapismus oder Selbstergründung nennen – immer auch sehr spannend auf dem Weg zu einer neuen Spiritualisierung.“

Wie war es für Sie, nachdem „Der Schwarm“ so enorm erfolgreich war, einen neuen Roman anzufangen? Türmt sich da nicht erst einmal ein Berg vor einem auf, verbunden mit der Frage, wie toppe ich das bloß? Oder war das Thema für Sie abgehakt und Sie haben sich einfach in ein neues Rechercheabenteuer gestürzt?

„Sowohl aus auch. Als „Der Schwarm“ so halb durch war, mit Interviews und Lesetour, wollte ich mich eigentlich in aller Unschuld hinsetzen und ein neues Buch anfangen. Die Idee gab’s ja schon. Dann sah ich plötzlich den Berg aufragen. Begann darüber nachzudenken, wie ich mich selbst übertreffen könnte. Und das ist schlecht, wenn man anfängt mit sich selbst zu ringen, versucht, vor sich selbst davon zu laufen, sich selbst zu besiegen. Alles Quatsch. Davon muss man sich möglichst schnell frei machen, und das habe ich auch getan. Mich so lange mit was völlig anderem beschäftigt, bis die Erfurcht vor dem eigenen Erfolg verflogen war. Danach war es so wie immer. Unbeeindruckt vom „Schwarm“ und seinen Folgen habe ich mich hingesetzt und einfach geschrieben, was mir in den Sinn kam.“

Sie haben sowohl im „Schwarm“ wie in „Limit“ ziemlich viel Personal, das bis in die Randfiguren genau ausgearbeitet ist, es gibt verschiedene Handlungsstränge, komplizierte technische Details – mit anderen Worten einen extrem komplexen Plot. Wie behalten Sie da den Überblick? Haben Sie den Plot von Anfang an ausgearbeitet oder entwickelt der sich während des Schreibens?

„Im Groben hatte ich den jederzeit abrufbar im Kopf. Aber bei so einem Buch braucht man schon so was wie ein Treatment. Das habe ich vor Schreibbeginn verfasst, knapp 90 Seiten. Darin steht skizzenhaft, was passiert und wie sich die einzelnen Stränge miteinander verzahnen. Hat mich zwei Wochen gekostet, bis ich diese Art Routenplan fertig hatte. Das Ding diente weniger der Zeilendramaturgie und Persönlichkeitsentwicklung meiner Protagonisten. Es war vielmehr meine Garantie, dass mir die Story nicht entgleitet, dass ich den Überblick behalte und die erzählerische Statik gewahrt bleibt. Nichts ist schlimmer, als wenn eine Geschichte nach hinten plötzlich nicht aufgeht oder ein Handlungsstrang ins Nichts verläuft.“

Gibt es bei dieser Herangehensweise noch Raum für einen Überraschungsmoment während des Schreibens, wenn sich eine Figur oder eine Handlung anders entwickelt, als ursprünglich geplant?

„Da wird gerne und viel drüber geredet, dass die Figuren mit ihrem Schöpfer machen, was sie wollen. Was Koketterie ist. Denn letzten Endes sind sie ja nun mal ureigene Erfindungen. Aber eines ist sicher wahr: Wenn man sich größtmögliche Freiräume lässt und sich nicht allzu starr an die Reißbrett-Vorstellung einer Figur klammert, wird man oft von sich selbst überrascht. Dann stellen sich von irgendwoher beim Schreiben die tollsten Ideen ein. Dann entwickelt sich die Geschichte teils schon anders, als man es sich vielleicht vorgestellt hatte. Deswegen hieß es in meinem Treatment beispielsweise nur: Das Mondhotel wird zerstört. Aber erst, als ich an der Stelle angekommen bin, wo es passieren sollte, hab ich mir konkrete Gedanken über das Wie gemacht. So richtig entwickelt sich die fiktive Welt also erst beim Schreiben.“

Gerade wenn es um die technischen Details in Ihren Büchern geht, beschreiben Sie immer sehr szenisch und detailliert. Auf der „Limit“-Webseite habe ich gesehen, dass Sie sich von Geräten oder Schauplätzen wie dem Mondhotel etwa, Skizzen anfertigen.

„Das hilft ungemein. Das sind kleine, fremde Welten, die ich skizziere. Gerade so eine Raumstation ist überaus komplex. Um das Leben darin beschreiben zu können, ohne dass man sich ständig beim Schreiben fragen muss, Moment – wie war das jetzt noch mal, wo ist oben und unten, wo geht’s von hier nach da? – ist so eine Skizze ungemein dienlich. Im Grunde genommen, als gingen Sie in ein Gebäude mit einem Plan in der Hand. Dann können Sie sich ganz auf das Geschehen konzentrieren und müssen nicht fortgesetzt um Orientierung ringen.“

Sie sind als Autor auch sehr nahe am Kino.

„Stimmt. Das ist wohl der Grund dafür, warum ich cineastisch schreibe. Für mich ist das Thema Kreativität ohnehin sehr vielschichtig. Im Mittelpunkt steht die Idee, und die sucht sich verschiedene kreative Ausdrucksformen. Man kann eine Geschichte mit einem Bild erzählen, mit einem Song, mit einem Text. Es gibt tausend Möglichkeiten. Mich reizt es, all das zu kombinieren. Nicht nur, weil es hilft, zwischendurch mal eine Zeichnung zu einer Buchszene zu fertigen oder einen passenden Song zu schreiben, sondern schlicht und einfach, weil es einen Riesenspaß macht. Ich war zuerst Musiker, dann Werbegrafiker, erst Jahre später bin ich Texter geworden, alle diese Ausdrucksformen sind für mich Instrumente des Erzählens.“

Sie waren kürzlich mit „Limit live“ auf Tour. Wie der Begriff live vermuten lässt, war es mehr, als nur eine Lesung.

„Es ist ein anderes Konzept. Eher eine Performance. Es geht darum, die Welt des Buches mit allen multimedialen Möglichkeiten lebendig werden zu lassen. Nur wenige Stellen lese ich vor, und auch das nicht auf herkömmliche Art und Weise, sondern eingebettet in Sound und Vision, sodass sich ein Kinofilm im Kopf der Zuschauer abspielt. Dazu gibt‘s Hintergrundinformationen über die Recherche, die Story selbst wird in alle möglichen Richtungen weitergesponnen, nicht nur auf Faktenbasis, sondern auch in ihren emotionalen Inhalten, das ganze Limit-Universum wird weiter geöffnet.“

Stammt die Musik, die dabei zu hören war von Ihnen?

„Die Musik schreibe ich immer selbst. In diesem Fall einen regelrechten Soundtrack. Der zieht sich durch den ganzen Abend. Beispielsweise gibt es einen Future-Check, da kann man sich einfach mal eine mögliche Zukunft anschauen, um herauszufinden, welche Entwicklungen wahrscheinlicher und welche weniger wahrscheinlich sind. Mit hollywoodreif getricksten Bildern und eingebettet in ein 15-minütiges Orchesterstück. Die Musik ist praktisch der zweite Erzähler.“

Musik spielt auch im Buch eine Rolle. Da tritt ein rüstiger David Bowie mit 80 auf dem Mond auf, um „Major Tom“ zu spielen und Tokio Hotel sind auch noch im Geschäft. Die erste Szene beginnt mit Zeilen aus Sinatras „New York, New York“. Wie wichtig ist Ihnen das Element der Musik im Roman?

„Wahrscheinlich wichtiger, als mir bewusst ist, weil Musik einfach meine erste Liebe ist – noch vor der Schreiberei. Ich bin eigentlich Musiker. Ich habe damals mit Gitarre und Klavier angefangen. Habe in Bands gespielt. Aber nach Jahren in tropfnassen Proberäumen schien mir der Weg in die schreibende Zunft irgendwie attraktiver. Oder sagen wir, mich reizte zunehmend die Kreativität in all ihren Facetten. Dennoch hat mich die Musik nie losgelassen, und seit einigen Jahren drängt sie wieder stärker zur Oberfläche.“

Vielleicht gibt es irgendwann auch eine Musik-CD von Ihnen?

„Das wird mit Sicherheit der Fall sein! 2010 jedenfalls steht ganz im Zeichen der Musik und das nächste Jahr wahrscheinlich auch.“

Wenn Sie schon für Ihren Leseevent Musik komponieren, könnte es doch gleich so was wie den Soundtrack zum Buch geben, damit wäre eine Nische gefüllt, die bislang noch brach liegt.

„Na ja – den Soundtrack zum Buch gibt es im Prinzip ja schon, wenn ich damit auf die Bühne gehe.“

Und wie kamen Sie an das tolle Filmmaterial?
„Mithilfe toller Partner. Beispielsweise hat mir das ZDF großartiges Material zur Verfügung gestellt. Auch National Geographic. Ganz aktuell die japanische Weltraumagentur JAXA, die mit einem Satelliten dicht über die Mondoberfläche fliegen und seit zwei Jahren wirklich spektakuläre Bildern vom Mond liefern.“

Im Buch erwähnen sie ein „Nine-Eleven-Musical“. Die erste Reaktion war bei mir, ist schon etwas geschmacklos. Andererseits spielt die Geschichte ja 2025 und da relativieren sich solche Ereignisse durch den zeitlichen Abstand. Glauben Sie wirklich, dazu wird es irgendwann mal ein Musical geben?

„Ja – davon bin ich fest überzeugt. Es ist eine Antwort auf den Umgang mit 9/11 bereits am Tag selbst. Ich erinnere mich sehr genau daran: Ich war zu der Zeit in einem Tonstudio, um ein Hörbuch aufzunehmen. Da kam jemand leichenblass hereingestürzt und sagte, es sind gerade zwei Flugzeuge in die Twin Towers geflogen, ein drittes ist ins Pentagon gekracht, ein weiteres nach Washington unterwegs. Wir waren alle völlig von den Socken. Ich bin rüber in meine Agentur gerannt, alle standen schon im großen Konferenzraum und sahen sich die Bilder im Fernsehen an. Einige Stunden lang war das pure Geschehen Anker des Interesses. Die ehrlichsten paar Stunden im Fernsehen seit Ewigkeiten. Das nackte, ungeschönte Grauen, unmittelbar, live. Doch schon am Abend hatte uns die Soap wieder eingeholt. Da stolperten Leute in Zeitlupe zu Enya-Klängen durch die Trümmer, und – schwupp – wurde das Ganze eventisiert und versoapt. Im Grunde war es reif für Hollywood. Jedes Elend wird heute binnen Stunden zum Unterhaltungsfaktor.“

Da haben Sie natürlich Recht. Es gibt ja bereits auch Spielfilme und Romane darüber.

„Es ist ein schleichender Übergang vom blanken Entsetzen zum Fernsehabend mit Chips. Vor allem der historische Abstand romantisiert ganz gehörig. Viele finden Julius Cäsar ganz toll. Ich hätte als Christ zu seiner Zeit nicht leben wollen, wo du ständig damit rechnen musstest, im Circus Maximus von den Löwen gefressen zu werden. Helge Schneider hat kürzlich Hitler gespielt. Das wäre vor einigen Jahrzehnten noch absolut undenkbar gewesen. Ich find’s okay, aber es zeigt, dass am Ende immer die Unterhaltungsindustrie steht.“

Die Handlung von „Limit“ haben Sie im Jahr 2025 angesiedelt. Gerade einmal 15 Jahre von heute gerechnet. Es gibt zwar Science Fiction Elemente, aber vieles erscheint auch eine völlig logische Weiterentwicklung bereits bestehender Gegebenheiten und Technologien zu sein. War es Ihnen wichtig, den Leser heute abzuholen, um die Ereignisse für ihn nachvollziehbarer zu machen?

„Das hat zwei Gründe, die zu einem verschmelzen. Einerseits ist Prognostik ein sehr dünnes Eis. Alles, was über fünf oder sechs Jahre hinausgeht, ist im Grunde nicht wirklich vorherzusagen. Einfach, weil Entwicklungen eintreten können, mit denen kein Mensch gerechnet hat. Beispielsweise der Pillenknick oder die Erfindung des Internets. Keiner hatte das wirklich auf dem Schirm. Wenn Sie jetzt über die Welt in 100 Jahren schreiben wollen, können Sie wunderbar spekulieren. Das Resultat wird aber kaum Relevanz für unsere heutige Entwicklung haben. Weil es schlicht zu weit weg ist. Nur ein Szenario, von dem wir mit Fug und Recht sagen können, dass es sich direkt und konsequent aus unserer gesellschaftlichen Gegenwart entwickelt, wird uns in unserem Handeln beeinflussen. Und das können Sie nun mal nicht zu weit in die Zukunft verlegen. Das ist der eine Aspekt. Zweitens steigen Ihnen die Leute mehrheitlich sofort aus, wenn Sie über eine Zeit berichten, in der sie selbst schon längst nicht mehr leben. So sind die Menschen gestrickt. Bleiben Ihnen also nur die eingefleischten Science Fiction oder Fantasy Leser. Limit sollte aber keine pure Science Fiction werden, sondern weitergesponnene Gegenwart. Und das funktioniert auf einen Zeitraum von 15 Jahren. So gerade noch.“

Ihre Bücher sind Infotainment im besten Sinne. Doch neben nachvollziehbaren technischen Weiterentwicklungen und Thrillerelementen tauchen darin auch moralische Themen auf. In „Limit“ spielt beispielsweise Habgier eine große Rolle. Nun betonen Sie in Interviews immer, dass Sie nicht missionarisch unterwegs sein wollen. Aber es reizt Sie doch, das Augenmerk genau auf solche Themen zu richten oder?

„Ja klar, sonst würde ich es auch nicht beschreiben. Es sind ja Dinge, die mich beschäftigen, und gerade weil das so ist und ich mir darüber Gedanken mache, fließen sie mit ein. Mit dem Missionarischen meinte ich die Attitüde einiger Kollegen, ihren Stoff als Unterhaltung zu tarnen, um in Wirklichkeit eine Botschaft zu verkünden, andere zu ihrem Gedankengut zu bekehren. Mein Ansatz ist hingegen erstmal nur der Thriller, die pure Story. Um anschließend darin unterzubringen, was mich persönlich beschäftigt, um es für mich aufzuarbeiten. Wenn nun jemand sagt, das hat mich zum Nachdenken gebracht, gut. Wenn er sich einfach zwei Wochen am Strand amüsiert hat mit dem Schinken, auch gut.“

 

So ist es mir mit dem „Schwarm“ gegangen. Ich habe mich danach mit Bildbänden und Sachbüchern zum Thema Ozeane eingedeckt und damit war ich wohl nicht allein.

„Nein, das hat sich auch an den Einschreibungen an der Uni gezeigt. Nachweislich hat sich nach Veröffentlichung des „Schwarm“ die Einschreibquote für den Bereich Meeresbiologie und Geologie verdoppelt, wenn nicht sogar verdreifacht. Klar ist das klasse, wenn man so was hört. Dass Themen, die einem am Herzen liegen, offenbar auch für andere Leute von Relevanz sind.“

Viele Astronauten sagen, der Blick zurück auf die Erde schärfe den Sinn für das Wesentliche, nämlich wie kostbar diese Kugel ist. Was würden Sie sich denn wünschen, sollten die Leser – außer natürlich gut unterhalten worden zu sein – aus dem Buch für sich herausziehen?

„Vielleicht ein etwas differenziertes Bild von der Welt und von sich selbst. Insofern ist „Limit“ dem „Schwarm“ gar nicht so unähnlich. Wir bekämpfen und bekriegen uns ja eigentlich wegen Kleinigkeiten, sei es aus wirtschaftlichem oder ideellem Interesse. Marginalien, wenn man sie von der Außenperspektive betrachtet. Vieles wird lächerlich, wenn man nur ordentlich Abstand dazu gewinnt. Und der Mond ist rund 380.000 km weit weg, das ist eine Menge Abstand! Aber nicht nur die Mondfahrer, auch Astronauten wie Reinhold Ewald und Thomas Reiter, die näher an der Erde dran waren, konnten sie aus ihrer Perspektive völlig anders erleben. Man sieht als erstes, sie ist eine Kugel. Dann, da sind nur Land und Meer, keine Landesgrenzen, keine Ideologien. Nicht die Heimat von Christen und Moslems, Chinesen und Amerikanern, sondern die einer Spezies namens Mensch. Und plötzlich kommen einem unsere Konflikte hier unten klein kariert vor, intolerant und engstirnig.“

Nervt Sie das an ihren Mitmenschen? Intoleranz, klein kariertes Denken?

„Das nervt entsetzlich! Intoleranz und Dummheit, diese Gartenzwergmentalität, so nach dem Motto, wenn deine Hecke einen Zentimeter über mein Grundstück wächst, hole ich die Polizei. Bis hin zum religiösen Fundamentalismus, sich und andere für einen Glauben in die Luft zu sprengen, der – aus Astronautenperspektive – gar nicht mal so sehr vom Glauben der anderen abweicht. Schwachsinn. Schon darum sollten wir die Raumfahrt vorantrieben, damit man Typen wie George W. Bush oder Osama bin Laden hochschießen und vielleicht ein bisschen läutern kann von ihrem Größenwahn. Ich würde mir wünschen, dass Romane wie „Limit“ oder „Der Schwarm“ den Effekt haben, sich selbst mit seinen Ansichten nicht so furchtbar wichtig zu nehmen, mehr das Verbindende zu sehen. Und vielleicht auch die wachsende Zukunftsangst, die gerade in Deutschland so sehr grassiert, ein wenig zu relativieren.“

Sie beschreiben mit Julian Orley einen Tycoon der stark an Richard Brandson erinnert.

„Ja – der ist durchaus ein Zitat.“

Der sich im Buch selbst als Staat sieht oder inszeniert. Wird so die Zukunft aussehen, Großkonzerne, die sich immer mehr von den Staaten abkoppeln und ein Eigenleben entwickeln?

„Ich glaube, dass es in diese Richtung geht. Es gibt zwei große Zukunftsszenarien. Das eine sagt, der Staat wird wieder mehr an Einfluss gewinnen. Die Politik wird die Wirtschaft anleiten und den großen Sozialplan für alle entwickeln. Das zweite Szenario beschreibt es genau umgekehrt. Der Staat verliert immer mehr an Einfluss und Macht. Endet im Prinzip als Auffangbecken für die sozial Minderbemittelten, wohingegen sich die Wirtschaft die beherrschende innovative Kraft wird, sich aber zusehends vom Staatswesen abkoppelt. Eben weil sie – im Gegensatz zum Staat, der auf seine territorialen Grenzen zurückgeworfen ist – global über Grenzen hinweg agiert und wesentlich größere Handlungsspielräume genießt. Die Konzerne werden Krankenhäuser und Schulen bauen, eigene Friedhöfe anlegen. Allerdings partizipiert daran nur, wer Teil der jeweiligen Konzernfamilie ist. Durchweg wird die Welt stärker kommerzialisiert. Wer dazugehört, dem geht es gut. Die anderen fallen durchs Raster.“

Erscheint mir auch einleuchtender, zumal sich die Tendenzen ja bereits abzeichnen. Selbst die viel beschworene Krise hat gezeigt, wie wenig Einfluss die Politik überhaupt noch auf die Wirtschaft hat.

„Absolut. Ich meine, wir sehen ja, dass die Japaner schon vor rund 20 Jahren ihre Konzerne wie Staaten aufgebaut haben. Ein Unternehmen wie Toyota hat schon in den Achtzigern eigene Krankenhäuser gebaut, und ihren eigenen Friedhof haben sie auch. Da kann man als verdienter Toyota-Mitarbeiter verbuddeln lassen, wenn man will. Eine Welt in der Welt.“

In Deutschland gibt es dafür auch Beispiele wie Henkel oder Bayer.

„Es ist ja so, dass der Staat im Prinzip nichts anderes ist als eine Community. Und Konzerne – bedingt durch ihre Infrastruktur, ihr internes Kommunikationswesen und schlicht durch ihre Philosophie – entwickeln sich ebenfalls zusehends zu Communitys. Diese nichtstaatlichen Communitys weisen teils Schnittmengen mit den alten Communitys (den Staaten) auf, teils entwerfen sie völlig neue Welten mit einzigartigen Entfaltungsmöglichkeiten. Die Frage ist unterm Strich, welcher Community man sich zugehörig fühlt. Hineingeboren wird man in die tradierte: Ich bin Deutscher, dem deutschen Gesetzbuch verpflichtet, et cetera. Je älter man wird, desto mehr orientiert man sich danach, in welcher Community man sich am besten ausleben kann, und die heißt dann vielleicht Microsoft und agiert global und im Zweifel gegen die Interessen meines Staates. Oder nehmen sie Kommunikationsplattformen wie YouTube, rein virtuelle Communitys, aber darin herrschen eigene Gesetze, ein ganz eigenes Empfinden von Zugehörigkeit. Es wird spannend sein zu sehen, worüber sich die nachfolgenden Generation letztendlich definieren.“

Es wird sicher auch eine Rolle spielen, wie sich das Thema Energien und Ressourcen entwickelt. Sei es nun, wenn es um Öl und erneuerbare Energien oder schlicht ums Wasser geht.

„Ja klar, natürlich. Gerade Wasser, eine zweischneidige Sache. Da sagen viele, es geht eigentlich nicht, dass das Wasser der Welt privatisiert wird. Wasser ist eine freie Menschheitsressource, jeder muss dazu Zugang haben. Stimmt, sagen die Wasserkonzerne, die daran natürlich verdienen, wir verdienen mit dieser Ressource Geld. Auf der anderen Seite schaffen wir den Zugang zum Wasser doch erst, indem wir die nötigen Infrastrukturen aufbauen, die vorher nicht vorhanden waren. Und beide Seiten haben Recht. Natürlich muss man aufpassen, dass nicht irgendwann einer noch die Atemluft besteuert. Aber auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass die Privatisierung freier Ressourcen dazu führt, dass sie überhaupt erst für alle nutzbar gemacht werden können. Dieses Dilemma ist ethisch nicht einfach zu lösen, aber da müssen wir ran.“

Sie haben viel für Ihr Buch recherchiert und auch mit einer ganzen Reihe Wissenschaftlern im Austausch gestanden. Gab es da Momente, in denen Sie die Forschung auf Ideen gebracht hat, die Sie ursprünglich für ihre Handlung gar nicht auf dem Plan hatten?

„Das passiert immer wieder. Darum ist das persönliche Gespräch so wichtig. Man geht mit einer konkreten Vorstellung hin und will wissen, funktioniert dies oder das. Dann unterhält man sich, und während des Gesprächs hat man plötzlich eine Erleuchtung. Vielleicht, weil der Gesprächspartner gerade etwas erwähnt hat, einen Vorschlag gemacht hat, irgendwas. Kleinigkeiten, wenige Wort nur, können immense kreative Prozesse auslösen.“

Wie haben Sie denn für die Schauplätze recherchiert? Ich stelle mir das im Fall Chinas nicht so leicht vor.

„Das China im Buch ist ein China, das sich aus allen möglichen Quellen speist. Natürlich ist da erst einmal das Internet. Etliche Bücher, die geschrieben wurden in den letzten Jahren, also ein Haufen Fachliteratur. Da sind aber auch Interviews, etwa mit Städteplanern, die in China ganze Trabantenstädte bauen. Was sehr interessant war! Über Shanghai zum Beispiel habe ich mich mit Professor Ribbeck aus Heidelberg unterhalten, eine anerkannte Koryphäe, was Megastädte und speziell Städte in Südostasien angeht. Ich habe mit Albert Speer darüber gesprochen, der in der Region ebenfalls stark involviert war. Solche Leute kennen die chinesische Mentalität sehr gut, sie denken zusammen mit Chinesen darüber nach, wie eine asiatische Stadt in zehn oder zwanzig Jahren aussehen könnte. Oder Korrespondenten, die lange in China gelebt haben, auch sehr ergiebig.“

Es gibt vom „Schwarm“ sowohl ein Spiel als auch ein Hörspiel. Wird das bei „Limit“ ähnlich sein?

„Ein Spiel ist bei „Limit“ nicht geplant. Möglicherweise wird es irgendwann eines geben. Vielleicht mit einer Mondkarte, und man kann mit kleinen Helium 3-Maschinchen herumfahren. (lacht) Warum nicht? Wird sicher lustig. Aber ein Hörspiel werden wir wohl produzieren dieses Jahr. Erstmal haben wir eine reine Lesung auf den Markt gebracht, weil die Nachfrage sehr groß war.“

Welche drei Tipps würden Sie einem Nachwuchsautor mit auf den Weg geben?

„Erster Tipp: Glaube niemandem, der dir sagt, man könne einen Erfolg kalkulieren. Das geht nämlich nicht. Der zweite ist, sei in allem, was du tust authentisch, und versuche nicht im Vorhinein den vermeintlichen Erwartungen anderer Leute zu entsprechen. Und drittens, wenn du wirklich kreativ sein willst, sei bereit, fulminant zu scheitern. Dann hat man vielleicht eine Chance.“

Im Nachwort erwähnen Sie, dass Sie gern im öffentlichen Raum schreiben. Wie kann man sich bei dieser Geräuschkulisse auf einen komplizierten Plot konzentrieren?

„Och das geht, wenn nicht gerade jemand neben Ihnen exponiert herumschreit. Hingegen so eine Melange aus Geräuschen, die ist wunderbar. Irgendwann nimmt man das gar nicht mehr wahr. Das Gute an der Sache ist, man kommt unter Menschen.“

Das Interview führte Claudia Hötzendorfer

Frank Schätzing im TV
Frank Schätzing präsentiert auf Arte die Dokumentationsreihe „Universum der Ozeane“
Sendetermine: jeweils samstags 9., 16. und 23. Oktober
Beginn: jeweils 20:15 Uhr

Buch- und Hörtipps zu Frank Schätzing:

„Der Schwarm“

(Kiepenheuer & Witsch 2004, 997 S., € 24,99)
„Der Schwarm“ (Hörspiel)
(Der Hörverlag 2008, 10 CDs – Hörspiel, 862 Min., € 29,99)

„Limit“

(Kiepenheuer & Witsch 2009, 1320 S., € 26,-)
„Limit“ (Lesung)
(Der Hörverlag 2009, 22 CDs – 1400 Min., € 49,95)

Frank Schätzing (Hrsg.) 

„Die Rache der Ozeane“ (Dokumentation)
(ARD 2007, 1 DVD – 90 Min. € 12,99)

Links:

www.frank-schaetzing.com

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