Interview: Hatice Akyün sucht einen Hans mit scharfer Soße

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Eine Liebeserklärung an ihre deutsche und türkische Welt

„Einmal Hans mit scharfer Soße“ wünscht sich Hatice Akyün. Frei übersetzt heißt das soviel wie „Suche blonden Deutschen mit türkischem Temperament“. Zum Kummer ihres Vaters, hat sie mit inzwischen 37 Jahren immer noch keinen Mann zum Heiraten gefunden. Dabei besteht er schon lange nicht mehr darauf, dass der Türke oder zumindest Moslem sein muss. Mit viel Humor räumt Hatice Akyün in ihrem ersten Buch Einmal Hans mit scharfer Soße, das frisch verfilmt kommende Woche in die Kinos kommt, mit Vorurteilen über Türken auf, schmunzelt über deutsche Männer und über die Eigenheiten ihrer Familie.
Hatice Akyün ist Türkin mit deutschem Pass. Als sie drei Jahre alt war, verließen die Eltern ihr Dorf in Anatolien und gingen nach Duisburg. Hatice wuchs traditionell auf. Mit 18 legte sie ihr Kopftuch ab, ging nicht mehr zur Koranschule und zog Zuhause aus. Seitdem lebt Akyün in zwei Welten. Sie begann als Journalistin zu arbeiten, volontierte in Düsseldorf, reiste viel und landete schließlich in Berlin.
„Für meine Mutter habe ich ein sehr bedauernswertes Leben, weil ich ins Restaurant muss und keine Familie habe. Sie kann nicht nachvollziehen, dass ein einzelner Mensch auf achtzig Quadratmetern lebt“, schmunzelt Hatice im Interview mit Culture & Spirit Herausgeberin Claudia Hötzendorfer. Offen gibt sie zu, dass sie das gute Essen bei Mama liebt, ebenso wie die kleinen Schrulligkeiten ihrer Familie; beispielsweise wenn der Vater den Grill anwirft, ihr Bruder sich in Kanack Sprak übt oder die ältere Schwester schon mal für die Aussteuer ihrer Töchter vorsorgt. „Auf der Straße achtet man nur auf die Mütter und Töchter mit ihren Kopftüchern. Und man liest die negativen Geschichten, die in den Zeitungen stehen“, ärgert sich Akyün. „Ich habe in meinem Umfeld so viele positive Beispiele traditionell lebender türkischer Familien, die aber trotzdem ein Teil unserer Gesellschaft sind, sich als Teil dieses Landes fühlen und die gar nicht mehr in die Türkei zurück wollen“. Deshalb habe sie versucht, eben diesem Teil der deutsch-türkischen Gesellschaft eine Stimme geben. Das ist ihr mit ihrem ersten Buch gelungen. Die auf ihrem Buch basierende Verfilmung wirkt allerdings leider oft etwas arg klischeeverliebt, was schade ist, denn gerade Akyüns Einblick in ein Leben, wie es nicht wenige türkische Familien in Deutschland führen, war gerade deshalb so erfolgreich, weil sie mit einem Spritzer Humor über beide Kulturen schrieb.

Wie haben Ihre Familie und Freunde auf die Offenheit reagiert, mit der Sie über Ihre Erlebnisse berichten?
„Meine Eltern wussten nichts davon, dass ich dieses Buch schreibe. Ich hatte mich aber mit meiner Schwester Fatma, die in der Türkei lebt, ausgetauscht. Ich habe ihr übers Telefon die Passagen vorgelesen, die meine Eltern betreffen. Ich fragte sie, ‚meinst du, das kann ich so schreiben?’ Sie darauf: ‚Huh … aber schreib trotzdem’. Letztendlich verstehen meine Eltern die Ironie dahinter. Meine Mutter kann das Buch zwar nicht lesen, sie ist Analphabetin und mein Vater kann nur etwas Türkisch lesen. Das reicht gerade so für seine türkische Zeitung. Als das Buch dann fertig war, bin ich in die Türkei zu meinen Eltern gereist und habe es ihnen Passagenweise vorgelesen und meine Schwester hat es übersetzt. Mein Vater ist absolut selbstironisch. Als die ganze Familie eine Lesung in Duisburg besuchte, hat er sich bei den Stellen, die von ihm handelten (vom Grillen zu Beispiel), auf die Schenkel geklopft. Meine Mutter hat allerdings zwei Tage nicht mit mir gesprochen. Aber nur, weil ich beschrieben habe, wie sie Deutsch spricht. Da war sie etwas beleidigt. Doch das hat sich schnell wieder gegeben. Ich musste ihr nur versprechen, dass ich diese Passagen nicht mehr vorlese. (lacht). Die Türken sind ein sehr humorvolles Volk. Ganz besonders gern machen sie sich über andere Leute lustig. (lacht) Das merken Sie auch im Buch. Meine Geschwister und ich schenken uns nichts, wenn es um schwarzen Humor geht. Immer gern auf Kosten anderer. Deshalb haben beide Seiten, Familie und Freude meine Anspielungen auch so verstanden.
Meine Freunde kennen mich natürlich schon seit sehr vielen Jahren und damit teilweise die Geschichten, die ich im Buch erzähle. Wenn ich mit meinen Eltern in der Türkei war oder sie in Duisburg besucht habe und danach wieder nach Berlin kam, um meine Freunde in der Kneipe zu treffen, habe ich natürlich diese Geschichten erzählt. Ich habe mein Leben Eins zu Eins in meiner Sprache aufgeschrieben. Es gab schon ein paar beleidigte. Das hat sich aber schnell wieder gelegt.
Die Jungs, die ich wirklich in die Pfanne haue – egal ob türkische oder deutsche Männer – … also einer rief an und war davon überzeugt, dass ich ihn beschrieben hätte. Ich darauf, ‚nein, nein – das bist du nicht. Du glaubst doch nicht, dass ich dich in meinem Buch erwähne.’ (lacht) Ich verstehe mein Buch als Liebeserklärung an meine deutsche und an meine türkische Welt.“

Bekommen Sie Feedback von Ihren Lesern?
„Ich hatte seit der Veröffentlichung über 100 Lesungen. Dorthin kommen sehr viele Türken und viele Deutsche, besonders Deutschtürken meiner Generation. Die nicken dann an ganz bestimmten Stellen. ‚Ja, bei uns ist es ganz genauso. Wir werden auch immer gemästet und unsere Mutter sitzt beleidigt auf dem Sofa. Bei den Deutschen merke ich, dass sie auf diese Weise vieles erfahren, was sie vorher über Türken nicht wussten. Die leben vielleicht schon seit Jahren mit Türken in einer Straße und für sie ist die Lesung wie eine Art Bildungsreise. Wenn ich schon mal hoch schaue, sehe ich die Verwunderung in ihren Augen. Meistens kommen sie dann nach der Lesung zu mir und sagen, ‚das wussten wir ja alles gar nicht.’
Den meisten fällt auf, dass ich eine positive Sprache gefunden habe beide Welten zu erklären, ohne dem einen oder anderen was zu schenken. Letztendlich halte ich ja jedem den blank polierten Spiegel hin und sag, ‚schaut nur mal rein. Im Grunde habt ihr alle eure Schrulligkeiten und genau deshalb seid ihr so liebenswert. Von deutschen Lesern höre ich öfter, bei uns ist es nicht anders. Die Oma füttert uns auch immer durch und ähnliches. “

Gab es einen bestimmten Auslöser für das Buch?
„Ja. Ich lebe seit vielen Jahren schon in beiden Welten. Ich bin mit 18 von Zuhause ausgezogen. Das war für mich der Moment, in dem klar war, jetzt gehe ich in die deutsche Welt. Ich habe das Kopftuch abgelegt und bin nicht mehr in die Koranschule gegangen. Ich wollte eine Ausbildung machen und das Leben nicht leben, das meine Eltern für das einzig richtige erachteten, nämlich das traditionelle, Familienorientierte Leben. Meine älteste Schwester war zu dem Zeitpunkt schon verheiratet mit Ende Zwanzig. Mit meinem 18. Geburtstag habe ich angefangen in beiden Welten zu leben und bin dann langsam hineingewachsen. Ich habe meine Erfahrungen in beiden Welten gemacht und meine Wünsche in beiden Welten erfüllt. So haben sich, wenn Sie so wollen, auch mein Charakter und meine Identität geformt im Laufe der Jahre.
Als Journalistin habe ich viele Themen gemacht, die sich mit Problemen in türkischen Familien beschäftigt haben. Darunter waren Artikel für Magazine wie Stern oder Emma. Zeitschriften, die sich in erster Linie dafür interessieren, die Defizite der türkischen Gesellschaft aufzuzeigen. Sie können mir sicher bestätigen, dass für Journalisten und Redaktionen die positiven Beispiele nicht so spannend sind. Was ich sehr schade finde.
Ich habe in meinem Umfeld so viele Beispiele, wo die Integration ohne großes Drama funktioniert hat. Familien, die traditionell türkisch leben, aber trotzdem ein Teil unserer Gesellschaft sind und sich als Teil dieses Landes fühlen. Die wirklich nicht mehr zurück in ihre Heimat wollen, weil die Türkei für sie mittlerweile nur noch ein Urlaubsland geworden ist. Die großen Medien haben dann das Thema Türken für sich entdeckt, was besonders stark nach dem 11. September der Fall war. Die meisten Türken sind Muslime, da kam das Thema hoch. In erster Linie waren es Angstberichte. Ich werfe den Politikern vor, dass sie dieses Thema für ihre Zwecke benutzt haben, um Populismus zu betreiben. Egal ob sie grün sind oder zur CDU/CSU gehören. Da sehe ich keinen Unterschied. Ich habe das Gefühl, dass alle Politiker plötzlich zu wissen scheinen, wie man diese Probleme löst und alle kennen auf einmal Türken. Auch wenn es nur der Gemüsemann um die Ecke ist.
Die Lösungsvorschläge sind teilweise so an den Haaren herbeigezogen, dass ich mich ernsthaft frage, was passiert da eigentlich? Unterhaltet euch doch mal mit den Leuten anstatt nur über sie. Die Medien stürzen sich gern ausschließlich auf Themen wie Zwangsheirat, Ehrenmorde etc., weil es natürlich spannender ist, über solche Sachen zu schreiben. Das sind Auswüchse der türkischen Gesellschaft, das will ich gar nicht bestreiten. Ganz im Gegenteil, ich schreibe ja selbst Artikel darüber. Als ich zum Beispiel für den Spiegel ‚Allahs rechtlose Töchter’ schrieb, ging es um türkische Frauen, die zwangsverheiratet werden sollten und die sich daraufhin von ihren Familien losgesagt haben. Es geht mir nicht darum das zu leugnen oder zu sagen, alles ist wunderbar. Ich habe ja nicht die rosarote Brille auf. Mein Anliegen war, okay – es gibt diese Probleme, aber es gibt noch mehr Beispiele von über zwei Millionen hier lebenden Deutschen mit türkischem Migrationshintergrund (wie man so gern sagt), bei denen Integration funktioniert hat.
Auf der Straße sieht man natürlich nicht diese positiven Beispiele, sondern man sieht die Mütter und Töchter mit ihren Kopftüchern. Und man liest die Geschichten, die in den Zeitungen stehen. Deshalb wollte ich diesem Teil der deutsch-türkischen Gesellschaft auch einmal eine Stimme geben. Ich habe ganz subjektiv das Leben einer typischen Gastarbeiterfamilie in Deutschland beschrieben.“

In Ihrer Familie gibt es verschiedene Lebensmodelle. Kommt das häufig vor oder ist das doch eher die Ausnahme?
„Wir sind sechs Kinder. Ich nenne uns gern Patchworkfamilie. Denn bei uns gibt es alle Facetten einer türkischen Familie. Meine älteste Schwester trägt Kopftuch, aus Überzeugung und freien Stücken. Ich bin Helga für meine Leute, die Deutsche. Weil sie nicht nachvollziehen können, dass ein Mensch auf Achtzig Quadratmetern lebt. Für meine Mutter habe ich ein sehr bedauernswertes Leben, weil ich ins Restaurant muss, weil ich keine Familie habe. Mein Vater ist nach wie vor damit beschäftigt, seine letzte Tochter endlich unter die Haube zu bekommen. Aus dem einzigen Grund: damit ich im Alter eine emotionale Absicherung habe.
Der Familiensinn und -zusammenhalt spielt bei türkischen Familien eine sehr große Rolle. Ich bin davon überzeugt, dass meine Familie repräsentativ für viele Tausend andere Familie stehen kann. Oft höre ich, ‚bei ihnen hört sich das ja alles ganz nett an. Aber bei meinem Nachbarn ist das ganz anders.’ Wenn ich das höre sage ich immer, ‚sie möchten doch auch nicht, dass man sie im Ausland auf eine Mutter anspricht, die ihre neun Kinder im Blumenkasten verbuddelt hat und davon ausgeht, das sei typisch deutsch.’ Genauso facettenreich und unterschiedlich, mit allen positiven und negativen Seiten, die eine Gesellschaft haben kann, sind die Türken.
Ich benutze bewusst nicht das Wort Kultur, denn Zwangsehen und Ehrenmorde sind keine Kultur, sondern ein Teil der türkischen Gesellschaft.
Genauso wenig, wie es die Deutschen gibt, so gibt es auch nicht die Türken. Obwohl meine Familie zum Beispiel sehr traditionell und muslimisch ist, gibt es bei uns keine Zwangsheirat. Mein Vater ist ein sehr gläubiger Mann. Auch hier muss man differenzieren. Ist er gläubig oder politisiert er den Islam? Man muss einfach mal genauer hinschauen. Momentan habe ich den Eindruck, dass diese ganze Diskussion in eine sehr negative Richtung geht.“

Was könnten Deutsche denn von der türkischen Sichtweise lernen?
„Na ja, gerade ist in Deutschland wieder die Diskussion über diese Werte wieder in vollem Gange. Bezogen darauf sind die Türken sehr modern. Mein Vater weiß schon seit Jahren, dass ich keinen Ehemann brauche, der mich versorgt oder der auf mich aufpasst. Ein Ehemann bedeutet Familie, Familie bedeutet Kinder und damit im Alter eine Absicherung. Meine Mutter sagt immer, die Kinder bringen dir das Wasser ans Bett, wenn du mal krank bist. Das sind ganz einfache und pragmatische Gedanken, die meine Eltern haben. Was natürlich auch verständlich ist, weil sie einfache Menschen sind. Sie kommen aus einem kleinen anatolischen Dorf, wo es bis heute keine Elektrizität gibt. Mein Vater hat damals sein Dorf verlassen, um in ein Land zu kommen, von dem er vorher nichts wusste. Aber er wollte seiner Familie ein besseres Leben ermöglichen.“

Gibt es Fragen, die Sie nicht mehr hören können?
„Ja, als was fühlen Sie sich, als Deutsche oder Türkin? Ich habe für mich entschieden, dass es ein Prozess war. Ich bin jetzt Ende Dreißig. Mit Anfang Zwanzig denkt man darüber noch nicht nach. Aber mit den Wünschen, Bedürfnissen und Erfahrungen in beiden Welten, habe ich für mich beschlossen, dass ich mich nicht entscheiden muss. Ich möchte mich auch nicht entscheiden. Ich kann beides leben! Beide Seiten haben ihre positiven und negativen Aspekte. Ich habe meinen Mittelweg gefunden. Es ist für mich eine Bereicherung, beide Sprachen zu sprechen, ebenso eine Familie zu haben, die einen so starken Zusammenhalt hat. Es ist schön zu wissen, dass unabhängig, ob ich nun einen Mann abbekomme oder nicht, meine Familie für mich da ist.
Bei einem meiner fünf Geschwister, werde ich vielleicht irgendwann einmal wohnen. Dann gibt es türkische Eigenschaften an mir, die ich gar nicht ablegen kann, weil sie Teil meiner Religion, meiner Erziehung oder Teil meines Charakters und natürlich meiner Entwicklung sind. Ich bin schließlich sehr traditionell erzogen worden und ich habe meine Ferien von meinem dritten Lebensjahr an bis ich 18 wurde immer in der Türkei verbracht. Ich habe immer noch starke Verbindungen dorthin.
Es ist natürlich nicht mehr mein Heimatland. Aber was ist überhaupt ein Heimatland? Was bedeutet Heimat? Es gibt ein schönes türkisches Sprichwort: Nicht wo ich geboren wurde, sondern wo ich satt werde ist meine Heimat. Und so sehe ich das. Ich werde sehr gut satt hier und ich bin sehr glücklich hier. Mittlerweile ist Deutsch meine Muttersprache. Eigentlich witzig, dass sich das innerhalb meines kurzen Lebens gewandelt hat. Früher war es ganz klar Türkisch. Aber es ist für mich kein Problem in diesen beiden Sprachen hin und her zu switchen.
Was mir auch schwer fällt, sind Antworten, die Medienvertreter auf solche Ereignisse wie den so genannten Ehrenmord von mir erwarten. Übrigens heißt es Sippenmord und nicht Ehrenmord, den Begriff gibt es in der Türkei nicht. In Deutschland würde man Eifersuchtsdrama dazu sagen. Was erwarten die Leute von mir? Was soll ich dazu sagen? Es ist eine Tragödie, es ist ein Mord. Da muss ich weder deutsch, noch türkisch, noch muslimisch oder christlich erzogen sein, um das zu erkennen. Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass das falsch ist. Sie können sich nicht vorstellen, was auf meinem Handy los war, nachdem die beiden älteren Brüder freigesprochen worden waren. Ständig riefen Journalisten an und wollten ein Statement von mir. Ich kenne aber den ganzen Sachverhalt nicht. Wir leben in einem Rechtsstaat. Mein Gefühl sagt mir, dieses Gericht hat die beiden Jungs sicher nicht ohne Begründung freigesprochen. Wahrscheinlich wohl aus Mangel an Beweisen.
Wir sagen auf der einen Seite, wir müssen uns an die Gesetzgebung halten. Anderseits wird durch die Medien eine Stimmungsmache betrieben, die schon den Charakter von Aufhetzen zur Selbstjustiz hat. Ich höre zum Beispiel, ‚natürlich war die Familie daran beteiligt.’ Ich frage dann, woher weißt du das, hast du mit der Familie gesprochen? Das ist etwas, was ich nicht verstehen kann. Ich halte mich da lieber zurück. Was soll ich auch zu der Familie sagen? Was soll man zu dieser Mutter in Brandenburg sagen, die da ihre neun Kinder umgebracht hat? Ich kenne ihre Geschichte nicht. Ich weiß nicht was der Auslöser für ihre Tat war. So ist es auch bei dem Bruder, der seine Schwester umgebracht hat. Ich würde mich gern mal mit ihm unterhalten. Weil mich seine Beweggründe interessieren. Aber ich kann doch nicht schon vorverurteilen, erst recht nicht, wenn es ein Urteil gibt, das bereits begründet ist.
Dann kommt dieses Foto, auf dem die ganze Familie zu sehen ist, wie sie Ostern spazieren geht. Da schreibt die Bild Zeitung ‚sie lachen die deutsche Justiz aus’. Entschuldigung? Keiner macht sich Gedanken darüber, wie dieses Foto entstanden ist. Wenn man gerecht sein will, sollte man mal eine Sekunde innehalten und nachdenken. Natürlich heiße ich das was passiert ist nicht gut. Ganz im Gegenteil, ich verurteile das. Aber ich verurteile auch andere Dinge, wie eine Mutter, die in Hamburg ihre Tochter verhungern ließ. Aber für mich ist das nicht deutsch! Ich sage den Kollegen immer, wenn euch das wirklich so interessiert, dann schaut mal genauer hin.
Wenn du eine Frau mit Kopftuch siehst, warum stigmatisierst du sofort das Kopftuch. Warum siehst du gleich ein Symbol für Unterdrückung. Wenn dich das wirklich interessiert, dann spreche sie doch mal drauf an. Oder wenn irgendwo eine Moschee gebaut wird und du denkst, jetzt kommen diese ganzen Islamisten her, warum gehst du nicht mal hin und redest mit den Leuten? Man redet immer soviel über Akzeptanz und Toleranz.“

Was halten Sie von der Diskussion, dass Migrantenkinder oft nur unzureichend Deutsch sprechen können?
„Nun, man kann der Generation meines Vaters vorwerfen, dass sie nie richtig Deutsch sprechen gelernt hat. Meiner Mutter fiel es schon sehr schwer, weil sie Analphabetin ist. Ohne meine Lehrerin an der Hauptschule – Brigitte Kruse, mit der ich heute noch befreundet bin – die mich gefördert und gefordert hat, hätte ich nicht so gut Deutsch gelernt. Sie hat zum Glück erkannt, dass ich mit der Sprache ganz gut umgehen kann. In der siebten Klasse habe ich viele Referate geschrieben. Sie brachte mir Reclamhefte mit. Das hat sie bei anderen Schülern nicht gemacht. Brigitte Kruse war meine Integration. Sie hat mir Dinge gezeigt, die alltäglich sind.
Ich mag das Wort Integration nicht, es ist so schwammig. Man kann es gar nicht greifen. Viele Menschen, um die es geht, können es nicht mal aussprechen. Meine Integration waren Grimms Märchen, Hanni und Nanni, natürlich auch Dallas, Denver und Die Dornenvögel. Mit diesen Büchern und Serien bin ich groß geworden. Wenn wir Falcon Crest geschaut haben, kam parallel immer eine Radiosendung im WDR für Migranten. Die gibt es schon seit über 40 Jahren. Meine Eltern haben Radio gehört und wir haben Fernsehen geschaut. Hanni und Nanni habe ich zum Beispiel so gern gelesen, weil es mir den Blick in eine andere Welt ermöglicht hat. Ein Internat kannte ich von Zuhause nicht.
Mit meinen Eltern konnte ich über solche Dinge überhaupt nicht sprechen, durch diese Bücher habe ich zum ersten Mal davon erfahren. Später als ich älter wurde, habe ich natürlich noch andere Bücher gelesen. Ich glaube, dass war der Grundstein dafür, dass ich ein Gefühl fürs Deutsche entwickelt habe. Meine Geschwister haben zwar alle gut Deutsch gelernt, aber die können damit nicht so spielen wie ich. Das liegt vielleicht daran, dass sie als Kinder nicht viel gelesen haben. Sie haben mich immer ausgelacht, wenn ich nach der Schule anstatt auf den Spielplatz zu gehen, im Kinderzimmer gesessen und gelesen habe.“

Wenn Sie sagen, dass Ihre Familie repräsentativ für viele türkische Familien in Deutschland stehen kann, woran glauben Sie liegt es, das sich besonders die dritte Generation so schwer tut, richtig Deutsch zu lernen?
„Man muss unterscheiden: Die Eltern meiner Generation haben fast ausnahmslos nur Türkisch gesprochen. In der Schule wurde hingegen nur Deutsch gesprochen. Wir hatten eine klare Grenze zwischen den beiden Sprachen. Meine Mutter hat darauf bestanden, dass wir Türkisch lernen. Die Kinder meiner Schwester sprechen perfekt Deutsch und Türkisch. Sie hat genau das gemacht, was sich viele deutsche Eltern für ihre Kinder wünschen. Sie gehen ins Ausland, damit ihre Kinder zweisprachig aufwachsen. Es ist allerdings sehr mühsam und anstrengend das durchzuhalten. Wenn sie jetzt zum Beispiel eine Mutter haben, die nicht so einen hohen Bildungsstand hat oder dem Ganzen nicht so viel Interesse entgegenbringt, die auch die Wichtigkeit ihren Kindern das zu vermitteln nicht sieht, gibt es natürlich Probleme. Es entsteht so ein Mischmasch. Zuhause wird dieser Mischmasch gesprochen, weil die Eltern hier aufgewachsen sind und mittlerweile etwas Deutsch können. In der Schule sind sehr viele türkische Mitschüler, die genau das gleiche Gemisch sprechen und so entsteht eine Sprachform, die weder die eine noch die andere Sprache repräsentiert.
Wenn ich Kinder hätte, würde ich alles daran setzen, dass sie Deutsch lernen, obwohl ich von der Hauptschule komme und nicht diesen Bildungshintergrund habe. Mein Appell an die deutsch-türkischen Familien ist: Aufklärung. Nicht in der Form, dass man ihnen sagt, ihr seid jetzt in Deutschland und müsst die Sprache lernen. Dann fühlen sie sich gezwungen. Man muss den Leuten klar machen – das hat bei meiner Familie gut funktioniert – dass sie ihren Kindern die Perspektiven und Chancen auf eine Zukunft nehmen. Wenn sie die Sprache nicht lernen, bekommen sie keinen Ausbildungsplatz. Ganz pragmatisch, so wie es meine Lehrerin damals auch bei mir gemacht hat. Wir können uns jetzt intellektuell über diese Dinge unterhalten und stundenlang darüber diskutieren, warum bestimmte Dinge funktionieren, andere nicht. Bloß, ich muss nicht mehr integriert werden.
Mit den Leuten, um die es geht, können Sie nicht auf dieser Ebene reden. Man muss diesen Leuten die Sache anschaulicher machen und ihnen ganz klar sagen, wenn sie nicht dafür sorgen, dass ihre Kinder lernen und einen Schulabschluss bekommen, haben sie keine Möglichkeit auf einen Ausbildungsplatz. Wenn ihr meint, ihr könnt in die Türkei gehen, weil dort die Chancen größer sind, vergesst es. Die Leute warten nicht auf euch. Die haben ihre eigenen Leute, die Türkisch beherrschen. Die brauchen keine Deutsch-Türken, die mit ihrem gebrochenen Türkisch dort Karriere machen wollen.
Die Türkei hat sich sehr weit entwickelt, da ist die Zeit nicht stehen geblieben. Ich kann das beurteilen, ich kenne das Land sehr gut. Die wichtigste Aufgabe ist also, das Bewusstsein zu verändern. Das kann man am besten, indem man ein Unrechtsbewusstsein weckt. Zum Beispiel indem man dem Vater erklärt, Zwangsheirat ist nicht gut für deine Tochter und zwar aus folgenden Gründen: Nicht weil das Grundgesetz das verbietet, sondern weil es die Familie zerstören kann. Wenn die Eheleute sich nicht verstehen und es Streit gibt. Der Mann wird sie vielleicht schlagen. Man muss aufzeigen, dass all diese Dinge, die auch in arrangierten Ehen zur Normalität geworden sind, nicht gut sind. Der Vater muss verstehen, dass ja nicht er mit dem Mann leben muss, den er für seine Tochter ausgesucht hat. Er muss nicht dessen Launen ertragen. Wenn die Ehe nicht funktioniert, hast du deine Tochter wieder am Hals. So muss man argumentieren.
Für meinen Vater war das ein langer Prozess zu erkennen, dass ich eben nicht so schnell heiraten werde. Das größte Kompliment, dass mein Vater mir heute machen kann ist, dass er seinen Enkelinnen die zwischen sechs und achtzehn sind sagt: ‚Ihr werdet alle wie eure Tante Hatice und macht Abitur.’ Das hat aber sehr lange gedauert. Man kann diese Menschen nicht von heute auf morgen ändern.“

Sie haben vorhin erzählt, dass Sie gern lesen. Was lesen Sie gerade?
„Feridun Zaimoglus Leyla. Ich lese es aber nicht vorwiegend deshalb, weil mich das Thema so fasziniert, sondern weil alle drüber reden. Er ist ein großer Erzähler. Wir hatten mal zusammen eine Lesung in Aschaffenburg. Ich wünschte es gäbe mehr Autoren wie ihn. Wenn Sie sich mal die – wie ich es gern nenne – Leidensliteratur anschauen, es sind immer wieder die gleichen Geschichten. Wenn man Nicht ohne meine Tochter gelesen hat, weiß man, wie Leidensliteratur funktioniert. Man stumpft ab und man weckt die Leute nicht mehr damit, weil die denken, schon wieder so eine Betroffenheitsgeschichte. Wir werden noch die nächsten fünfzig Jahre über dieses Thema sprechen. Es ist wird nicht von heute auf morgen gelöst sein. Migration, Mehrheitsgesellschaft, Parallelgesellschaft, das wird noch jahrelang ein Thema sein und das ist auch gut so. Es gibt keine andere Lösung, als die Auseinandersetzung mit dem Thema und zwar von beiden Seiten. Viele, die Probleme in Deutschland haben, können Sie nicht mehr in die Türkei zurückschicken, weil die mittlerweile einen deutschen Pass haben. Wir sind schnell an der Grenze zum Populismus, wenn ein Schoenboom daher kommt und sagt, die ganze Familie sollte man ausweisen. Das ist so dumm.“

Das Interview führte Claudia Hötzendorfer

 

Buchtipp:

Hatice Akyün
Einmal Hans mit scharfer Soße
(Goldmann, 192 S., 7,95 €)
Filmtipp:

Einmal Hans mit scharfer Soße
Verleih: NFP
Start: 12. Juni 2014
Länge: 96 Min.
Regie: Buket Alakus
Darsteller: Idil Üner, Adnan Maral, Julia Dietze, Max von Thun u. a.

 

© by Claudia Hötzendorfer 2014 – Silent Tongue Productions

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