Interview: Louann Brizendine

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Ein Buch sorgt seit kurzem für Gesprächsstoff. Die Neuropsychiaterin Louann Brizendine will belegen, dass es einen kleinen aber feinen Unterschied gibt zwischen dem Gehirn eines Mannes und dem einer Frau gibt. Der Grundstein dafür wird bereits in der achten Schwangerschaftswoche gelegt. Die Wissenschaftlerin sprach mit moodWay über ihre These und wundert sich, warum sie so kontroverse Diskussionen auslöste.

 

Wie wurden Sie auf den kleinen Unterschied zwischen dem weiblichen und männlichen Gehirn aufmerksam?

  • „Ich habe mich die letzten zwanzig Jahre mit Neupsychiatrie beschäftigt. Bei meiner Arbeit haben mich der Unterschied zwischen dem männlichen und weiblichen Gehirn und der Einfluss der Hormone in diesem Zusammenhang besonders interessiert. Ich hatte mich auf Depressionen bei Frauen spezialisiert. Dabei habe ich herausgefunden, dass eine Depression im Kindesalter bei Mädchen und Jungen gleich verläuft. Das ändert sich allerdings in der Pubertät. Durch die hormonellen Veränderungen im weiblichen Körper mit Beginn des Zyklus steigt die Depressionsrate bei Frauen um das Doppelte im Vergleich zu Männern an. Das hat mich fasziniert. Ich wollte einfach herausfinden, warum das so ist und welche Hormone im weiblichen Gehirn dafür verantwortlich sind, dass Frauen emotionaler auf Stimmungen reagieren als Männer. Seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. In den letzten zwanzig Jahren haben wir viel herausgefunden. Beispielsweise wissen wir inzwischen, dass im Moment der Empfängnis alle Embryonen ein weibliches Gehirn haben und etwa in der achten Schwangerschaftswoche erhält der männliche Fötus eine große Menge Testosteron und damit verändert sich auch das Gehirn. Wenn das Baby schließlich zur Welt kommt, hat es ein männliches oder eben ein weibliches Gehirn. Die Hormone, die sich durch das Testosteron bei den Jungen und durch das Östrogen bei den Mädchen im Gehirn bilden, sorgen dafür, dass es ein Leben lang so bleibt…“

Das würde ja bedeuten, von Außen könnte man keinen Einfluss auf diese Vorgänge nehmen.

  • „Unsere Gesellschaft behandelt Jungen, wie sie meint, dass Jungen behandelt werden sollten und bei den Mädchen verhält es sich ebenso. Damit wird natürlich auch das jeweilige Gehirn entsprechend unterstützt.“

Das heißt, es gibt doch eine äußere Prägung durch Kultur, Gesellschaft, Umwelt und Erziehung?

  • „Alles was uns im Leben passiert, die Art wie wir behandelt werden von Familie oder Freunden, die Art, wie man uns in der Schule behandelt oder die Art wie wir als Junge oder Mädchen behandelt werden, all dies hat Einfluss auf unser Gehirn. Das Gehirn verändert sich in jeder Nanosekunde und das bedingt unsere Entwicklung. Die Wissenschaftler wissen, dass jeder Moment in unserem Leben Veränderungen im Gehirn bewirkt. Deshalb hat es natürlich Auswirkungen, wenn Eltern ihre Kinder nur mit Panzern oder Waffen spielen lassen. Diese groben Spiele werden wohl kaum dazu führen, dass diese Kinder Klavier spielen lernen wollen. Aber wenn sie sehr viel üben, dann verändert sich das Gehirn und es wird möglich Klavier zu spielen. Das ist etwas, dass die Öffentlichkeit bislang noch nicht begriffen hat. Unser Gehirn verändert sich durch Lernen, durch Übung, durch Praxis und zwar ständig. Deshalb hat es enorme Folgen, wenn wir unsere Kinder nicht richtig behandeln. Wenn Sie beispielsweise einem kleinen Mädchen ständig vorwerfen, du kannst dies oder das nicht, weil du eben kein Junge bist oder einem Jungen sagen, das ist nichts für dich, sondern nur was für Mädchen, dann hat das selbstverständlich auch Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns. Natürlich wollen wir keine Stereotypen in der Kindererziehung forcieren. Deshalb sollten wir das fördern, was an individuellen Talenten vorhanden ist.“

Warum hat es so lange gedauert, bis das weibliche Gehirn zum Forschungsgegenstand wurde?

  • „Während meiner Zeit an der Uni von Berkeley in den 70ern startete dort die Frauenbewegung. Natürlich war ich auch Feministin. Für uns war damals alles irgendwie politisch. Wir Feministinnen hatten große Schwierigkeiten mit den geltenden Normen. Wir wollten uns nicht sagen lassen. Frauen werden für gleiche Arbeit schlechter bezahlt als Männer? Das durfte nicht sein. Wir wollten die Gleichberechtigung. Deshalb haben wir für bald 30 Jahre alles daran gesetzt, einen Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Gehirn zu verneinen. Biologen und andere Wissenschaftler hatten durchaus dazu geforscht. Aber nur an Tieren. In wissenschaftlichen Kreisen war das Thema also durchaus bekannt, aber eben nicht in der Öffentlichkeit.“

Was bedeutet Ihr Forschungsergebnis für die Wissenschaft einerseits und für die Frauen andererseits?

  • „Meine Erfahrung ist die, dass Frauen, die das Buch gelesen haben, sich sehr gut mit dem Ergebnis fühlen. Denn es bestätigt im Grunde das, was viele Frauen fühlen, dass die Hormone großen Anteil daran haben, wie wir sind. Und dass ein weibliches Gehirn über Millionen Jahre Evolution geformt wurde, soziale und emotionale Zusammenhänge besser zu deuten oder umzusetzen, als es Männer können. Männer, die mein Buch gelesen haben sagen, dass sie nun die Frauen besser verstehen würden.“

Haben Sie diese kontroversen Diskussionen erwartet, die der Veröffentlichung Ihres Buches folgten?

  • „Nein. Das hätte ich nie erwartet. Ich arbeite schon so lange als Professorin an der Uni. Die Forschungen unserer kleinen Fakultät wurden nie so hitzig debattiert. Das ist eine völlig neue Erfahrung für mich. Ich kann durchaus die Frauen verstehen, die nun glauben, mit diesem Buch hätte ich alle weiblichen Geheimnisse gelüftet und für Männer zugänglich gemacht. Ich denke jedoch, unsere Geheimnisse sind es wert gelüftet zu werden. Weil wir doch längst aus Erfahrung wissen, dass Frauen all das machen können, was auch ein Mann kann. Sie können Soldatin werden oder Politikerin, Künstlerin, Ärztin, Anwältin, aber genauso gut können sie Hausfrau sein und Kinder aufziehen. Und die Männer? Auch sie können all das tun. Die Erfahrung zeigt, dass Männer genauso gut zuhause bleiben, den Haushalt und Kinder versorgen können. Die Tatsache, dass Frauen seit Millionen Jahren in der Lage sind, ein Embryo zu empfangen und auszutragen, haut doch keinen Wissenschaftler mehr vom Stuhl. Das Entscheidende ist, dass die Evolution bestimmte Areale im Gehirn für Frauen und Männer unterschiedlich gestaltet. Das betrifft allerdings nur einen sehr kleinen Teil. Mehrheitlich unterscheiden sich die Gehirne von Frauen und Männern in keinster Weise. Und dieses kleine Areal erlaubt es den Frauen beispielsweise sich an emotionale Details zu erinnern. Die Art, wie sich Mädchen untereinander austauschen oder Frauen sich unterhalten weicht stark von der Kommunikation der Männer ab.“

Das ist aber doch nicht neu.

  • „Natürlich nicht. Für uns Frauen sind diese Tatsachen keine Überraschung. Nur die Herren der Schöpfung vergessen das schon mal.“ (lacht).

Was bringt Ihre Kollegen dann so auf die Palme? Dass Frauen zum Beispiel gefühlsbetonter handeln, ist kein Geheimnis. Sie versuchen lediglich einen Beweis dafür vorzulegen.

  • „Ich glaube, dass jede Gesellschaft zehn oder zwanzig Jahre darauf verwendet, sich Gedanken darüber zu machen, wie man alles gleich machen könnte. Unisex ist ein gern gebrauchter Begriff dafür. Das hat häufig politische oder wirtschaftliche Hintergründe. Es braucht eben seine Zeit, bis sich unsere Blickrichtung verändert. Es kann manchmal durchaus gefährlich sein einfach mal aufzustehen und zu sagen, okay so ist es nun mal. Auch wenn es Leute gibt, die sich mit diesen Fakten nicht auseinandersetzen wollen oder sich nicht wohl damit fühlen. Dafür gibt es genug Frauen, die es besser wissen. Sie haben doch in Deutschland eine Kanzlerin, die obendrein auch noch Wissenschaftlerin ist. Wenn man einen Beweis dafür braucht, dass Frauen die gleichen Aufgaben wie Männer übernehmen können, dafür ist sie doch das beste Beispiel.“

Wo genau liegen denn nun die größten Unterschiede?

  • „Wir wissen beispielsweise, dass der Hippocampus im weiblichen Gehirn größer ist. In diesem Areal erinnern wir emotionale Begebenheiten und speichern sehr detaillierte Erinnerungen. Bei Männern ist das Areal im Gehirn für das sexuelle Verlangen zweimal so groß wie bei Frauen. Ich habe ja bereits erwähnt, dass sich die Unterschiede im Alter von acht Wochen bei einem Embryo ausbilden. Dass der Bereich im männlichen Gehirn, der zuständig für das sexuelle Verlangen ist, so groß wird, ist Ergebnis der erhöhten Zufuhr von Testosteron in dieser Lebensphase.“

Sie sagen, es treten vermehrt Depressionen nach der Geburt und in den Wechseljahren auf und führen das auf Veränderungen im Hormonhaushalt zurück. Kann man dem entgegenwirken?

  • „Wir wissen, dass eine Hormongabe an Frauen am Beginn der Menopause positiv aufs Gehirn wirkt. Mir ist durchaus bewusst, dass dies sehr kontrovers diskutiert wird, ganz besonders in den Vereinigten Staaten. Denn dort haben Studien gezeigt, dass es Frauen auch sehr schaden kann, wenn man ihnen Hormone gibt und zwar denn, wenn der Zeitpunkt zu spät gewählt wurde, also beispielsweise nach dem 60. Lebensjahr. Deshalb ist es wichtig, möglichst früh zu Beginn der Wechseljahre anzufangen. 2008 erscheint dazu eine US-Studie, die uns diesbezüglich mehr Informationen an die Hand geben wird.“

Welche Auswirkungen hat die Pille auf den Hormonhaushalt und damit auf die Abläufe im Gehirn? Man greift ja regulierend in den Zyklus ein.

  • „Ich würde die Anti-Baby-Pille gern außen vor lassen. Obgleich sie ähnlich wirkt, wie die Hormongabe bei Frauen in den Wechseljahren. Wie sich aber nun eine Einnahme der Pille über einen langen Zeitraum hormonell auf das Gehirn auswirkt, ist bislang noch nicht erforscht. Wenn eine Frau die Pille nicht nimmt, dann hebt und senkt sich ständig der Hormonspiegel zwischen Pubertät und Menopause. Diese Schwankungen führen, soweit wir wissen, dazu, dass Frauen sensibler an bestimmten Tagen sind als an anderen. Welchen langzeitigen Effekt das hat, wissen wir bislang noch nicht. Es gibt Kollegen, die glauben, dass Frauen, die regelmäßig Hormone einnehmen diese sensiblen Momente ständig erleben. Wenn eine Frau in den Wechseljahren Hormone einnimmt, hat es positive Auswirklungen auf ihr Gedächtnis.“

Was wünschen Sie sich von der Veröffentlichung Ihrer Ergebnisse?

  • „Ich habe die Hoffnung, dass Frauen wie Männer diesen spektakulären Bereich des weiblichen Gehirns für sich entdecken. Ich wünsche mir, dass die positiven Eigenschaften, die damit verbunden sind, von der Gesellschaft genutzt und eingesetzt werden. Denn es ist das Beste, das uns passieren kann. Es wäre grundfalsch Frauen dafür zu verurteilen, dass sie in manchen Situationen emotionaler reagieren. Deshalb kann ich nur dazu aufrufen: unterstützt die Frauen darin, dass sie alle Areale ihres Gehirns nutzen. Denn damit können wir die Frauen unterstützen, die eine Balance suchen zwischen Karriere und Familie. Da muss sich ein Umdenken in der Gesellschaft etablieren. Warum müssen Frauen ständig dafür verurteilt werden, dass sie gern Karriere machen und eine Familie haben möchten? Wenn wir lernen ihnen die Flexibilität zuzugestehen, die sie brauchen ihre Kinder großzuziehen, um danach, wenn sie in der Schule sind, wieder in ihrem Job Fuß zu fassen, würde das auch dem sozialen Gefüge sehr gut tun.“

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Claudia Hötzendorfer

Buchtipp:

Louann Brizendine:
Das weibliche Gehirn – warum Frauen anders sind als Männer
(Hoffmann & Campe 2007)

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