Interview: Veronica Ferres – „Ich genieße den Moment“

Veronica Ferres stellt gern starke Frauen da – wie demnächst an der Seite von Hollywood-Star John Malcovich in Klimt und packt immer wieder Tabu-Themen an, um sie der Öffentlichkeit bewusst zu machen. Mit Culture & Spirit sprach die Mutter einer kleinen Tochter über Träume, Werte und ihr Engagement gegen Kindesmissbrauch.

Sie haben 2005 in der Verfilmung von Klimt (Start: 3. März 2006) mitgewirkt. Wie war es an der Seite von John Malkovich zu spielen? „Hochspannend, weil es eine internationale Produktion ist, die auf Englisch gedreht wurde. Die vier Hauptrollen sind mit John Malkovich und mir als seine Herzensdame im Leben von Klimt, Saffron Burrows (bekannt aus Troja, darin hatte sie die zweite weibliche Hauptrolle) als die Geliebte Klimts und Stephen Dillane (den vielleicht einige als den Ehemann von Nicole Kidman in The Hours kennen) als Sekretär auch international besetzt. Im Hauptcast die einzige nicht englischsprachige Darstellerin zu sein, war eine sehr große Herausforderung – auch wenn es mein zwölfter englischsprachiger Film war. Vor allem war es eine künstlerische Erfüllung weil der Regisseur Raoúl Ruiz oft Szenen über Nacht umgeschrieben hat, die ich in der Frühe bekam und kurz danach wurden sie schon gedreht. Das ist in einer anderen Sprache schon ein höherer Schwierigkeitsgrad als auf Deutsch. Da könnte man ja eventuell noch improvisieren. Wir haben in Wien und NordrheinWestfalen gedreht. Die Studioszenen in der Nähe von Köln und in Wien an den Originalschauplätzen. Mit John Malkovich zu drehen – er ist ein wunderbarer, disziplinierter, ruhiger, ganz toller Kollege – hat sehr viel Freude gemacht. Es war eine tolle Zeit.“

Im Gegensatz zu der anderen Frauenfigur im Film ist Ihre Rolle der Emilie Flöge historisch verbürgt. Wie haben Sie sich ihr angenähert? „Indem ich mir sehr viel Literatur besorgt und viel über die Zeit gelesen habe, vor allem aber über die Rolle der Frauen damals. Denn Emilie Flöge war die erste Frau, die die Damenwelt aus der engen Korsage und damit aus dem eingeschnürt sein, befreit hat. Sie hat das Empire-Kleid designed. Die Form ist gerade wieder in – diese Tunikas und Hemdchen mit V- und Rundausschnitt, die unter dem Busen tailliert sind, praktisch wie ein Hängerchen. Sie war federführend in der Wiener Gesellschaft, hatte Beziehungen zu den Reichen und war die Managerin Klimts. Sie hat ihm, dem ungezähmten Künstler, die Türen in die Oberschicht geöffnet. Sie hat auch dafür gesorgt, dass er Portraitaufträge bekam. Von diesen Portraits hat Klimt ebenso gelebt wie durch die Verkäufe seiner Gemälde in die reiche Wiener Gesellschaft. Durch ihre Boutique knüpfte sie Kontakte zu ihren Kundinnen, gab eine eigene Modezeitschrift heraus, fotografierte ihre Models selbst – sie war einfach unglaublich innovativ und ihrer Zeit voraus. Sie ist zweimal im Jahr nach Paris zu den Modenschauen gereist, kannte Dior, Chanel und hat sich so inspirieren lassen. Emilie Flöge hat viele Stoffe selbst entwickelt und das wiederum hat Klimt zu seinen Bildern inspiriert. Sie hat aber auch beim jährlichen Urlaub am Ata See, wenn Klimt uninspiriert war und ein Bild halbfertig auf der Staffelei stehen gelassen hatte, den Pinsel genommen und weitergemalt, um ihn wieder zu motivieren. Sie war eine ungewöhnliche Frau. Ob die beiden nun eine leidenschaftliche Liebesbeziehung hatten oder nicht, da streiten sich die Kunsthistoriker. Ich weiß es nicht.“

Dreharbeiten verlangen einer Schauspielerin oft viel ab. Wie halten Sie sich körperlich fit?
„Durch sehr viel Wasser trinken, durch gesunde, bewusste Ernährung, vitaminreiche Kost, viel Obst und Gemüse, durch eine Nahrung fast ohne Weißmehl – weil meinem Körper das einfach nicht gut tut und durch regelmäßige körperliche Bewegung, durch Sport. Ich fühle mich so einfach wohler. Wenn ich mal sündige – das ist auch okay – aber dann muss ich am nächsten Tag wieder diszipliniert sein, um mich wieder gut zu fühlen.“

Sie haben einmal gesagt, sie seien ein „sehr genießerischer Mensch“. Was können Sie besonders genießen?
Den Augenblick. Ich bin jemand, der inne hält, wenn ein besonders schöner Moment da ist, den ich dann versuche zu bewahren und in der Erinnerung abzuspeichern. Ich glaube, dass das eine große Kraftquelle ist, für stressvollere Phasen. Ich genieße den Moment, ein tolles Gespräch, ein gutes Essen – das sind Vorratskammern, die ich auffülle und von denen ich zehre, wenn es mal schwere Zeiten gibt.“

Sie machen autogenes Training. Wobei hilft es Ihnen besonders?
„Bei stressreichen Tagen, wenn ich wenig Zeit zur Erholung habe oder es nur kurze Mittagspausen gibt. Danach kann ich wieder frisch und ausgeruht an die Arbeit gehen. Ich kann mich dabei wunderbar entspannen und Kräfte sammeln. Ich falle dabei für ein paar Minuten in eine Art Tiefschlaf, der ist so erholsam – besser als ein Mittagsschlaf, bei dem man sich vielleicht eine Stunde lang aufs Ohr legt. Diese paar Minuten sind wie ein Powerschlaf, der ganz wichtig für mich ist.“

Was bedeutet bewusst leben für Sie?
„Bewusst leben hat für mich viel mit Dankbarkeit zu tun. Dankbar sein für das Glück, Gesundheit, für Freunde und Familie, die man hat. Bewusst leben hat für mich aber auch sehr viel mit Verantwortung für sich selbst und für meinen Körper zu tun, die man übernehmen muss. Das fängt damit an, dass man nicht irgendwas in sich hineinstopft, nur um satt zu werden, sondern dass man den Körper, den man ja liebt und der funktionieren muss, bei allem, was man ihm zumutet, so gut versorgt, dass er all diese Aufgaben auch hervorragend und leicht bewältigen kann. Deshalb soll man mindestens einmal am Tag schwitzen, weil das eine andere Sauerstoffversorgung in den Zellen ermöglicht, möglichst viel frisches Wasser trinken und sich nicht vergiften mit zu vielen Zigaretten oder mit Alkohol.“

Sie haben den Wandel zur Charakterdarstellerin geschafft und Rollen in Filmen übernommen, die schwierige Themen behandeln, beispielsweise die Geschichte einer jungen Frau, die an ALS erkrankt. Wie sind Sie an die Rolle herangegangen?
„Durch eine sehr früh beginnende und sehr belastende Auseinandersetzung mit dieser Krankheit, die eine der grausamsten ist, die man sich vorstellen kann. Denn bei vollem Bewusstsein verkümmern die Muskeln und man erstickt irgendwann, weil der Zungenmuskel zurückfällt und die Atemmuskulatur nicht mehr funktioniert. Ich habe mich bei Ärzten über die Krankheit erkundigt und so auf die Rolle vorbereitet. Ich weiß noch genau, bei dem ersten Gespräch in München in der Klinik Bogenhausen, war ich zutiefst betroffen über das, was die Ärzte mir beschrieben haben. Ich lernte dann Kranke kennen, die bettlägerig waren, die nicht mehr gehen oder ihre Arme bewegen konnten, die nicht mehr in der Lage waren zu sprechen. Sie kommunizierten durch Augenkontakt zu einem Computer, der ihnen half, sich mitzuteilen. Ich war tief berührt über die Lebensfreude und den Humor, die eine Frau – die inzwischen nicht mehr lebt – uns während der Drehzeit durch ihre E-Mails geschenkt hat.“

Die Figur entscheidet sich schließlich ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen, solange sie noch dazu in der Lage ist. Hat sich durch dieser Rolle Ihre Beziehung zum Tod verändert?
„Nein – das hat sie nicht. Meine Einstellung war schon vorher so, dass der Tod für mich etwas ganz individuelles und für jeden Menschen persönliches ist, das man nicht pauschalisieren kann, zu dem man keine Ratschläge geben kann. Man kann nicht sagen, dies und jenes würde ich machen oder folgendes schreibe ich dem anderen vor.“

Obwohl ALS eine weit verbreitete Krankheit ist, wird sie in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.
Es sterben auf der Welt jährlich mehr Menschen an ALS als an AIDS. An AIDS sind zwar mehr erkrankt, aber die medizinische Forschung ist da so viel weiter, dass man den Menschen durchaus noch ein lebenswertes Leben ermöglichen kann, indem sie medizinisch entsprechend versorgt werden. Gegen ALS gibt es bislang kein Mittel. Deshalb sterben so viele Menschen daran.“

Sie selbst waren einmal sehr schwer erkrankt und mussten sich an Alltägliches wieder neu herantasten. Hat das Ihre Einstellung zu Ihrem Leben und zu Ihrer Arbeit beeinflusst?
„Da kam viel zusammen. Einerseits die Krankheit, dann der Tod meiner Mutter, seitdem noch viele andere Dinge, auch dadurch dass ich eine eigene Familie habe, hat sich sehr viel verändert. Ich drehe weniger als die Hälfte meines früheren Pensums. Ich liebe und genieße inzwischen auch sehr die Auszeiten zwischen den Drehs.“

Was bedeutet Glück für Sie?
„Sich eins zu fühlen mit der Welt und mit sich selbst.“

Sie wurden katholisch erzogen. Spielt der Glaube heute noch eine Rolle für Sie?
„Ich bete und ich glaube, dass moralische Grundprinzipien wie Nächstenliebe, Respekt und Dankbarkeit mein Leben sehr geprägt haben. Beispielsweise empfinde ich Dankbarkeit für jeden Tag, den ich erleben darf, dass – wie ich schon erwähnt habe – man gesund ist, dass man eine Familie und gute Freunde hat. Dankbarkeit und Demut sind für mich Begriffe, die der heutigen Jugend teilweise abhanden gekommen sind, die ich aber für ganz wichtig halte. Das sind Werte, die sicher auch sehr viel mit meiner Erziehung zu tun haben.“

Sie haben Jörg Zinks Kinderbibel für ein Hörbuch gelesen. Wie kam das und was hat Sie an dem Projekt gereizt?
„Kinder sind das Publikum von Morgen, sie sind unsere Zukunft. Ihnen Glauben auf eine intelligente Art zu vermitteln, auf eine sehr visuelle Weise nahe zu bringen, empfand ich als großes Geschenk. Weil Jörg Zink es schafft, durch die Erfindung des Esels Suleika in der Sprache der Kinder ihnen die Bibel näher zu bringen. Das hat mir an den ausgesuchten Texten besonders gefallen. Weil er viele Gleichnisse auf eine ganz neue Art dargestellt hat, so wird es für Kinder nachvollziehbar, dass es nicht nur die Wunder sind, die Jesus vollbrachte, sondern dass es für ihn eine ganz andere Logik hatte, die er mit seinen Taten ausgedrückt hat.“

Was möchten Sie Ihrer Tochter gern an Werten weitergeben?
„Liebe, Nächstenliebe, Liebe zu sich selbst. Höflichkeit, Disziplin, Selbstbewusstsein, an die Kraft der eigenen Träume zu glauben. Und noch viele Dinge mehr.“

Wenn Sie ein Tier sein könnten, welches wäre das und warum?
„Ich glaube, ich wäre gern ein Delphin. Weil mich das Element Wasser so fasziniert. Ich habe angefangen im letzten Jahr tauchen zu lernen. Ich bewege mich im Wasser, als wäre ich darin groß geworden. Es ist mein Element. Ich war ja auch mal Leistungsschwimmerin und von daher liebe ich es sehr. Delphine sind zudem hochsensible, äußerst intelligente und wunderschöne Tiere.“

Haben Sie einen Traum?
„Gesundheit für alle meine Liebsten. Dass es so spannend bleibt, wie es im Moment ist auf dem Weg den ich beruflich seit drei Jahrzehnten gehe. Der bis zu diesem Zeitpunkt sehr aufregend und abwechslungsreich war, weil die Rollen, die ich gespielt habe so unterschiedlich waren und mir eine große Entwicklung brachten. Ich wünsche mir, dass ich diesen Weg weitergehen darf.“

Sie engagieren sich sehr für den Verein PowerChild (Infos dazu unter: www.power-child.de), der sich mit dem Thema sexueller Missbrauch bei Kindern auseinandersetzt. Was hoffen Sie mit Ihrer Arbeit zu erreichen?
„Sexueller Missbrauch ist ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft. Wir hoffen durch unsere Arbeit die Kinder vom Kindergartenalter an in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken, die Betroffenen aufzufangen und ihnen zu helfen. Vor allem, damit sie wissen, wie sie sich richtig verhalten müssen, wenn solche Situationen auf sie zukommen. Wie sie sich schützen oder wenn es passiert ist, dass sie wissen, wo sie Hilfe erfahren. Wir haben zum Beispiel ein eigenes Theaterstück, das durch ganz Deutschland tourt und in Grundschulen altersgerecht die Kinder an diese Thematik heranführt. Wir haben eine eigene Beratungsstelle in München und eine anonyme Internetberatung, wo die Kinder sich Rat holen können über dieses Thema, da es auch sehr viel mit Schamgefühl zu tun hat. Mir ist es wichtig die seelische Unversehrtheit der Generation von Morgen zu garantieren. Wir wissen alle, dass die Voraussetzungen dafür in den ersten Jahren der Kindheit gelegt werden. Wenn da ein Kind Gewalt erfährt, ist es sehr schwer, die Gewalt später nicht weiterzugeben. Rund 80 % der heutigen Täter waren selber mal Opfer. Wir sind dazu da, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.“

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
„Dass endlich mein Traum mit Haien zu tauchen in Erfüllung geht. Nachdem ich jetzt tauchen kann, hat sich für mich noch einmal eine andere Dimension die Welt zu erleben geöffnet. Das ist ein eigenes Universum da unten. Es ist so meditativ, so wunderschön. Man hört nichts außer dem eigenen Ein- und Ausatmen. Das ist eine faszinierende geheimnisvolle Welt. Ich habe unter Wasser schon viel erlebt. Ich war nachts tauchen, bin durch Wracks in über 30 Metern Tiefe getaucht. Nur Haie habe ich noch nicht gesehen. Da ist auch ein wenig Nervenkitzel dabei.“

Das Gespräch führte Claudia Hötzendorfer

Info Veronica Ferres

Geboren 1965 in Solingen, studierte die Tochter eines Kartoffelhändlers Germanistik, Theaterwissenschaften und Psychologie. 1985 gab sie an der Bayerischen Staatsoper ihr Theaterdebüt. Ein Jahr später stand sie in „Der Unsichtbare“ erstmals vor der Kamera. Bekannt wurde die Mutter einer Tochter mit Rollen in „Das Superweib“ (1995), „Rossini“ (1996) oder „Eine ungehorsame Frau“ (1998). Für Hollywood drehte sie 1994 in „Katharina die Große“ elf weitere englischsprachige Produktionen folgten. Derzeit ist sie im Kino an der Seite von John Malcovich in „Klimt“ zu sehen. Privat engagiert sie sich für den Verein PowerChild (www.power-child.de). Sie lebt mit ihrem Mann und Tochter Lily in München.

(Das Interview wurde im Magazin bewusster leben 03/2006 veröffentlicht.)

© Claudia Hötzendorfer 2006 – Silent Tongue Productions

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