Interview: Markus Lanz

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Woche für Woche talkt er mit prominenten Gästen oder schaut Fernsehköchen über die Schulter. Was viele nicht wissen, Markus Lanz ist im Nebenberuf Fotograf und Autor. 15 Jahre hat er in ein Projekt über Grönland und seine Menschen gesteckt, das er als „Herzensangelegenheit“ bezeichnet. Nun wurde es von National Geographic mit einem opulenten Bildband geadelt. Mit Claudia Hötzendorfer sprach der Wahl-Kölner über seine erste Begegnung mit Grönland, die Fähigkeiten der Inuit stundenlang bewegungslos zu verharren, sowie seine Faszination für Eis und Schnee.

 

Wie war Ihre erste Berührung mit Grönland?

„Vor 15 Jahren bin ich auf abenteuerlichste Weise nach Grönland gekommen. Ich war unterwegs mit einem meiner besten Freunde. Rudi ist Dokumentarfilmer beim italienischen Fernsehen. Gemeinsam haben wir Ostgrönland mit einem Hundeschlitten bereist. Der Plan war, zwei Jäger in ein kleines Dorf zu begleiten. Wir dachten, wenn wir um neun losfahren, werden wir nachmittags gegen vier unser Ziel erreichen. Das ganze Unternehmen entwickelte sich zur Katastrophe, als wir von tiefem Schnee überrascht wurden. Wir kamen einfach nicht mehr weiter. Außerdem waren wir selber lausig vorbereitet. Wir hatten weder die richtige Kleidung, noch Proviant und Getränke dabei. Wir hatten einfach unsere Hausaufgaben nicht gemacht. Als die Hunde nicht mehr konnten, haben wir selbst den Schlitten über den Gletscher gezogen. Es war unglaublich mühsam, weil wir ständig bis zur Hüfte in den Schnee einbrachen. Wir waren nass geschwitzt und der Schnee drang überall in die Kleidung. Völlig unterkühlt haben wir dann morgens um drei das kleine Dorf erreicht.

Damals habe ich das erste Mal erlebt, wie nah Schönheit und Drama in dieser arktischen Landschaft beieinander liegen können. Ich hatte noch drei Monate danach Probleme mit meiner Lunge, weil ich die eiskalte Luft zu tief und zu lange eingeatmet hatte. Andererseits gab es einen atemberaubenden Moment: Wir standen nachts oben auf dem Gletscher, der Mond tauchte alles in ein milchiges Licht und plötzlich stand ein Eisbär da. Der zweitschönste Moment war der, als wir morgens um drei heiß duschen konnten. Das war die beste Dusche meines Lebens.“

Wie erleben Sie den Wechsel zwischen der schnelllebigen Medienbranche im Alltag hin zur Entschleunigung dort im hohen Norden?

„In den ersten Tagen geht man buchstäblich die Wände hoch, weil all diese Zerstreuungen, die wir im Alltag haben, plötzlich nicht mehr da sind. Da wird klar, welches Monster wir alle in unseren Köpfen herangezogen haben, das immer weiter gefüttert werden muss, mit allen möglichen Reizen, Tag und Nacht, rund um die Uhr. Wenn man dann plötzlich in dieser weißen Weite steht, in der kein Handy mehr funktioniert, kein Fernseher da ist, kein Internet, wird man fast wahnsinnig. Doch nach drei oder vier Tagen merke ich, wie ich ruhiger werde. Das tut unheimlich gut. Und man lernt, sich zu konzentrieren. Wenn ein grönländischer Jäger bei minus 40 Grad stundenlang vor einem Robbenloch lauert, dann muss er in der Lage sein, das Denken praktisch auszuschalten. Ich hab mich mal an so ein Atemloch gestellt. Zehn Minuten lang ging alles gut. Aber dann! Erst juckte es am linken Ohr, dann am rechten. Dann oben, dann unten. Dann hinten, dann vorn. Ich habe es nicht geschafft, stillzustehen.“

Das klingt fast so, als seien Ihre Aufenthalte in Grönland eine Art Auszeit für Sie, in der Sie Kraft schöpfen können, wie sie andere vielleicht im Kloster finden.

„Vielleicht. In ein Kloster zu gehen hat einen ähnlichen Effekt. Für mich ist es ein interessanter Gedanke, dass Kartäuser-Mönche, die überhaupt nicht reden, dies nicht als Quälerei empfinden.“

 

Welchen Zeitbegriff haben die Inuit?

„Dazu kann ich Ihnen eine schöne Geschichte erzählen. Ich habe einen Jäger erlebt, der aus der Tür ging und sagte: Ich geh kurz eine Robbe jagen. Drei Wochen später kam er wieder zurück. Im Buch finden Sie die Geschichte eines alten Paares, das seit 40 Jahren allein auf einer Insel im Polarmeer lebt, in der größten Einsamkeit, die Sie sich vorstellen können. Von diesem Ort bis zum Nordpol sind es nur noch knapp 1000 Kilometer. Er ist der Enkel des legendären Nordpol-Eroberers Robert Peary. Eines Tages sagte er zu seiner Frau, ich gehe auf Eisbärjagd. Nach vier Monaten kam er zurück.“

Haben die Frauen keine Angst, dass Ihre Männer nicht wieder zurückkommen oder sind sie so mit der Natur verbunden, dass sie diese Ungewissheit als gegeben akzeptieren?

„Die Inuit haben ein anderes Verhältnis zum Tod. Die Jagdausflüge und überhaupt das Leben im Eis sind gefährlich, und es passiert nicht selten, dass jemand nicht mehr zurückkommt, einfach im Eis verschwindet. Es kann auch passieren, dass die Frau längst einen anderen Partner hat, wenn ihr Mann zurückkommt. (lacht)“

Sie haben einige Zeit in einem Dorf der Inuit verbracht. Bekamen Sie dabei etwas von ihren Mythen und Riten mit? Wie offen sind sie diesbezüglich Fremden gegenüber?

„Es kommt darauf an, ob sie dir vertrauen. In meinem Buch finden Sie Bilder, auf die ich drei Jahre gewartet habe. Zum Beispiel Bilder von mitternächtlichen Besuchen, bei denen mitten im Wohnzimmer eine Robbe zerlegt und rohe Robbenleber gegessen wird. In solchen Momenten habe ich immer das Gefühl, dass ich in der Zeit 1000 Jahre zurückreise. Dann aber sehe ich, wie auf einem kleinen Fernseher im Hintergrund die Nachrichten mit Bildern von der letzten EU-Sitzung in Brüssel laufen. Das zeigt den großen Widerspruch, in dem sie leben. Die Robbe war immer schon die Grundlage ihrer Kultur. Aber sie jagen nur so viele Tiere, wie sie wirklich brauchen. Und sie verwenden absolut alles. Das hat mit der Robbenschlachterei, die wir regelmäßig in Kanada sehen, nichts zu tun.“

 

Nordamerikanische Indianerstämme kannten das Ritual ebenfalls. Dort bekam der Jäger Herz und Leber des erlegten Büffels, die gleich an Ort und Stelle roh verzehrt wurden.

„Ganz genau. Das ist auch wichtig als Energielieferant. Übrigens ebenso wie Narwalhaut, die ich auch schon einmal probiert habe. Sie ist ungeheuer vitaminreich. Es ist kein Zufall, dass die Europäer und Wikinger, die Grönland und die Polarregion erkundeten, oft an Skorbut starben. Die Inuit saßen in ihren Iglus und erfreuten sich bester Gesundheit. “

Sie haben in einem Interview erzählt, dass Sie anfangs glaubten, die perfekte Kleidung für die arktischen Temperaturen zu haben, schnell jedoch feststellen mussten, dass dem nicht so war und Sie sich lieber eine Fellhose von den Inuit ausgeliehen haben. Daraus schließe ich, dass wir überhaupt keine Vorstellung haben, wie kalt es dort oben wirklich ist.

„Nein, man hat tatsächlich keine Vorstellung davon. Erstaunlicherweise friert ein Inuit mit der falschen Kleidung auch in Hamburg. Es ist ein Klischee, dass die Inuit die Kälte lieben. Im Gegenteil, die Buden sind immer überheizt. Sie lieben die Wärme und duschen ewig lang – wenn sie eine Dusche haben.

Als ich im Winter in Nordgrönland kalte Füße hatte, zog ich Schuhe aus Bärenfell an. Aber meine Füße blieben kalt. Also zog ich noch ein zweites Paar Socken an. Nach dem Motto: mehr hilft mehr. Es wurde nur noch schlimmer. Irgendwann stand ich da und habe nur noch die mit den Zähnen geklappert. Da sagte der Jäger zu mir: Zieh die Socken aus, geh mit nackten Füßen da rein! Ich dachte: Hier sind minus 40 Grad – ich werde erfrieren! Doch er bestand darauf. Also zog ich die Socken aus, schlüpfte mit nackten Füßen in diese Schuhe, die nur eine ganz dünne Sohle aus Robbenhaut haben, und dachte: Das war’s jetzt mit meinen Füßen. Doch nach 20 Minuten wurde es plötzlich wunderbar warm! Es ist das Prinzip ‚Haut auf Haut’.

Damals habe ich begriffen, wie dieses kleine Volk dieser kalten Eiswüste sein Leben abgetrotzt hat.“

Sie kommen ursprünglich aus Südtirol, einem klassischen Wintersportgebiet. Ist das möglicherweise ein Grund dafür, dass Sie sich in der Kälte Grönlands wohl fühlen?

„Ja. Sobald es schneit, muss ich einfach raus. Wenn es in meinem Wohnort Köln mal Schnee gibt, ist das wie Weihnachten, Neujahr und Ostern zusammen. Wir wussten als Kinder, sobald der erste Schnee gefallen ist, beginnt wieder die beste Zeit. Wir konnten Rodeln und Skifahren. So was prägt das ganze Leben. Mein Sohn hat die Begeisterung übernommen. Für den sind die Reisen nach Grönland das Größte.“

Das heißt, Ihr Sohn reist mit?

„Laurin war auf fast allen Reisen dabei. Für Kinder ist dieses Schneeland die große Freiheit. Keine Straßen, keine Autos, höchstens mal ein Hundeschlitten von links oder rechts. Als wir das erste Mal im Winter da waren, lagen 7 Meter Schnee. Wir haben ganze Tunnelsysteme entworfen und halb Grönland umgegraben. Es war großartig.“

Was wünschen Sie sich von Ihren Lesern oder Zuschauern, wenn es um Grönland geht?

„Ich wollte dokumentieren, wie schön diese Landschaften am Ende der Welt sind. Und ich wollte zeigen, dass die Arktis weit mehr ist als eine geografische Definition. Die Arktis ist ein Gefühl, an jedem Ort ein anderes. In Norwegen sind es die Schwertwale, die im Dezember auf den Lofoten Hering jagen, in Island die sturen, wilden Pferde, in Alaska die Bären, in Grönland die Hundeschlitten. All das ist im Buch zu sehen, die Bilder sind im Lauf von 10 Jahren entstanden. Und ich würde mir wünschen, dass wir unseren Klischees nicht auf den Leim gehen. Wir lesen hier über Grönland immer nur im Zusammenhang mit Erderwärmung oder Alkoholismus, doch Grönland ist so viel mehr. “

 

Bekommen die Inuit die Auswirkungen der Erderwärmung mit und wenn ja, wie reagieren sie darauf?

„Oh ja, natürlich und das macht ihnen auch Angst. Da sind große Dinge im Gange, die wir gern mal verdrängen, um lieber noch schnell ein Kohlekraftwerk aufzumachen.“

Wie gehen die Inuit mit dieser Entwicklung um?

„Die Jäger in Nordgrönland können Ihnen genau sagen, wann sie angefangen haben, sich das erste Mal Sorgen zu machen. Das war 1998. Da war das Eis das erste Mal nicht mehr gut. Die Inuit schockiert das. Ich kann diese Artikel inzwischen nicht mehr lesen, in denen geschrieben wird, die Grönländer freuten sich über den Klimawandel, weil in Südgrönland wieder Kartoffeln wachsen. Was für ein Blödsinn! Man muss sich klar machen, dass Grönland vier Länder in einem ist. Südgrönland hat mit Nordgrönland nicht das Geringste zu tun. Das ist, als würde man Norwegen mit Italien vergleichen. Dazwischen liegen Welten und es herrschen ganz andere klimatische Verhältnisse. Gleiches gilt für die Ost- und Westküste.“

2007 haben Sie bereits ein Buch veröffentlicht, das sehr erfolgreich war. Könnten Sie sich das Fotografieren und Schreiben als zweites Standbein vorstellen?

„Ja, das ist mittlerweile ein zweiter Beruf. Und natürlich ist es besonders spannend, für National Geographic ein Fotobuch zu machen, denn dort sind die Ansprüche hoch, und die Bilder müssen eine bestimmte Form von Emotion transportieren. Mein erstes Buch über das Leben von Horst Lichter verfolgte einen ähnlichen Ansatz: Eindringliche Fotos mit sehr persönlichen Texten. Dennoch lassen sich die beiden Projekte überhaupt nicht miteinander vergleichen.“

Wie oft fahren Sie denn nach Grönland?

„Mindestens einmal im Jahr. Allein schon meinem Sohn zu liebe. Sonst würde der Haussegen schief hängen. Laurin will seine Freunde sehen. Und das kann ich gut verstehen.“

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Claudia Hötzendorfer

Buchtipp

  • Markus Lanz, „Grönland – meine Reisen ans Ende der Welt“ (National Geographic, 304 S., € 39,95)

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