Interview: Jazz Nights 2014 mit Cassandra Wilson

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Seit nunmehr 15 Jahren gehören die Jazz Nights zum festen Bestandteil des Konzertkalenders der besten Hallen hierzulande. Die Liste der Künstler, die schon zu Gast dieser Reihe waren, liest sich wie ein Who is Who des Jazz: Darunter Diana Krall, Sunny Rollins Dianne Reeves, Dave Brubeck oder Herbie Hancock. In diesem Jahr ist Cassandra Wilson das Highlight der Jazz Nights.

Vorab sprachen wir mit ihr über soziale Netzwerke, welchen Unterschied es macht, mit oder ohne Instrument zu singen und wie es dazu kam, dass sie den Opener für Prince machte.

Sie sind in diesem Jahr Gast der Jazz Nights Reihe. Was wird das Publikum auf Ihrer Deutschland-Tour erwarten?

„Zum einen feiern wir 20 Jahre Blue Light Til’ Down. (Anmerkung: Mit diesem Album gelang Cassandra Wilson 1993 der internationale Durchbruch.) Deshalb werde ich Stücke daraus spielen und aus den Jahren danach. Und ich habe eine neue CD fertig, die im Frühjahr erscheint: Coming Forth By Day – A Tribute To Billie Holiday und daraus werden wir auch ein paar Songs spielen.“

Lassen Sie uns über Billie Holiday reden, eine Ihrer musikalischen Einflüsse. Was hat sie in Ihren Augen so besonders gemacht?

„Wir haben ihr schon Konzerte gewidmet, weil sich im April 2015 zum 100. Mal ihr Todestag jährt. Es stimmt, Billie Holiday hat mich schon sehr beeinflusst. Ihr Strange Fruit gehört mit zu den besten Performances im Jazz. Aber es gibt auch andere Sängerinnen, die mich inspiriert haben, wie Sarah Vaughan, Nina Simone oder Abbey Lincoln.“

Unter welchen Kriterien suchen Sie die Stücke von Billie Holiday aus, die Sie singen möchten?

„Also ehrlich gesagt, suche ich in der Regel die Stücke nicht aus, sondern lasse sie mich finden oder sagen wir, sie wählen mich aus. Manche wurden mir von Leuten aus meinem Umfeld vorgeschlagen, andere gehen mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Dann gibt es natürlich auch die Songs, die zeitlos sind, die alle kennen, an denen man einfach nicht vorbei kommt.“

Wenn man so ein Tribut-Konzert plant oder generell Songs von anderen Künstlern covert, wie schaffen Sie es, den Stücken Ihren ganz eigenen Stempel aufzudrücken?

„Du musst das Material einfach verinnerlichen. Dann arbeitet es für dich, du kannst eigene Erfahrungen oder Botschaften einfließen lassen. Mit den Jahren bekommt man dann ein Gespür dafür.“

Prince hat Sie eingeladen, ihn auf seiner Welcome 2 America Tour zu begleiten. Wie kam das und wie war es?

„Er rief einfach an. (lacht) Er ist ein wunderbarer Mensch und wohl einer der besten Musiker seiner Generation. Es war großartig mit ihm zusammenarbeiten zu können. Er hatte mich zuvor während einer meiner Shows besucht und mit mir zusammen gesungen. Ich habe im Gegenzug seine Shows eröffnet. Ich muss zugeben, das waren schon sehr bewegende Momente, die einem einfach im Gedächtnis bleiben. Da stimmte einfach alles. Es war perfekt.“

Sie sind sehr aktiv in den sozialen Netzwerken. Wie wichtig ist das für Künstler heutzutage?

„Unverzichtbar fürchte ich. Es ist enorm wichtig, um einen direkten Draht zu den Fans zu haben, damit sie auch Feedback geben können. Es ist eine gute Möglichkeit News und Specials bekannt zu geben, damit möglichst viele daran partizipieren können. Ich denke, wer heutzutage wirklich künstlerisch tätig ist, der kommt an den sozialen Netzwerken einfach nicht mehr vorbei.“

Sie haben schon sehr früh Klavier und Gitarre gespielt, aber erst recht spät mit dem Singen begonnen. Erstaunlich, bei Ihrer Stimme. Wie kam es, dass Sie so lange gewartet haben, bis Sie vors Mikro getreten sind?

„So wirklich beantworten kann ich das nicht. Ich weiß auch nicht, warum es so lange gedauert hat. Ich habe schon immer gesungen. Nur eben nicht mit dem Gedanken im Hinterkopf, ernsthaft Sängerin zu werden. Das kam eigentlich erst, als ich damit anfing, eigene Songs zu schreiben. Da begann ich, sie auch selbst zu singen. Es brauchte aber noch seine Zeit, bis mir klar wurde, dass ich meine Stimme auch live auf der Bühne einsetzen sollte.“

Sie haben einen Abschluss in Kommunikationswissenschaften gemacht. Scheint so, als hätten Sie ursprünglich keine Karriere als Sängerin im Sinn gehabt. Was hat Ihre Meinung schließlich geändert?

„Mein Umzug von New Orleans nach New York. Ich bin mit meinem Mann dorthin gezogen und versuchte vergeblich einen Job zu bekommen. Nur in dem Bereich, in dem ich meinen Abschluss hatte, war einfach nichts zu finden. Einfacher war es aber bei Jam Sessions unterzukommen. Da schien es irgendwann nur folgerichtig einen Job als Musikerin zu suchen. Es war also nicht wirklich geplant, sondern vielmehr eine Art Notlösung, um nach dem Umzug in New York Geld zu verdienen.“

Sie spielen auch Gitarre oder Klavier auf der Bühne. Singt man eigentlich anders, wenn man nur ein Mikrophon vor sich hat?

„Das ist eine interessante Frage, denn da gibt es tatsächlich einen Unterschied zwischen der Art zu singen, wenn ich ein Instrument spiele und singe oder nur singe. Das liegt daran, wie sich die Stimme bewegt. Die Phrasierung ist eine andere, weil ich mich beim Singen ohne Instrument auch anderes bewegen kann. Hinzu kommt, dass ich mich beim Singen allein auch nur darauf konzentrieren kann. Wenn ich singe und spiele, dann muss ich meinen Fokus zwischen zwei Ausdrucksformen aufteilen. Das kann sehr anstrengend sein.“

Auf der Bühne und auch im Studio scheinen Sie eher mit einer kleinen aber feinen Band zu arbeiten, als mit dem ganz großen Sound. Gibt Ihnen das mehr Freiraum für Ihren Gesang?

„Ja und nein. Wenn ich im Studio bin, versuche ich immer eine Live-Atmosphäre herzustellen. Das heißt, alle Musiker, die auch mit mir später auf der Bühne stehen werden, sind mit dabei. Den Freiraum für meine Stimme bekomme ich durch die Art, wie ich die Stücke anlege und dann singe. Was mir dabei aber sehr wichtig ist, die Musiker und ich, wir bilden eine Einheit und sind gleichberechtigt. Da ist nicht meine Stimme und die Band ist dahinter, sondern wir alle sind die Band.“

Wie wichtig ist es für junge Musiker etwas über die Geschichte des Jazz/Blues oder Soul zu lernen. Über die großen Sänger und Musiker und die Klassiker?

„Absolut, das ist elementar. Es ist ein Teil der Disziplin. Wenn du Maler werden willst, dann studierst du doch auch die Werke Picassos, Rembrandts oder der Impressionisten. Wenn du Tanz studierst, lernst du auch die großen Tänzer, Choreografen und Komponisten kennen. Mit anderen Worten, nur wenn man weiß, was vor einem da war, kann man auch einen eigenen Stil entwickeln.“

Gibt es noch weitere Business Tipps, die Sie für den Musikernachwuchs hätten?

„Ja, der beste Rat, den ich jedem Musiker geben kann ist, lern so viel wie möglich über das Geschäft. Damit meine ich wirklich jeden Bereich, sei es nun so trockene Materie wie das Urheberrecht, die Möglichkeiten, die einem das Internet bietet, mit all diesen neuen Kommunikationskanälen, sei es nun YouTube, Spottify, Facebook etc. Und lernt alles, was ihr über das Business hinter den Kulissen erfahren könnt. Über Marketing, wie Label funktionieren, Tourneen geplant und organisiert werden usw.“

Sie haben mal gesagt, das Publikum in Europa oder auch in Japan wüsste viel über den Jazz und hätte keine Angst, sich auch mal dazu zu bewegen. Wie ist es denn in den USA, kleben die Leute da an Ihren Stühlen?

„(lacht) Leider ja. Weniger, wenn wir über Pop oder Rock Konzerte sprechen, aber wenn man in Konzertsälen auftritt, tut sich das Publikum extrem schwer damit, einmal aus sich herauszugehen. Anders als in Europa oder Japan sehen sie sich nicht als Teil der Performance. Sie haben bezahlt und dafür erwarten sie ein Konzert, eine Show, aber sie kämen nicht auf die Idee, dass sie selbst auch ihren Anteil daran haben sollten, um noch mehr zu einem gelungenen Abend beitragen zu können. Deshalb freue ich mich schon auf Europa.“

Das Interview führte Claudia Hötzendorfer

Jazz Nights with Cassandra Wilson

  • 26.11.2014 Düsseldorf/Tonhalle
  • 28.11.2014 Dortmund/Konzerthaus
  • 30.11.2014 Bremen/Die Glocke
  • 01.12.2014 Hamburg/Laeizhalle
  • 03.12.2014 Kaiserslautern/Kammgarn
  • 05.12.2014 Baden Baden/Festspielhaus
  • 06.12.2015 München/Philharmonie
  • 09.12.2014 Frankfurt/Alte Oper

Tickets: www.kj.de

© Claudia Hötzendorfer 2014 – Silent Tongue Productions

 

 

 

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