Interview: Lisa Bassenge

„Ich brauche die Möglichkeit in der Musik auch Traurigkeit ausleben zu können“

Im Gespräch mit der Berliner Jazz-Sängerin Lisa Bassenge

Lisa Bassenge, der Name steht für jungen Jazz made in Germany. Derzeit stellt die Berlinerin im Rahmen der Jazz Today Reihe ihr aktuelles, inzwischen fünftes Album „Nur fort“ live vor. Und das gibt es nicht nur als Silberling sondern auch schön altmodisch auf Vinyl. Lisa Bassenge ist seltsamerweise immer noch ein Geheimtipp, dabei gehört sie zu Deutschlands derzeit besten Jazzsängerinnen und sie ist immer für eine Überraschung gut. Mal verjazzt sie Popklassiker von Madonnas „Like a Virgin“ bis zu „Overload“ von den Sugarbabes oder AC/DCs Hardrock Klassiker „Little Lover“. Für „Nur fort“ singt die zweifache Mutter deutsch. Nicht das erste Mal für die Bassenge, auch bei ihrem Bandprojekt Nylon hat sie hier und da deutsche Texte im Programm. Die diplomierte Jazzsängerin liebt die Abwechslung, wie sie uns im Gespräch verriet.

Ihr hattet kürzlich euer erstes Livealbum am Start. Gab es dafür einen bestimmten Anlass?

„Wir hatten für A Little Loving die Band neu gegründet und sind gleich zusammen auf Tour gegangen. Das hat sich so gut angefühlt und wir waren so gut aufeinander eingespielt, dass wir dachten, das ist der logische nächste Schritt.“

Aus dem Lisa Bassenge Trio ist ein Quintett, eben A little loving geworden. War das für euch eine natürliche Weiterentwicklung?

„Das war ein organischer Prozess. Während der Zeit als Trio haben Paul (Kleber, der Bassist) und ich festgestellt, dass wir uns musikalisch in eine andere Richtung entwickeln und dafür mussten wir uns vergrößern. Deshalb war das die logische Konsequenz.“

Ihr kennt euch alle schon recht lange. Wie wichtig ist euch das Zusammenspiel?

„Ich finde das total wichtig. Ich bin kein Fan von Bands die aus guten Solisten bestehen. Ich finde es viel wichtiger das man miteinander wächst.“

Jeder von euch ist noch in anderen Projekten aktiv. Wie grenzt Ihr das gegeneinander ab oder sind die Grenzen eher fließend?

„Ich habe ja drei Projekte: Micatone, A Litte Loving und Nylon, da ist auch Paul mit dabei. Das grenzen wir schon voneinander ab. Wir brauchen das auch, um uns künstlerisch zu verwirklichen. Nylon hat ja deutsche Texte und mehr das chanson-elektro-hafte und Micatone hat nur eigene Songs. Wir rocken da auch mehr. Eigentlich sind wir mittlerweile sogar mehr noch eine Popband. Die Jazzband spielt einfach mehr Cover und wir beschäftigen uns dabei auch mehr mit dem Innenleben von alten Songs.“

Du hast bei Nylon am Anfang unter Pseudonym gesungen.

„Ich wollte anfangs nicht, dass sich das alles vermischt. Aber dann haben sich die verschiedenen Projekte so gut gegenseitig befruchtet, dass ich diese Angst, wir könnten uns in die Quere kommen, nicht mehr haben musste.“

Im Jazzbereich seit Ihr Trendsetter in Sachen verjazzen von Popsongs. Habt Ihr da Vorbilder gehabt oder wie kamt Ihr auf diese Idee?

„Wir hatten natürlich Vorbilder wie zum Beispiel Miles Davis oder Herbie Hancock, die das auch schon mal gemacht hatten. Im Gesangsbereich wüsste ich allerdings niemanden, der Popsongs gecovert hätte. Ich glaube eher, dass es uns die Leute nachmachen werden.“

Ihr habt euch auch ein Stück von AC/DC vorgenommen. Wie kommt man denn auf so was?

„Das war wirklich lustig. Denn das ist eins der ersten Stücke, die ich in meinem Leben überhaupt gesungen habe. Früher war ich ein echter Hardrock Fan und habe nur solche Musik gehört. Das Stück habe ich für meinen damaligen Freund aufgenommen. Da war ich 14 und er war so ein Kinderfreund (lacht), der das Tape zum Geburtstag bekommen hat. Damals habe ich mit meiner Stimme aber auch schon dieses Wah-Wah-Solo gemacht. Als wir überlegt haben, was aufs Live-Album sollte, kam die Idee, das doch noch mal aufzunehmen.“

Wäre ja spannend zu hören, was die alten Haudegen zu eurer Version sagen.

„Ja, das wäre interessant. Überhaupt wäre ich neugierig, was die Leute dazu sagen, wie wir ihre Songs interpretieren. Ich fürchte, die würden uns die Cover verbieten und wir müssen die Platten einstampfen. (lacht)“

Ich glaube, es gibt Künstler, die das bestimmt gut finden, weil es ja völlig anders, als ihr eigenes Stück ist. Prince ist so einer, der genau beobachtet, wer seine Stücke covert und begeistert ist, wenn sich jemand was wirklich Gutes einfallen lässt. Dann covert er sein eigenes Stück zurück.

„So wie bei Nothing compares 2 U, das Sinead O’Connor gesungen hat. Oder hat er das nicht für sie geschrieben?“

Ursprünglich war das ein Stück für sein Protegé The Family, die es auf ihrem gleichnamigen einzigen Album auch aufgenommen haben. Sinead O’Connor hat es gecovert und war enorm erfolgreich damit. Prince hat es dann selbst noch einmal aufgenommen als Live-Version. Aber er hat das auch mit Five Women gemacht. Ein Song, den Joe Cocker gesungen hat und den Prince dann noch mal als Studioversion für eins seiner eigenen Alben aufgenommen hat.

„Ich kenne die Live-Version von Nothing compares 2 U. Ich finde die echt super.“

Dann weist Du, was auf euch zukommen kann, wenn Ihr einen Prince-Song covert?

„Das wäre mein absolutes Ideal. Ich in der krasseste Prince-Fan überhaupt. Der ist live der absolute Hammer. Ich habe ihn mal in New York gesehen, die Show war echt ein Brett. Der ist einfach mit Leib und Seele Musiker.“

 

Was muss denn ein Stück haben, dass Du es gern covern möchtest?

„Zunächst einmal müssen sie einen Text haben, der uns anspricht. Manchmal verjazzen wir auch ein Stück, das uns im Original nicht so gefallen hat. Zum Beispiel haben wir von Depeche Mode etwas gecovert. Auf die stand ich selber nie. Aber wir wollten einfach sehen, was man draus machen kann.“

Wenn Ihr euch so einen Klassiker wie zum Beispiel das Marilyn Monroe Stück vornehmt, wie machst Du dir den Song zu eigen? Ihr müsst ja auch gegen die Klischees von unzähligen Interpretationen ankämpfen.

„Das kommt mit der Zeit. Manchmal habe ich mir einen Song über Jahre erarbeitet und zu meinem eigenen gemacht. Bei anderen finde ich sofort einen Zugang.“

Wer wählt bei euch die Songs aus?

„Das machen Paul und ich.“

Du hast ein Diplom als Jazz-Sängerin. Was lernt man denn dafür?

„Na ja, das ist im Grunde ein Musikstudium. Man lernt ein Instrument zu spielen, studiert klassischen Gesang. Da lernt man beispielsweise Skalen, Harmonielehre, Gehörbildung. Die Sänger haben noch zusätzlich Schauspielunterricht, Tanz und Präsentation. Das ist schon sehr vielseitig.“

Hattest Du bei dem Studium im Kopf, am Ende bin ich Jazzsängerin?

„Ja. Ich wollte immer singen und ich war so davon überzeugt, dass ich es in meiner Familie salonfähig gemacht habe, dass ich das auch studieren will. Ich hätte natürlich nicht ahnen können, dass ich soweit komme, wie ich jetzt bin. Aber ich glaube, dass das Studium eine gute Motivation für mich war.“

Du hast ja auch schon sehr früh mit der Musik angefangen. Du warst 16. Lag das bei euch in der Familie?

„Mein Vater hat früher Jazztrompete in einer Bigband gespielt. Aber meine Eltern haben sich schon sehr früh getrennt. Deshalb kann ich gar nicht sagen, ob ich das daher habe.“

Aber Jazz ist schon dein Hauptding? Als ehemaliger Hardrock-Fan hätte es auch in eine ganz andere Richtung gehen können.

„Mir liegt wohl die melancholische Musik irgendwie. Ich brauche die Möglichkeit in der Musik auch Traurigkeit ausleben zu können. Das kann man sehr gut im Jazz und in langsamen Popsongs.“

War für dich von Anfang an klar, dass Sängerin dein Beruf werden wird?

„Ja!“

Kamen dir auch mal Zweifel, ob Du den richtigen Weg eingeschlagen hast?

„Oh ja – das war manchmal schon hart. Und ich muss zugeben, solche Phasen kommen auch immer wieder. Aber das gehört nun mal mit dazu.“

Als zweifache Mama ist die Existenzangst sicher noch etwas extremer?

„Stimmt, das ist hart. Andererseits ist das nun mal mein Traumberuf, in dem ich so tolle Sachen erlebe, Ich war kürzlich mit den Kindern für ein paar Tage auf Schloss Elmau. Das war super. Das sind dann die Sachen, die ich genieße, weil man als Künstler die Möglichkeit hat, dort umsonst wohnen zu können, wenn man auf Tour ist.“

Ist es schwierig Kinder und Tourneen unter einen Hut zu bekommen?

„Jaein. Als sie noch klein waren, habe ich sie oft mitgenommen. Jetzt da sie älter sind, kümmert sich der Vater dann während meiner Tourneen. Wir haben auch eine große Familie in Berlin, seine und meine Eltern, die sich kümmern. Die Kinder sind sozial immer gut eingebunden.“

 

Du gehörst in Deutschland zu den wenigen erfolgreichen Jazzsängerinnen. Warum glaubst Du sind deutsche Jazzerinnen hierzulande so unterrepräsentiert?

„Ehrlich gesagt, da habe ich keine Antwort drauf. Ich fürchte, es wird einfach zu viel nach Amerika geschaut, weil man glaubt, dass sie es dort besser können. Dabei finde ich national sind einige deutsche Künstler sehr erfolgreich. Nimm nur Sarah Connor. Okay, das ist jetzt nicht der Jazzbereich und das sind auch Sachen, mit denen ich persönlich nichts anfangen kann. Im Jazzsektor fällt mir da Lyambiko ein, die inzwischen wirklich erfolgreich sind.“

Du hast mit der WDR-Bigband an einem Else-Lasker-Schüler-Projekt gearbeitet?

„Das wurde leider eingestellt, weil es nicht so erfolgreich war, wie gedacht. Aber danach habe ich mit ihnen noch mal für German Songs zusammengearbeitet. Das war eine schöne Sache. Wir hatten auch ein paar gemeinsame Auftritte.“

Hast Du eine Affinität zur Literatur?

„Ich lese unheimlich viel. Viele klassische Sachen, Russen wie Tolstoi zum Beispiel.“

Du hast auch einen Blog bei Jazzthing. Geben sie dir die Themen vor oder hast Du freie Wahl über was Du schreiben willst?

„Nein, die Themen suche ich mir selber aus.“

Welchen Tipp hättest Du für den Nachwuchs im Jazzbereich?

„Bei den Entwicklungen in der Musikindustrie kann man von Fuß fassen eigentlich nicht mehr sprechen. Deshalb würde ich sagen, Voraussetzung ist, Spaß an der Musik zu haben. Sich voll reinhängen, die Sache und auch sich selbst ernst nehmen.“

Was kommt als nächstes für dich?
„Es steht eine Tour an und dann entspannt am nächsten Projekt arbeiten.“

Claudia Hötzendorfer

Homepage

Lisa Bassenge on Tour

  • 20.01.2011 Halle, Objekt 5
  • 21.01.2011 Dresden, Tonne
  • 15.02.2011 München, Prinzregententheater
  • 16.02.2011 Bonn, Harmonie
  • 17.02.2011 Dortmund, Konzerthaus
  • 18.02.2011 Düsseldorf, Savoytheater
  • 19.02.2011 Mainz, Frankfurter Hof
  • 21.02.2011 Berlin, Quasimodo
  • 24.02.2011 Kaiserslautern, Kammgarn
  • 25.02.2011 Darmstadt, Centralstation
  • 26.02.2011 Hamburg, Kampnagel
  • 27.02.2011 Lübeck, MUK
  • 07.04.2011 Bremen, Junges Theater Schwankhalle
  • 08.04.2011 Magdeburg, Moritzhof
  • 09.04.2011 Minden, Jazzclub
  • 09.06.2011 Pforzheim, Kulturhaus Osterfeld
  • 10.06.2011 Wittlich, Jazzclub
  • 11.06.2011 Freiburg, Between The Beats
  • 21.09.2011 Güstrow, Theater
  • 22.09.2011 Oldenburg, Kulturetage
  • 24.09.2011 Viersen, Festival

Diskografie Lisa Bassenge Trio

  • Going home (2001)
  • A Sigh, A Song (2002)
  • Three (2004)

Diskografie Lisa Bassenge

  • A little loving (2006)
  • Won’t be home tonight (2008)
  • Nur fort (2011)

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