Interview mit der Philosophin und Tierrechtlerin Hilal Sezgin

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„Auch Tiere haben ein Recht auf Leben“

Wenn es darum geht, sich für Tiere einzusetzen, nimmt Hilal Sezgin kein Blatt vor den Mund. In ihrem Buch Artgerecht ist nur die Freiheit stellt sie moralische und ethische Fragen, vor denen sich die meisten lieber drücken würden. Etwa wenn es darum geht, ob es richtig ist, Tiere für das Wohl des Menschen im Laborversuch leiden zu lassen, ihren frühen und qualvollen Tod in Kauf zu nehmen, nur um ihr Fleisch zu essen oder Haut und Fell für Kleidung zu verwerten.

Sie haben sehr lange für Ihr Buch recherchiert. Was hat sich für Sie durch die Arbeit daran verändert?

„Für mich war die philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema besonders wichtig. Schon während meines Philosophiestudiums hatte ich mich mit Tierethik beschäftigt und auch danach immer mal wieder. Doch als ich dann an dem Buch gearbeitet habe, hat sich meine Sicht auf einige Aspekte doch noch einmal radikal verändert.

Zum Beispiel, wenn es um Tierversuche und deren Rechtfertigung geht. Inzwischen bin ich eine überzeugte Gegnerin jeder Art von Tierversuchen. Ich denke, dass in Diskussionen dieses Thema von Philosophen falsch gewichtet wird. Was mich überrascht hat. Übrigens ebenso wie die milde Form des Speziesismus, die Bevorzugung der menschlichen Spezies vor allen anderen oder zumindest die ungerechtfertigte Benutzung aller anderen Spezies.“

 

Wir haben in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern schon ein verhältnismäßig strenges Tierschutzgesetz, das aber bei näherer Betrachtung mit „Schutz“ nicht so wirklich viel zu tun hat, weil es für jede Regel auch die Ausnahme gibt. Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, gegen Windmühlen anzurennen, wenn zum Beispiel stolz verkündet wird, dass Legehennen jetzt ein paar Zentimeter mehr Platz in ihren überfüllten Ställen haben, aber eben immer noch in einem überfüllten Stall hausen müssen?

„Es überrascht mich immer wieder, wie viele davon ausgehen, dass wir ein strenges Tierschutzgesetz haben. Nicht wenige glauben sogar, wir hätten das strengste Tierschutzgesetz. Dabei gibt es, wie Sie schon sagen, sehr, sehr viele Ausnahmen. Alles andere, was die Regel ist, ist als Ausnahme im Gesetz erlaubt. Da heißt es beispielsweise, man soll den Tieren keine Körperteile amputieren, außer wenn man ihnen zum Beispiel die Schnäbel beschneidet, damit sie sich nicht gegenseitig verletzen oder Schweinen die Schwänze kopiert.

Nun fragen Sie danach, ob es nicht frustrierend ist, da immer wieder gegen anzukämpfen. Das hat für mich nicht nur mit dem Gesetz zu tun. Ich denke, wenn das Tierschutzgesetz ernster genommen würde, also in sich selber konsistenter, wäre das auch schon mal was. Nur genau das passiert ja leider nicht.

Frustrierend ist es auch deshalb, weil man so viel Leid sieht und davon durch die Recherche erfährt. Wenn man sieht, was täglich mit Millionen von Tieren gemacht wird, zu wissen, alles was Sie erreichen können ist ohnehin nur ein Tropfen auf den heißen Stein und kommt für diese Tiere auf jeden Fall zu spät. Denn ihnen kann ich nicht mehr helfen, sie werden ja unmittelbar darauf schon geschlachtet.“

 

Inwieweit macht denn eine enge Auslegung des Gesetztes Sinn, wenn man nur über die Landesgrenzen hinausgehen muss, um sie zu umgehen?

„Für mich steht eine Gesetzesänderung hier gar nicht im Vordergrund, weil wir zuerst einmal die Meinung der Menschen ändern müssen. Wir müssen dahin kommen, dass es falsch ist Tiere zu töten, um sie zu essen und dass es falsch ist, sie einzusperren und ihnen die Kinder wegzunehmen und ihres artgerechten Lebens zu berauben. Wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem wir diesen Umgang mit den Tieren als Gewalt im Gesetz verankern können. Aber wir können daran arbeiten, dass sich die Meinung der Menschen zu diesem Thema ändert. Denn von ihrem Verhalten und Konsum hängt auch die Tierhaltung ab.“

 

Wenn wir über Tierschutz reden, denken wir in der Regel an Haus-, Nutz- und vielleicht noch Wildtiere. Eher selten haben wir dabei Fische, Amphibien oder sogar Insekten im Sinn. Obwohl gerade sie – nehmen wir z. B. mal die Bienen – ungeheuer wichtig für unser Ökosystem sind. Ist das Thema Tierschutz einfach zu komplex, um es generell auf alle Arten anzuwenden oder ist es eigentlich einfach und wir haben nur die falsche Einstellung, weil wir bestimmte Arten mehr im Blick haben, als andere?

„Tierschützer, die sich für Hunde und Katzen engagieren, müssten sich einmal klarmachen, wenn ihre Schützlinge so gehalten würden wie Schweine, wäre das Tierquälerei. Schweine sind wie Hunde und Katzen sehr reinliche Tiere, trotzdem würden wir Hunde und Katzen nie zwingen, in ihrem eigenen Kot zu liegen. Aber genau das machen wir ja mit den Schweinen. Da frage ich dann schon, wieso ist das bei dem einen Tier okay und bei dem anderen nicht? Wenn man sich für Schweine einsetzen will, dann isst man sie einfach nicht. Mich schockiert es immer wieder, wie Tierschützer oder Tierheime, die beispielsweise Hunde und Katzen aus Ungarn oder Spanien holen um sie zu retten, bedenkenlos ein Schweineschnitzel auf den Grill legen können.“

 

In den letzten Jahren häufen sich die Buchveröffentlichungen zum Thema Tierethik, die Medien berichten öfter über Tierleid zur besten Sendezeit. Es scheint so, als würde sich die Öffentlichkeit zunehmend für den Umgang mit Tieren sensibilisieren. Wie schwer ist es für Sie als engagierte Journalistin Beiträge zur Tierethik und zum Tierschutz zu platzieren?

„Es ist schon sehr schwierig. Unsere Medien sind ja eigentlich für Menschen gemacht. Das heißt, weder in den Ressorts Politik noch Kultur gehören nach der Eigenwahrnehmung der Medienverantwortlichen Tierberichte hinein. Hinzu kommt, dass die Nachrichtenberichterstattung auf akute und aktuelle Meldungen und Ereignisse ausgelegt ist. Chronische Zustände finden da keinen Platz. Doch alles, was ich anprangere sind chronische Zustände. Deshalb stellt sich immer wieder die Frage, wie kann ich Themen über Tiere und das was wir ihnen jeden Tag antun, in die Medien bekommen? Das Absurde daran ist ja, dass gerade diese Berichte so viele verschiedene Textgattungen ermöglichen würden. Man kann alles machen, von Kommentaren, über Kolumnen, Polemiken bis hin zu Reportagen und wissenschaftliche oder philosophische Essays. Nur muss man die Verantwortlichen immer wieder überzeugen, warum das gerade in ihr Ressort gehört. Nicht selten wird man dann mit dem Satz, wir hatten neulich schon was über Tiere, abgelehnt. Nur was heißt das genau? Ist es dasselbe, wenn ich über einen Schweinemastbetrieb schreibe oder die artgerechte Haltung von Schildkröten? Wohl eher nicht. Es gibt so viel, das man berichten kann außerhalb von den üblichen Tierheimreportagen, die Praktikanten und Volontäre oft machen. Über Tiere die unsichtbar bleiben. Die abgeschirmt von der Öffentlichkeit ausgenutzt und ausgebeutet werden.“

 

Mit Schreckensbildern zur besten Sendezeit oder Skandalen wie Gammelfleisch und BSE lassen sich Konsumenten oft nur für kurze Zeit schockieren und vom Fleischverzehr abhalten. Sind wir emotional schon so abgestumpft oder müssen sich die Argumente ändern? Müssen wir eine Kuh sehen und hören, die nach ihrem Kalb schreit oder Tiere, während sie im Labor malträtiert werden, um bleibend beeindruckt zu sein?

„Da stellt sich zunächst einmal die Frage, wer sich diese Bilder überhaupt ansieht. Diejenigen, die Fleisch essen, schauen sich solche Berichte eher selten an, weil es sie nicht interessiert oder sie das Leid lieber verdrängen. Und diejenigen, die längst Vegetarier sind oder vegan leben, schauen es sich dann an und weinen die halbe Nacht

Wenn Sie nach der Emotionalität der Bilder fragen, so sind Aufnahmen von Schlachtungen genauso gefühlsgeladen wie heimlich gedrehte Videos von Hühnerfarmen. Ich denke, wir brauchen alles. Wir dürfen unsere natürlichen Abwehrmechanismen dabei nicht vergessen. Wir müssen einfach auch in der Lage sein, Grauen abzuwehren, um überhaupt durch den Tag oder durch die Welt zu kommen. Wir werden ja auch ständig mit Grausamkeiten aus allen Teilen der Welt in den Nachrichten bombardiert. Ich denke, es geht hier vor allem um die Erklärung, um die Menschen dazu zu bringen, ihr Augenmerk auf bestimmte Sachverhalte zu richten. Und um die Hintergründe zu verstehen, brauchen wir alle möglichen Formen der Berichterstattung. Die sollte dann von dem allgemeinen Phänomen bis hin zum Einzeltierschicksal reichen. Den einen berührt das einzelne Tier mehr, der Ausdruck in seinem Gesicht auf einem Foto, ein anderer bleibt stehen, weil ihm plötzlich ein Film das Ausmaß der Massentierhaltung verdeutlicht.“

Die Wochenzeitung Die Zeit machte kürzlich die Debatte, Tieren Rechte zuzugestehen, die vergleichbar mit den Menschenrechten seien, zum Titelthema. Eine Schnapsidee oder ein wichtiger Impuls für eine längst fällige Auseinandersetzung über den Umgang mit Tieren?

„Man muss zunächst einmal erkennen, dass hier der Begriff Menschenrechte für Tiere so verwendet wird, als gehe es auch genau darum, für Tiere die gleichen Rechte wie für den Menschen zu fordern. Dem zugrunde liegt, dass es Tieraktivisten gibt, die Menschenrechte für Menschenaffen anregen, weil sie unsere nächsten Verwandten sind. Sie hoffen auf diese Weise, die Grenze zwischen Tier- und Menschenrecht aufbrechen zu können. Was durchaus sinnvoll sein kann. Andere hingegen sagen, wir wollen uns doch nicht nur für Affen engagieren, sondern wir wollen elementare Rechte für alle Tiere. Zu dieser Gruppe würde ich mich eher zählen.

Tatsächlich hat aber beides seine Berechtigung, denn die Grenzziehung zwischen Mensch und Tier ist falsch, weil sie nicht so absolut ist. Vieles, was wir an Menschen schützen oder schonen, ihm zugestehen wollen und müssen, gilt für ein Tier genauso. Natürlich wird bei der Debatte im Umgang mit Menschenaffen der Begriff auf Menschenrechte zugespitzt, weil es besser klingt und mehr Aufmerksamkeit bringt. Es kommt ja auch immer darauf an, was man unter Menschenrechten versteht. Das Recht auf Bildung für eine Kuh ist doch wohl Quatsch oder? Wohingegen das elementare Recht auf Unversehrtheit schon eine andere Kategorie darstellt.“

 

Sie zählen in Ihrem Buch vier Faktoren auf, die einen Tierversuch definieren:

  1. Folgeschmerzen/Trauma
  2. lebenslange Laborhaltung/verfrühter Tod
  3. isoliertes Laborleben als Stressfaktor
  4. Stress, Angst und Panik schon bei Routinehandlungen wie tgl. Blutabnahme

Wenn wir nun davon ausgehen, dass Tiere empfinden wie wir Menschen und – wie Forschungen inzwischen belegen – auch ein Bewusstsein haben, wie kann man diese Tests noch rechtfertigen und in welchen Fällen?

„Aus meiner Sicht, gibt es nichts, was einen Tierversuch rechtfertigen würde. Es wird ja oft damit argumentiert, dass die Forschung am Tier doch für den Menschen so praktisch ist. Doch genau da greift die Frage nach der Moral. Wir müssen doch genau da eine Grenze ziehen, wo etwas für uns vielleicht praktisch sein mag, für andere jedoch die Hölle darstellt. Und genau das ist doch da der Fall. Man darf einfach nicht alles machen, was für uns hilfreich wäre. Man darf ein anderes Lebewesen nicht beliebig für eigene Zwecke einsetzen, Qualen aussetzen oder töten, nur weil es zum Vorteil für uns wäre.“  

 

Ist es nicht so, dass es oft gar nicht zu vergleichbaren und auf den Menschen übertragbaren Ergebnissen kommt?

„Das kommt noch hinzu. Gerade ist eine Studie veröffentlicht worden von Ärzten gegen Tierversuche, die sich mit der Nichtübertragbarkeit vom Tier auf den Menschen beschäftigt. (Anmerkung: weitere Informationen hierzu unter http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de) Es gibt inzwischen so viele alternative Möglichkeiten, selbst bei schwierigsten neurologischen Prozessen, auf die die Forschung zurückgreifen kann. Nur muss man leider auch davon ausgehen, dass hinter dieser Art Tierversuchsforschung eine große Industrie steht, die sich gerade darauf spezialisiert hat. Sie stellt die Versorgung mit Geräten und Tieren sicher. Da werden Milliarden investiert und umgesetzt. Hier müsste man wirklich gesetzlich dagegen vorgehen und die Forschungsgelder müssten viel mehr in die alternative Forschung gehen. Lächerliche vier Millionen Euro im Jahr sind nichts.“

 

Wo fängt ein Tierversuch eigentlich an? Schon da, wo ein Futtermittelhersteller Hunde und Katzen in Zwingeranlagen hält, um sie neue Produkte testen zu lassen?

„In dem Zusammenhang fällt gerne mal der Begriff, die Tiere leben wie die Made im Speck. Das sagen sogar die Schweinemäster. Dem liegt ein falsches Bild vom Tier zugrunde. Die Leute setzen satt sein mit Zufriedenheit gleich. Aber Leben ist so viel mehr als nur satt zu sein. Leben bedeutet auch einmal hungrig zu sein, mal auf etwas zu verzichten, Lust zu verspüren irgendwo hinzugehen, etwas zu suchen, etwas nicht zu finden und eben auch mal frustriert zu sein. All das gehört zum Leben, wie die soziale Interaktion mit Artgenossen und ein sicherer Schlafplatz. Es ist mir sehr wichtig, diese Auffassung, wenn der Tank voll ist, ist das Tier zufrieden, aufzubrechen. Denn das ist nicht Leben, weder für Menschen, noch für Tiere. Ein Schwein will nicht nur einen vollen Trog, es will auch mal wühlen und sich suhlen. Den Hunden und Katzen in den Zwingeranlagen geht es da auch nicht anders, auch wenn sie jeden Tag einen vollen Napf haben.

Kürzlich war ich auf dem Gelände einer tierärztlichen Hochschule. Da gab es Zwingeranlagen für die Versuchshunde der Parasitologie und nur ein paar Hundert Meter weiter konnten Menschen ihre Lieblinge auf hightechmedizinischem Niveau behandeln und z. B. ihrem Hund eine goldene Hüfte machen lassen. Jedes Institut hatte dort eigene Versuchstiere und niemand sah da den Widerspruch.“

 

Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass Menschen, die mit Labortieren umgehen, selbst sehr tierlieb sind und oft auch eigene Hunde oder Katzen haben.

„Das ist ein Phänomen, das Menschen aufgrund ihrer kognitiven Leistung da ganz offensichtlich Grenzen ziehen können, um bestimmte Tatsachen auszublenden. Und dieses Ausblenden funktioniert auch in anderen Bereichen, Kürzlich habe ich eine Frau beobachtet, die ihren Hund wie ein Spielzeug ausstaffiert hatte und total verhätschelte, dabei aber eine Pelzmütze trug. Als ich sie darauf ansprach, dass es ein echter Pelz wäre, kam von ihr nur ein ‚na und?’ In so einem Fall ist aus meiner Sicht eine Chance vertan. Wenn jemand ein Tier liebt, sollte er ruhig einmal darüber nachdenken, wie andere Tiere auf dieser Welt leben.

Ich kann einfach nicht verstehen, wie jemand sagen kann, das Tier tut mir leid und deshalb sorge ich jetzt für es und es dann nur dabei belässt.“

 

Nehmen wir einfach mal an, die Menschen in Deutschland würden komplett auf die Verwertung von Tieren verzichten und zwar nicht nur bezogen auf ihr Fleisch, sondern auch auf ihr Fell, Leder, Wolle oder andere Produkte, die Bestandteile von Käse, Fruchtsäften etc. sind. Ebenso entfiele die medizinische Forschung.

Was würde das für die Wirtschaft bedeuten? Ist ein Umdenken in diesem großen Stil nicht illusorisch?

„Gut, so eine Frage könnten Sie natürlich auch in Bezug auf die Atomkraft oder die Rüstungsindustrie stellen. Was würde passieren, wenn wir die Rüstungsindustrie abschaffen würden? Dann hätten wir starke Einbußen im Bruttosozialprodukt.“

 

Ein Moment, da hängt ja nicht nur die Lebensmittelindustrie mit dran, auch die Bekleidungsindustrie, Zubehörhersteller oder Logistikunternehmen müssten hohe Verluste einfahren. Und mal abgesehen von den Arbeitsplätzen, die wegfielen, wie und wo sollten die Tiere leben? Wer sollte ihre Versorgung sicherstellen und bezahlen, wenn sie selbst ja keinen Gewinn abwerfen?

„Es gibt auch andere Sparten der Landwirtschaft auf die man sich konzentrieren kann. Nun ist die Bio-Landwirtschaft schon arbeitsintensiver und man würde die Industrialisierung der Landwirtschaft ein Stück weit zurückfahren und da werden dann auch wieder mehr Arbeitskräfte benötigt. Wir sprechen hier von einer Hypothese.

Und bezogen auf die Frage, wo die Tiere leben sollen. Wir gewinnen schon allein dadurch mehr Fläche, dass wir keine Futtermittel mehr anbauen. Denn wir verbrauchen sehr viel Fläche allein dadurch, dass der Anbau als Futtermittel in die Tiermast gegeben wird. Allein mit den Erträgen der Ackerflächen, die wir zu diesem Zweck in Deutschland derzeit haben, könnte man die gesamte Bevölkerung zweimal so viel ernähren. Hinzu kommt, dass wir aus anderen – vor allem ärmeren Ländern in Südamerika wo dafür der Regenwald abgeholzt wird – Soja für unser Tierfutter importieren. Es sind ja nicht die Vegetarier, die so einen hohen Sojaverbrauch haben. Wir verbrauchen unheimlich viel Land, Wasser und Energie, schlicht Ressourcen aller Art, für die Tiermast. Denn es ist sehr aufwendig, Tiere für unsere Nahrung zu züchten.“

Nun wird die Biolandwirtschaft als besonders wertvoll und umweltbewusst gepriesen und die Nachfrage steigt. Tatsache ist jedoch, dass immer mehr deutsche Biobauern wieder auf die konventionelle Landwirtschaft umsteigen, weil es sich für sie sonst nicht rentiert. Große Discounter importieren ihr Biofleisch außerdem z. B. aus Polen, wo die Richtlinien nicht so streng ausgelegt werden, wie hierzulande. Ist Bio aus Tierschutzsicht also doch keine Alternative?

„Also, wenn ich sowieso dagegen bin, dass Tiere gegessen werden, dann stellt sich mir diese Frage nicht. Aber was klar sein muss ist, dass sich die Biohaltung der Tiere kaum von der im konventionellen Zucht- und Mastbetrieb unterscheidet. Die Bestimmungen haben nur minimale Unterschiede. Und auch das Fleisch von einem Biotier bleibt das Fleisch eines getöteten Tieres. Die Kühe und Schweine sind genauso überzüchtet und auch die Kälber werden ihren Müttern weggenommen. Ich denke schon, dass Bio im Anbau von Pflanzen einen sehr großen Unterschied macht, schon allein, weil weniger Pestizide eingesetzt werden dürfen. Aber auf die Tiere bezogen, gibt es den nicht.“

 

Wenn wir noch mal kurz zu unserer Utopie zurückkehren und nicht nur kein Fleisch mehr essen, sondern die Tiere auch so artgerecht wie möglich halten. Würde das nicht auch dazu führen, dass möglicherweise bestimmte Arten aussterben?

„Gegenfrage: Wäre das denn so schlimm?Man spricht ja gern von alten Nutztierrassen. Wie etwa bei den Schweinen, die vor rund 200 Jahren erstmals gezüchtet wurden. Wieso muss man jede Rasse unbedingt erhalten? Das würde man bei Hunden auch nicht machen. Wenn sie ein nicht artgerechtes Leben haben, werden sie aufgrund von Qualzucht verboten. Und viele Tiere in der Landwirtschaft fallen schon unter das Kriterium der Qualzucht. Oder diese Hybridhühner, die wir in Deutschland jedes Jahr töten. Es wäre doch nicht schade drum, wenn diese Zuchtlinien aussterben würden. Es geht nicht darum, dass jede Rasse überleben muss, sondern darum, dass es den Tieren einer Art gut geht.

Das ist dem musealen Interesse des Menschen geschuldet. Gern wird dann auch die These bemüht, dass es sich dabei um ein erhaltenswertes Kulturgut handelt. Mal im Ernst, die Dampflokomotive war eine der wichtigsten Erfindungen der Industrialisierung. Trotzdem fahren wir heute doch lieber in einem ICE mit Strom.“

 

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass man eine Balance finden muss zwischen einem zu hohen und einem zu geringen Anspruch im Umgang mit Tieren. Wie könnte die aussehen?

„Ich denke, eine Moral muss schon fordernd, aber sie darf nicht überfordernd sein. Denn beides stellt eine Gefahr dar. Wenn die Leute anfangen darüber nachzudenken, was alles in der Welt falsch läuft, fällt ihnen auf, dass sie gar nicht alles richtig machen können und dann machen sie alles genauso wie immer. Das ist nicht sinnvoll.

Natürlich ist es schlimm, wenn Kinderarbeit dazu führt, dass wir Klamotten billig kaufen können oder Minenarbeiter ausgebeutet werden, für unsere Handys. Aber es ist kein Grund nichts zu machen, weil man glaubt, dagegen nichts unternehmen zu können.

Wenn man auf Fleisch verzichtet und zum Vegetarier wird, kann man irgendwann auf vegan umstellen, auch wenn es eine Eingewöhnungszeit braucht. Solche Sachen sind ja nicht jedes Mal mit einem großen Aufwand verbunden. Andererseits ist es immer noch sehr schwierig, fair gehandelte Kleidung zu bekommen. Das heißt aber nicht, dass ich es nicht wenigstens versuche.

Alles geht sicher nicht, aber keins ist genauso zu wenig, wie nur eins. Auf einer moralpolitischen Agenda ist immer Platz für mehrere Punkte. Und einer davon kann das Thema Tiere sein. Es schont dann nicht nur die Tiere, sondern auch die Menschen. Denn man könnte die gesamte Ernährungslage entlasten, wenn man weltweit gerechter verteilen würde. Es würde sich durch einen geringeren Wasser- und CO²Verbrauch auch auf das Klima auswirken. Man darf ja dabei nicht vergessen, dass unser Lebensstil zu Lasten von Menschen in ärmeren Ländern geht. Der Klimawandel ist in anderen Ländern längst angekommen. Wenn man vegan lebt, ist das eine Win/Win-Situation für alle Beteiligten, denn man tut nichts gegen andere Lebewesen sondern für sie.“

 

Nach dem Vegetarismus, findet die vegane Lebensweise immer mehr Anhänger. Glauben Sie, dass es eine lang anhaltende Bewegung ist oder doch nur eine Modeerscheinung?

„Ich hoffe doch, dass es sich dabei um eine Bewegung handelt, die lange anhält. Denn es wirkt sich so positiv auf viele Bereiche aus und überschreitet Grenzen, ob es nun die Umwelt betrifft oder Menschenrechte. Auch medizinische Argumente kommen uns zugute. Denken Sie nur an die Antibiotika-Resistenz. Ärzte haben sich erst kürzlich gegen die Massentierhaltung ausgesprochen, indem sie auf die multiresistenten Keime aufmerksam gemacht haben, als Resultat davon. Ich hoffe einfach, wenn eine Gesellschaft ein normatives Argument verstanden und akzeptiert hat, dass es irgendwann auch kein zurück mehr gibt. Denken Sie nur an die Sklaverei unter Menschen. Gewiss, es gibt immer noch Formen der Sklaverei. Aber den Gedanken, dass es eigentlich falsch ist, Menschen zu besitzen, dahinter können wir nicht mehr zurückfallen glaube ich. Und deshalb erhoffe ich mir dieses Umdenken auch bezogen auf das Töten der Tiere.“

 

Man könnte ja argumentieren, die Menschen behandeln Tiere so unverantwortlich und grausam, weil sie es nicht anders wissen oder gelernt haben. Und werden sie mit Tierleid mal konfrontiert, verschließen sie die Augen davor und verdrängen. Wo müsste Ihrer Meinung nach ein Umdenken ansetzen, schon in der Schule bei den Kleinsten?

„Man kann zwar bei den Kindern ansetzen, aber das macht wenig Sinn, wenn die Erwachsenen nicht auch bereit sind, etwas zu ändern. Denn sie leben es ja vor. Das heißt das Umdenken muss überall ansetzen.

Allerdings kann man Kinder auch nicht ungefiltert mit Tierleid konfrontieren. Abgesehen davon, dass ja selbst Erwachsene davon nichts sehen oder wissen wollen.“

 

Sie Leben selbst mit Schafen und Hühnern zusammen. Was sehr arbeitsintensiv ist, wenn man das allein stemmen muss. Was gibt Ihnen Kraft?

„Die Tiere. Ich habe sehr viel recherchiert in den letzten Jahren, bin Tiertransportern hinterher gefahren, weil ich wissen wollte, wo sie hingebracht werden und ich lese regelmäßig Landwirtschaftszeitungen. Dabei erfahre ich viel Grausames. Dann komme ich zu meinen Schafen, die eine sehr große Weide haben und sich weitgehend frei bewegen können. Ich sehe, wie sie Familienverbände haben und Freundschaften unter den verschiedenen Tieren wachsen. Das ist für mich ein Ausgleich.

Hühner habe ich inzwischen allerdings nicht mehr. Ich habe lange Hühner aufgenommen und das war sehr anstrengend. Weil sie durch die Haltung so krank waren und wieder mühsam aufgepäppelt werden mussten. Mittlerweile kümmert sich ein befreundeter Gnadenhof um sie.

Ich lebe mit 38 Schafen, 2 Ziegen, 2 Gänsen und 2 Katzen zusammen.“

 

Das Interview führte Claudia Hötzendorfer

Fotos von Hilal Sezgin: Ilona Habben

 

 

Buchtipps:        

 

Hilal Sezgin

Artgerecht ist nur die Freiheit

(C. H. Beck 2014)

Hilal Sezgins Tierleben

(C. H. Beck 2014)

Landleben

(Dumont 2012)

 

 

Kontakt und weitere Infos:

http://www.hilalsezgin.de

 

 

© Claudia Hötzendorfer 2014 – Silent Tongue Productions

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