Interview: Loreena McKennitt – „Das goldene Zeitalter der Musik liegt hinter uns“

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Wenn man drei Dekaden erfolgreich im Geschäft ist, wird es Zeit für einen Rückblick, dachte sich Loreena McKennitt und legt mit „The Journey so far“ ihr Best of Album vor. Darauf vereinen sich so wegweisende Stücke wie „The Mummers’ Dance“, „Dantes Prayer“ oder „The Mystic’s Dream“.

Im Interview erinnert sich die Kanadierin an die Anfänge, als sie ihre Musik noch als Tapes aus dem Auto heraus verkauft hat und zieht Bilanz mit einem kritischen Blick auf die Entwicklungen in der Musikindustrie.

Vor rund 30 Jahren haben Sie Ihre Tapes noch aus dem Auto heraus verkauft und auf der Straße Ihre Musik gespielt. Welche Erinnerungen verknüpfen Sie mit dieser Zeit?

„Erstaunlich, wie schnell die Zeit vergeht und wie alt man sich plötzlich damit fühlt. (lacht) Anderseits steht man ja nicht still, sondern hat schon den nächsten Schritt im Blick. Die Aufnahmen für ein neues Album stehen an, eine Tour will geplant werden, genauso wie meine Reisen, die ich auf den Spuren der Kelten mache. Das macht mich reich, reich an Erinnerungen, schönen Dingen, die ich tun kann und an Plänen, die ich habe.“

 

Andere Künstler sind gerade einmal drei oder fünf Jahre am Start und bringen schon ihr Best of Album heraus. Was gab für Sie den Ausschlag zu sagen, jetzt ist die richtige Zeit für eine Retrospektive?

„Drei Dekaden sind schon ein entscheidender Moment in einer Karriere. Da lehnt man sich schon ganz automatisch zurück und denkt darüber nach, was man bis dahin alles gemacht und erreicht hat. Dann kommen diese ganzen Jubiläen, das goldene und dann das diamantene Jubiläum. Da muss man einfach innehalten und darüber nachdenken, wie es weiter gehen wird.

Die Musikindustrie hat sich so drastisch gewandelt. Dem muss ich natürlich auch Rechnung tragen, wenn ich meine nächsten Schritte plane. Es ist ja kein Geheimnis, dass es bestimmte Bereiche gibt, die meinen Katalog nicht aufgenommen haben oder nur einige meiner Aufnahmen ins Programm aufnehmen. Deshalb dachten wir, während ich mich auf mein nächstes Studioprojekt vorbereite, die Zeit zu nutzen und durch eine Compilation vielleicht auch neues Territorium zu erschließen.

Die ausgewählten Titel auf dem Album sind nicht primär für diejenigen gedacht, die meiner Musik ohnehin tief verbunden sind, denn sie haben ohnehin sicher den Großteil, wenn nicht sogar alle dieser Songs. Wir hatten dabei eher an Hörer gedacht, die meine Musik noch nicht so gut kennen und so einen guten Eindruck davon bekommen, was ich über die letzten 30 Jahre gemacht habe und eben zur Erschließung neuer Territorien, die auf diese Weise Interesse am Gesamtkatalog bekommen sollen. Vom geschäftlichen Standpunkt aus gesehen, sind das die Hauptgründe für dieses Album.

Ich habe letztes Jahr mit der Recherche für mein nächstes Album begonnen und sobald die Promotion für die Compilation abgeschlossen ist, kehre ich mit einem freien Kopf wieder zum kreativen Prozess für diese Platte zurück. So musste ich meine Arbeit daran nicht zu lange unterbrechen.“

 

Sie haben von Anfang an volle Kontrolle über Ihre Musik, Ihre Karriere und die Vermarktung durch Ihr eigenes Label Quinlan Road gehabt. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht und was hat sich vor allem aus geschäftlicher Sicht für Sie verändert?

„Oh, so vieles hat sich verändert. Ich denke, so wie mir geht es vielen, die ins Musikgeschäft Mitte der 1980er Jahre eingestiegen sind. Damals gab es ein sehr weit gestreutes und gut vernetztes Ökosystem von Studiobetreibern, Toningenieuren, Art-Direktoren, Grafikdesignern, Photografen, Produzenten, Veranstaltern, Promotern, Caterern, Verkäufern, Wiederverkäufern etc. Dieses gesamte Netzwerk war analog aufgebaut. Das veränderte sich nachdem die digitale Technik und das Internet dazu kamen. Die Technik entwickelte sich so unfassbar schnell, dass es für viele schwer wurde, sie zu verstehen und ihr zu folgen. Dadurch, dass anfangs auch so gut wie nichts reguliert war, führte das unweigerlich zu großen Schäden am bis dahin bestehenden System. Wenn ich mich heute so umschaue, dann sind viele der alten, besonders der kleinen Studios, verschwunden, viele Tontechniker und –ingeneuere haben sich neue Betätigungsfelder gesucht. Von diesem Standpunkt aus gesehen liegt das so genannte goldene Zeitalter der Musik wohl hinter uns.

Ich könnte nicht sagen, dass ich von einem planbaren und verlässlichen Geschäftsmodell gehört hätte, das ausschließlich auf das digitale Internet aufgebaut ist. Künstler, wie ich, die in diesem veralteten System groß geworden sind und die ihre Karriere noch zu einer Zeit begonnen haben, wo es wichtig war langfristig zu planen, um eben auch wirklich lange erfolgreich sein zu können, die also reichlich Erfahrungen im vordigitalen Zeitalter gesammelt haben, können aber das Internet zusätzlich nutzen. Müssen es sogar, weil es eben so wichtig geworden ist. Aber ehrlich gesagt, würde ich heute keine Karriere mehr beginnen wollen. Denn ich fürchte, ich würde niemals dieses Erfolgslevel erreichen, das ich über so viele Jahre habe.

Als Konsumentin sehe ich auch, wie so viele Genres, die eigentlich sehr vielseitig sind, immer mehr um ihre Existenz kämpfen müssen. Ich könnte auch sagen, Qualität ist eine bedrohte Art geworden.

Das klingt jetzt irgendwie sehr depressiv. Aber ich muss auch zugeben, dass sich einige positive Dinge über die Jahre entwickelt haben. Allein, wenn es um die technischen Möglichkeiten geht. Da wurden schon ein paar sehr hilfreiche Dinge erfunden.

Trotzdem überwiegen für mich persönlich die negativen Auswirkungen mehr als die positiven Entwicklungen. Manchmal frage ich mich, welche Rolle ich wohl in dem Ganzen übernehmen muss und da kommt mir dann der Gedanke, dass ich wohl so etwas mache, wie das Erbe zu bewahren, damit die Samen auch irgendwann aufgehen. Da denke ich zum Beispiel an Musikerziehung oder die Verbindung von Musik und Tanz in den Schulen. Ich bin sehr daran interessiert, die Musik wieder in den Schulunterricht zurück zu holen.“

 

Hat sich der kreative Prozess für Sie gewandelt mit den Jahren?

„Der Kern meines Interesses hat sich eigentlich nicht verändert. Wenn wir davon sprechen, wie ich mich in Themen, die mich neugierig machen einarbeite. Ich habe ja erst mit der Zeit herausgefunden, wie weit die Kelten auf ihren Wanderungen gekommen sind. Dieses Feuer brennt nach wie vor und wird immer wieder neu entfacht (lacht). Wenn ich dann genug Material zusammen habe, fließt das in mein nächstes kreatives Projekt ein. Da hat sich mit den Jahren nichts verändert.

Was aber anders werden wird, ist meine nächste Platte. Denn wir werden nicht mehr mit einem so großen Budget arbeiten, wie bei vorangegangen Projekten. Was auch mit den Veränderungen im Musikgeschäft zusammenhängt, denen wir leider auch Rechnung tragen müssen. Da muss sich dann das kreative Talent im Umgang mit den Instrumenten und den Möglichkeiten zeigen, die wir im Studio haben. Wir werden einiges limitieren müssen. Aber ich sehe das als eine positive Herausforderung. Denn ich wollte eigentlich schon immer sehen, wie viel kann ich erreichen, wenn ich weniger zur Verfügung habe?

Ich habe besonders in den letzten Jahren sehr viel über verschiedenste musikalisch Einflüsse und die Vielseitigkeit und Einsetzbarkeit von Instrumenten gelernt, mit denen ich meinen kreativen Fußabdruck hinterlassen konnte. Ich habe indische Tablas oder ägyptische Streichinstrumente eingesetzt. Das hat die jeweiligen Produktionen natürlich auch sehr teuer gemacht.“

 

Sie sind für Ihre Recherchen auf den Spuren der Kelten viel gereist. Was haben Sie für sich persönlich davon mitgenommen?

„Ich würde diese Frage gern mit dem Geständnis beginnen, dass ich ursprünglich Tierärztin werden wollte und während ich an der Uni war, mir Gedanken darüber gemacht habe, ob ich vielleicht auch als Musikerin eine Karriere haben könnte. Als mir klar wurde, dass ich dort eher meine Zukunft sehe, habe ich das Studium abgebrochen und mich voll auf die Musik konzentriert.

Als ich mich dann intensiver mit keltischen Geschichte beschäftigt habe und feststellte, wo sie überall waren, in Griechenland, bei den Römern, ja selbst auf der Seidenstraße haben sie ihre Spuren hinterlassen und in Deutschland finden sich sehr viele keltisch geprägte Orte. Da habe ich diese geografischen Dinge und die geschichtlichen Hintergründe nicht nur für meinen kreativen Prozess verwendet, sondern auch als meine persönliche Weiterbildung.

Denn das hat ja sehr viele Bereiche berührt, wie die Ernährung damals, die Religion, die kulturelle Entwicklung, Medizin und vieles mehr. All das konnte ich auf meinen Reisen lernen, was sich auf die eine oder andere Weise dann auch in meinem Leben wieder gefunden hat.“

Im Verlauf Ihrer Karriere haben Sie auch sehr unterschiedliche Auftrittsorte gewählt, wie beispielsweise die Alhambra. Welcher hat Ihnen besonders gefallen?

„Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, weil es sehr unterschiedliche Aspekte sind, die mich faszinieren. Einer ist beispielsweise die Architektur oder der Impuls, den ein Ort für den kreativen Prozess gibt. Wenn ich beispielsweise an ein altes Kloster in Irland denke, erinnere ich mich gern an die wunderbare Akustik dort. Wir haben in einem heiligen Bereich gespielt mit einer sehr hohen Decke und durch die Bauweise war nicht nur der Klang sehr natürlich, sondern auch das Gefühl, das wir während der Aufnahmen hatten. So etwas empfindet man nicht, wenn man in einem Aufnahmestudio steht. Jeder dieser Auftrittsorte hat sowohl eine körperliche Erfahrung mit sich gebraucht, als auch eine spirituelle. Wenn man an sakralen Orten ist, wie in einem Kloster, berührt das natürlich auch den Geist auf eine besondere Weise. Dieser spirituelle Einfluss war besonders intensiv, als wir „The Wind that shakes the Barley“in einem Shinto Schrein in Toronto aufnahmen. Ein wunderbares architektonisches Meisterwerk, das im 18. Jahrhundert von Quäkern errichtet wurde Sie waren sehr interessiert an Geschlechterrollen, vor allem die der Frauen. Was für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich war. So entstand nicht nur ein Ort der Verehrung, für den sehr edles altes Holz verwendet wurde, sondern auch eine Verbindung von Natur, Raum und Geist.

Als wir zum Vergleich dann in Peter Gabriels Real World Studios waren, stellten sich dort ganz andere Empfindungen ein. Peter hat diesen Studiokomplex weit draußen in der Natur gebaut. So konnten wir zum Beispiel aus dem Studiofenster schauen und Enten beobachten oder andere Vögel. Während der Pausen konnte ich ausgedehnte Spaziergänge unternehmen und mich irgendwo auf einer Bank für ein Picknick niederlassen. Das war eine schöne Erfahrung, aber eben ganz anders als in diesen Shinto Schrein.

Ich muss allerdings zugeben, dass für mich die Natur selbst der ultimative Zufluchtsort ist. Der mich auch kreativ immer wieder nährt.“

 

Neben einer Deluxe Version mit Live CD wird es das aktuelle Album auch auf Vinyl geben. Als Reminiszenz an den Beginn Ihrer Karriere, Geschenk für Fans oder einfach, weil Schallplatten wieder in sind?

„Ehrlich gesagt, habe ich mich sehr lange überhaupt nicht darum gekümmert, wie sich Vinyl entwickelt hat. Ich höre natürlich immer wieder, dass Schallplatten einfach einen wärmeren Sound haben. Einer der besten Toningenieure, mit denen ich je gearbeitet habe, erklärte mir dann aber, dass es bestimmte Frequenzen beim Vinyl gibt, die sich bei digitalen Produktionen einfach nicht umsetzen lassen. Und genau die seien es, die viele Leute heraushören und besonders mögen.

Und da meine Musik auch auf klassischen Instrumenten gespielt wird oder mit Instrumenten, die über eine klassische Technik aufgenommen werden können, weil sie eine entsprechende Dynamik und Textur haben, kam uns als wir dann über die Zusammenstellung für das Album nachdachten, die Idee, auch eine Vinyl-Version herauszubringen. Denn da draußen gibt es noch so viele, die es lieben, Musik auf eine besondere Weise zu hören, die sich über viele Jahre ein sehr gutes Equipment zugelegt haben, um diesen Hörgenuss zu erhalten. Aber ich glaube es ist auch etwas für diejenigen, die Musik noch eher langsam genießen wollen. Die ein Album nicht in einem Rutsch durchhören. (lacht) Die einzelne Stücke genießen, wie ein Mehrgänge-Menü in einem guten Restaurant. Denn die Hörerfahrung ist ja nicht allein einer Melodie geschuldet oder der Instrumentierung und den Arrangements. Es ist vor allem die Wiedergabequalität.“

Spielt bei einer Schallplatte neben dem Klang nicht für viele auch die Haptik eine Rolle? Wer mit Vinyl aufgewachsen ist, kennt sicher noch das Gefühl, wenn man stolz mit dem neuen Album von XY nachhause kam, die Folie abmachte und dann erst einmal Cover und Innencover in Augenschein nahm. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass es ja A- und B-Seiten gab und man sich entscheiden musste, wo man anfing.

„Stimmt, wenn man eine CD nimmt, hat man die ganze Geschichte auf einmal. Diesen Aspekt musste man bei der Zusammenstellung der Titel für eine Platte im Kopf behalten. Als ich es mir damals endlich leisten konnte, war meine erste Anschaffung ein guter Kassettenrecorder um ein Album aufzunehmen und ganz hören zu können. Aber Sie haben Recht, es gab auch Momente, in denen ich mir überlegt habe, höre ich jetzt eher die A- oder B-Seite. Obwohl es auch diverse Situationen gab, in denen ich diese Sache mit den Seiten wirklich nervig fand und mich heute sehr über die Erfindung der CD freue.“

 

War das ein Fest, als es die ersten Tapedecks mit Auto Reverse gab.

(lacht) „Ja großartig. Ein Hoch auf die Technik.“

 

Da wir ja gerade in der guten alten Zeit schwelgen. Wie lange musste man damals auf ein heiß ersehntes Album oder eine Single warten. Wenn man dann auch noch ländlich lebte, konnte das Ewigkeiten dauern. Dafür war es dann aber jedes Mal etwas ganz besonderes, die Platte dann endlich in Händen zu halten. Heute reichen ein paar Klicks im Internet und schon ist ein Song Teil meiner Cloud.

„Für mich geht dabei das Gefühl der echten Wertschätzung verloren. Nicht nur materiell betrachtet. Alles ist für jeden, jeder Zeit verfügbar. Es geht schnell und leicht. Ich denke, dass dies auch ein Grund ist, warum illegale Downloads und Musikpiraterie es so leicht hatten. Die Leute erkennen den Wert der Musik nicht mehr an, die Arbeit die dahinter steckt, die vielen Menschen, die ein Album überhaupt erst möglich machen konnten.

Ihr in Deutschland habt es dabei noch gut, selbst mit all den technologischen Entwicklungen. Es ist einer, wenn nicht der beste Markt der Welt für einen Musiker, weil die Bevölkerung noch mit einem Gefühl der Wertschätzung für Musik aufgewachsen ist. Es gibt immer noch öffentlich rechtliches Radio und Fernsehen, es gibt immer noch CD- und Plattenläden oder Wiederverkäufer. Die Leute sind stolz auf ihre Plattensammlungen und geben sie nicht einfach weg.

Leider haben die Verantwortlichen der Musikindustrie den Zeitpunkt verpasst, an dem sie sich hätten zusammentun und wehren können. An dem sie hätten sagen müssen, hey Leute, wir alle hängen davon ab, dass unsere Arbeit und vor allem die der Künstler mit Respekt behandelt wird. Aber das wäre schon wieder ein neues Thema für ein weiteres Interview (lacht).“

 

Wird es auch eine Best of Tour geben?

„Eher nicht. Ich möchte eigentlich lieber erst auf Tournee gehen, wenn mein nächstes Album fertig ist. Das könnte sich zwar vielleicht noch ändern. Aber wir waren vor zwei Jahren in Deutschland sowohl im Frühling als auch noch einmal im Sommer. Deshalb wird es wohl doch erst wieder Konzerte zum neuen Album geben.“

 

Das Interview führte Claudia Hötzendorfer

 

Hörtipp:

Loreena McKennitt

The Journey so far – The Best of Loreena McKennitt

(Qinlan Road 2014)

 

 

weitere Infos:

http://www.quinlanroad.com/

 

 

 

 

 

© Claudia Hötzendorfer 2014 – Silent Tongue Productions

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