Interview: Nicole Nau – „Ich lebe den Tanz“

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Als Nicole Nau vor rund 25 Jahren das erste Mal nach Buenos Aires flog, um alles über den Tango zu lernen, konnte sie nicht wissen, dass sie dort ihre zweite Heimat finden und eine der bekanntesten Tangotänzerinnen des Landes werden würde. Die gebürtige Düsseldorferin und ihr Mann, der erfolgreiche Tänzer Luis Pereyra tragen die Botschaft dieses Tanzes und damit auch die Kultur Argentiniens in ihren atemberaubenden Shows hinaus in die Welt. Über ihr bewegtes Leben hat Nicole Nau ein sehr offenes und ehrliches Buch geschrieben. Mit Culture & Spirit sprach die 50-jährige über ihre Liebe zum Tanz und zu Argentinien, die spirituelle Seite des Landes und die kulturellen Wurzeln des Tango. Ab Oktober wird Sie mit Ihrer neuen Show in Deutschland zu sehen sein.

 

Was macht die Faszination Tango aus, die Musik, die Bewegung oder die Emotion?

„Das ist eine spannende Frage, denn es geht dabei um so viel. Aber ich glaube, das Thema Freiheit ist dabei ganz besonders wichtig. Weil sie einem so viel gibt, und man mit ihr so viel machen kann.

Für mich ist der Tango eine sehr sinnliche Geschichte und wenn ich sinnliche sage, meine ich damit alle Sinne. Es geht ums Hören, ums Spüren, ums Riechen, ums Wahrnehmen, kurz um alle Sinne, die gleichzeitig angesprochen und gespürt werden. Das bringt einen einerseits sehr intensiv in Kontakt mit der Musik, andererseits mit dem Tanzpartner und sich selbst.“

 

Wie lange gibt es den Tango schon?

„Der Tango hat eine 100-jährige Geschichte als populäre Musik Argentiniens. Wenn man dabei seine Entwicklung betrachtet, kann man sie mit 100 Jahren Pop-Musik vergleichen. Denn die wurde in den verschiedenen Jahrzehnten von so unterschiedlichen Künstlern wie Frank Sinatra, den Beatles oder Queen geprägt. Und auch der Tango hat rein musikalisch gesehen all diese Facetten. Dabei gibt es gute, wie schlechte oder mittelmäßige Tangos. Er kann dramatisch oder witzig sein, dynamisch oder getragen. Je nach dem, welches Repertoire man auswählt, um es zu tanzen, hat es auch seinen Einfluss auf die Tänzer. Die Tiefe, die ein Tango auch haben kann, vergleiche ich gern mit der Oper. Er hat das Potential einer Oper und die Energie eines Rock Konzerts.

Wenn wir nun über den Tanz an sich sprechen, muss ich zugeben, dass ich die ersten zehn Jahre, die ich in Argentinien war, gar nicht so richtig an den echten Tango herangekommen bin. Obwohl ich damals schon sehr bekannt und mit Leidenschaft dabei war, hatte ich immer das Gefühl, die Musik ist größer als ich selbst. Das hat mich sehr unzufrieden gemacht. Da kam ich schnell an einen Punkt, an dem die Bewegung einfach nicht mehr gereicht hat. Die Bewegung an sich ist es nicht, was für mich den Tango ausmacht. Auch nicht das argentinische Flair oder den Porteno nachzumachen, denn dabei bleibt die Musik dann außen vor. Es wird erst dann wirklich schön, wenn man in die Musik hinein tanzen kann und der Körper zu einem weiteren Instrument wird.

Dazu muss das eigene Instrument (der Körper) entsprechend gestimmt sein. Dabei war es mir enorm wichtig, den Tango noch einmal ganz neu zu begreifen. Natürlich ist er einer der vielen populären Tänze, die Argentinien hat und er ist auch einer der Eckpfeiler dieser Kultur. Doch er ist so eng mit dem Land verbunden und darin verwurzelt, dass man ihn nicht einfach daraus herauslösen kann. Denn die argentinische Kultur aus allen Teilen des Landes fließt ständig mit hinein.

Wenn man die Kultur und die Menschen Argentiniens wirklich kennen lernt, dann versteht man erst wirklich, was es zum Beispiel bedeutet, wenn beim Tango der Tänzer mit dem Absatz auftritt oder warum er diese und jene Geste macht. Warum die Musik verzögert oder auf eine ganz bestimmte Weise gespielt wird. Wenn man das nicht nur intellektuell versteht, sondern auch fühlt, wird es natürlich noch einmal viel tiefer und facettenreicher. Es bleibt nicht da hängen, dass man jemanden imitiert und etwas einfach nur nachmacht.“

Wenn man Ihnen und Ihrem Mann Luis beim Tanzen zuschaut, wirkt das Zusammenspiel zwischen Ihnen beiden wie ein Dialog. Spiegelt das die Themen der Instrumentalstücke wieder oder den Inhalt der Liedtexte?

„Zunächst einmal, es ist tatsächlich ein Dialog zwischen den beiden Tanzpartnern, weil der Mann nicht führt, wie es bei vielen anderen Tänzen üblich ist, und die Frau ihm einfach nicht folgt. Denn das wäre für sie eine viel zu passive Rolle. Es ist auch nicht so, dass die Frau die Bewegungen des Mannes kopiert, wie es beim Standard oft der Fall ist. Vielmehr tanzt sie das was er fühlt und die Musik setzt uns in Bewegung. Aber es ist meine Musik die ich da tanze. Ich habe meine Beine, einen Körper, der mit swingt und mein eigenes Gefühl für die Musik

Die Texte im Tango Argentino sind oft sehr dramatisch bis weinerlich. Es heißt, ein junger Mensch kann einen Tango in seiner ganzen Tiefe nicht verstehen. Natürlich kann jeder dazu tanzen und die Musik aufnehmen, aber nur ein reiferer Mensch kann auch die Texte wirklich begreifen.

Es gibt beispielsweise ein Lied das La ultima cora heißt: Das letzte Besäufnis. Oder es geht um verpasste Gelegenheiten. Es gibt ein berühmtes Stück, das davon handelt, wie das Leben der Sängerin immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht und es endet damit, dass sogar der Gnadenschuss verfehlt.“

 

Das klingt nach ganz großem Drama.

„Ja, ganz genau. Es gibt entweder das große Drama oder Texte, die –und das sagt selbst mein Mann Luis – sind so weinerlich, dass es kaum zu ertragen ist. Männer, die ihre Frauen verlassen und nun darüber jammern. Oder Männer, die ihre Verflossene nach 40 Jahren wieder treffen und sie fragen: Was ist aus dir geworden, du siehst so alt aus, wie der Fuchs um deinen Hals. Übrigens ist die Musik zu diesem Stück, das auch Der graue Fuchs heißt, sehr witzig und schnell. Das tanzt man immer mit einem Lächeln im Gesicht, wenn wir die instrumentale Version wählen.

Wenn man ein Stück für eine Show auswählt, muss man schon wissen, ob man es lieber gesungen oder instrumental nimmt. Wenn man sich für die gesungene Version entscheidet, muss man auch den Inhalt tanzen.

Manche Texte schrammen auch schwer am Kitsch vorbei. Die sollte man auf keinen Fall übersetzen, weil im Spanischen klingt es dann doch noch einmal etwas anders.“

 

Das geht sicher auch manchem so, der Flamenco- oder Fado-Texte übersetzt.

„Vielleicht sollte ich dazu anmerken, dass die Portenos, die diese Lieder singen, Menschen aus der Stadt sind. In Argentinien ist das Gefälle zwischen Arm und Reich sehr hoch. Es gibt leider sehr viel Diskriminierung und Rassismus, vor allem wenn es um die Menschen vom Land geht, die oft in unglaublicher Armut leben müssen. Der Porteno hat einen Hang zum Jammern und sich selbst zu bemitleiden. In Uruguay gibt es einen Witz über die Portenos, der besagt, wenn ein Porteno sich umbringen möchte, dann sollte er sich doch von seinem Ego stürzen. Die Menschen aus dem Landesinnern sind hingegen sehr bescheiden und zurückhaltend. Was sich allerdings schlagartig ändert, wenn sie nach Buenos Aires kommen und wie die Portenos sein wollen. Dann legen die noch einen oben drauf und werden richtig unangenehm.

Natürlich beziehe ich mich hier nicht auf eine Verallgemeinerung sondern auf eine eher populäre Grundstruktur. Ich sage das aber deshalb, damit man besser verstehen kann, warum die Tango-Texte so sind wie sie sind. Kein anderer Liedtext in der Argentinischen Folklore würde so über Frauen sprechen. Die Portenos sehen die Frau als Objekt, die den Mann verlässt, es geht um Prostitution, Schlägereien und großes Drama. Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen, die wirklich schön sind.

Die Texte der Sambas und Chacareras sind schon anders, da wird über das Land gesungen oder die Natur. Eine Frau würde nie beim Namen genannt werden. Denn da gibt es eine ganz andere Art und Weise mit Ehe und Würde umzugehen. Sie vergleichen eine Liebe zum Beispiel eher mit einer Blüte.

Deshalb sind die Stücke in unserer Show, die einen Text haben, eher aus der Folklore als aus dem Tango Argentino, weil sie einfach viel tiefer sind. Haben wir einen Tangotext drin, dann hat er auch immer eine Bedeutung, die uns wichtig war. Ansonsten verzichten wir lieber auf den Gesang.“

 

Sie schreiben in Ihrem Buch, der Tango in seiner Grundform sei eine Art Blues Argentiniens. Das heißt, es gibt den Tango gar nicht. Woher kommt er denn ursprünglich?

„Der Tango ist zwar ein populärer Tanz, aber man lernt ihn nicht, indem man in eine Tanzschule geht und ihn systematisch übt. Denn er ist nicht standardisiert. Es ist ein Tanz, der im Volk entstanden ist und der von daher natürlich auch sehr viele Möglichkeiten hat, sich auszudrücken. Aber es gibt nur einen einzigen Tango-Argentino. Der hat musikalisch schon eine gewisse Grundstruktur, die zum Beispiel eine AB-AB-Form ist, mit Adagio und Variation. Vom Takt her, hat er diese Grundstruktur und darüber hinaus, können verschiedenste Melodien geschrieben werden. Es gibt auch beim Tanz ein Grundstück und bestimmte feste Elemente. Diese Grundelemente werden vom Volk allerdings ganz individuell genutzt. So kann der eine anspruchsvoll tanzen, der andere weniger, der eine virtuos, der andere weniger. Je nach dem, welche Musik dazu gewählt wurde. Übertragen auf die Pop-Musik hieße das, es ist etwas anders, wenn ich zu den Beatles tanze als zu Queen.

Was der Tango allerdings nicht hat – das ist eine sehr moderne Erfindung – sind verschiedene Stile. Man spricht ja gern von verschiedenen Stilen, wenn etwas von der Grundform abgewandelt wird.

In den 1980ern, als ich nach Buenos Aires ging, war der Tango in Argentinien beinah in Vergessenheit geraten. Die einzigen, die ihn noch tanzten war die Company Argentino, wo Luis einer der Mitglieder war. Sie wurden auch die Götter des Tango genannt. Die haben alle sehr unterschiedlich getanzt und gespielt. Es gab ein Orchester bestehend aus 14 Musikern und dazu 7 Tanzpaare, die alle ganz unterschiedlich tanzten. Und doch haben sie alle die gleichen Elemente verwendet. Dann setzte plötzlich ein Boom ein und die Nachfrage nach Tango-Shows stieg schlagartig an. Tanzsäle schossen wie Pilze aus dem Boden, weil Gott und die Welt auf den Tango-Zug mit aufsprang. Damit einher ging die Ausbeutung. Anstatt die Kultur des Tanzes zu teilen, wurde der Tango kommerzialisiert. Daran sind einige der Mitglieder der Tanzcompany nicht ganz unschuldig. Tango Argentino als Show war eine unglaublich erfolgreiche Produktion. Die haben allein das Stadion in Cincinnati an sechs Abenden hintereinander ausverkauft. Danach sind Mitglieder der Truppe losgezogen und haben unterrichtet. Allerdings nicht so, wie es vielleicht ein Spanier machen würde, der dem Publikum den Flamenco näher bringen wollte. Und bevor er loslegt, ihm vielleicht erst einmal den Grundrhythmus klatschend zeigt, um erst nach und nach tiefer einzusteigen. Bei der Tango-Show hat einer der Tänzer gleich eine spektakuläre Kopf-über-Figur gezeigt. Für meine Mann Luis war damals klar, damit wird der Tango nur ausverkauft. Es ging nur um den schnellen oberflächlichen Applaus und nicht um die Vermittlung von Kultur. Damit wollte er dann nichts mehr zu tun haben.

Ich erlebe es heute noch bei Pressekonferenzen, wenn die Fotografen kommen und bevor ich überhaupt was sagen kann, gleich fragen, ob wir nicht ein paar spektakuläre Figuren zeigen können. Diese Klischeebilder haben sich aber fest in den Köpfen der Menschen verankert. Dieses sich dieser Kultur einfach so bedienen, das Herauslösen des Tango nur um des Profits Willen, damit fühle ich mich einfach nicht mehr wohl. Es gibt nicht wenige, die nach Argentinien kommen, ein paar Kurse belegen und dann zurück in ihre Heimat fahren, um dieses Halbwissen dann zu unterrichten. Ich muss allerdings zugeben, auch ich habe es in den ersten zehn Jahren, die ich in Argentinien gelebt habe, ähnlich gemacht. Nur durch dieses Ablösen von den Wurzeln, kamen einige darauf zu sagen, sie tanzten einen bestimmten Stil.

Aber Stil gibt es nur in der Musik und je nach dem, welche Musik man tanzt, entstehen Stile. Wenn ein Tango Elemente hat, die verboten wurden, um ihn zu standardisieren, kann man nicht von Stil sprechen. Oder anders gesagt, wenn sich ein Tango verselbständigt und in Bochum, Brüssel oder Rom getanzt wird, hat er nichts mehr mit dem Tango Argentino zu tun, auch wenn man ihn trotzdem so nennt.

Schöner ist es dann, wie es die Finnen machen. Die haben ihren ganz eigenen Tango entwickelt und nennen ihn auch finnischen Tango. Die singen ihn auch auf Finnisch. Diesen Umgang damit, finde ich sehr viel ehrlicher. Eine ähnliche Entwicklung wie beim Tango, kann man auch bei vielen lateinamerikanischen Tänzen feststellen, die von den Einheimischen nie so in der verbreiteten Form getanzt würden.“

Vor einer Weile lief in den deutschen Kinos ein Spielfilm mit dem Titel Tango libre an, in dem es unter anderem darum ging, dass männliche Gefängnisinsassen von einem Argentinier den Tango lernten. Darin wurde kolportiert, dass der Tango ursprünglich auch ein Tanz der Männer gewesen sein soll.

„Dazu kann ich Folgendes sagen: Es gab eine Zeit, in der man Strafgegangene von Europa unter anderem nach Argentinien verschifft hat. Die trafen im Schmelztiegel Buenos Aires auf Flüchtlinge, Sklaven, arme Leute vom Land und die Gauchos, die ihre Ländereien verloren hatten. Da gab es bald einen Männerüberschuss, der mit Frauen bedient wurde, die beispielsweise aus Polen als Prostituierte eingeschleust wurden. So entstand um die Jahrhundertwende ein enormes Rotlichtmilieu. Damals wusste man, dass man nur eine Frau bekommt, wenn man auch gut tanzen kann. So waren die Männer gezwungen, untereinander zu üben.

Aber die haben niemals miteinander offiziell getanzt. Denn der Tango ist ein Paar-Tanz, einer führt, einer wird geführt und zwar nur im Mann-Frau-Dialog. Es gibt keine gleichgeschlechtlichen Partner. Was jetzt nicht heißt, dass ein homosexuelles Paar nicht miteinander tanzen kann. Nur der Ursprung des Tango ist nicht der, dass Männer ihn miteinander tanzen. Denn in der argentinischen Kultur ist es undenkbar, dass ein Mann körperlichen Kontakt mit einem anderen Mann hat. Die Rollen sind in Argentinien sehr klar verteilt.“

 

Wie kam es überhaupt, dass der Tango so in Vergessenheit geraten konnte und dann eher zu einem Touristenmagneten geworden ist?

„Der Tango ist nur einer von insgesamt 200 populären Tänzen in Argentinien. Der Tango ist eng verbunden mit Buenos Aires, wohingegen die anderen Tänze in die 22 verschiedenen Provinzen gehören. Wobei die Provinz Buenos Aires noch die Milonga hat und einige andere Musiken.

Dass der Tango in Vergessenheit geraten konnte, hängt meiner Meinung nach, sehr viel mit dem Einfluss der Musik aus den USA zusammen. Ähnlich wie es auch in Deutschland war oder im Grunde weltweit passiert ist. Englischsprachige Musik hat einfach sehr viele populäre Musik verschiedenster Länder verdrängt. Hinzu kommt, dass die Jungen auf gar keinen Fall das tanzen wollten, was die Eltern getanzt haben.

Das ist allerdings nur die Geschichte der Stadt Buenos Aires. Denn interessanterweise hat der Chacarera, ein viel wichtigerer Tanz als der Tango für das Volk, so einen Einbruch nie erlebt. Deshalb steht der auch in den Charts ganz oben. Die Sänger und Tänzer sind bekannt wie Pop Stars und können Massen bewegen, wie es der Tango nie könnte. Wenn sich eine Chacarera-Show 20 bis 40.000 Leute ansehen, gehen in eine Tango-Show vielleicht 2000. Das steht in überhaupt keinem Verhältnis. Dass der Tango trotzdem als so ein großes Ding weltweit verkauft wird, liegt nur an der Show Tango Argentino, die den Tanz so gepusht hat.

Wenn außerhalb Argentiniens der Name Mercedes Sosa fällt, nicken sicher viele wissend. Nur ist Mercedes Sosa, ein Vertreterin der argentinischen Folklore, nicht des Tango! Astor Piazzolla ist wohl der einzige, der weltweit einen Namen hat. Obwohl doch jeder sagt, ah argentinischer Tango, sind dessen Protagonisten doch kaum bekannt.

Hinzu kommt, dass der Argentinier selbst seinen Tango eigentlich gar nicht mag. Natürlich gibt es eine handvoll Leute, die den Tango lieben und ihn auch gern im Radio hören. Aber im argentinischen Fernsehen sucht man Tango vergeblich. Dafür gibt es sehr viele Folkloreprogramme. Es gibt nur das Format Solo Tango, das aber einen Sendeplatz auf den aller hintersten Sendeplätzen hat. Wenn man keinen Receiver mit einer entsprechenden Bandbreite hat, empfängt man es gar nicht. Das sind Diskrepanzen, die außerhalb Argentiniens kaum jemand weiß.

Tango ist für mich ein wundervoller Tanz, den ich sehr liebe, ebenso wie mein Mann Luis. Aber man kann nicht sagen, dass er im Land der große Renner wäre. Ich würde sogar behaupten, ohne die Solisten würde der Tango nicht überleben.“

 

Es gibt da durchaus Parallelen zum klassischen Flamenco, der in seiner ursprünglichen Form auch nur schwer zu finden ist und mit dem, was beispielsweise in den Touristenregionen in Hotels gezeigt wird überhaupt nichts zu tun hat.

„Man darf jetzt allerdings nicht davon ausgehen, dass das, was in den Milongas und Tanzsälen getanzt wird, eine Art Gegenbewegung zum klassischen Tango wäre. Dem ist nicht so. Vielmehr sind die Salons eher eine Antwort auf die Touristenshows.

Ich hatte das große Glück den Tango ins seiner ursprünglichsten Form kennen zu lernen, wie er war, als er das erste Mal vom Land auf die Reise gegangen ist. Das war vor 25 Jahren, noch bevor es Touristen gab, die ins Theater gingen oder die Tanzsalons stürmen. Zu diesen Tanzsalons muss man wissen, dass es dort so genannte Taxi-Dancer gibt. Die haben sogar ein großes Portal im Internet. Die kann man für 100 Dollar den Abend mieten. Denn mittlerweile gibt es einen Frauenüberschuss. Die Touristinnen können sich so einen Tänzer für einen Abend mieten. Der bekommt auch alles bezahlt. Für mich grenzt das an Prostitution. Damit entfällt alles, was im Tango das Männliche ausmacht, das Erobern, das Auffordern und auch das soziale, der Dialog geht dabei komplett verloren, wenn der Tänzer zur Ware wird. Kultur muss man teilen und nicht ausverkaufen.“

 

Ich habe in Ihrer Show gesehen, dass es neben dem charakteristischen Bandoneon, das ursprünglich aus Deutschland kommt, auch sehr verschiedene Trommeln oder die von den Gauchos stammenden Bolas im Tango gibt.

„Der Tango ist eine Immigrantengeschichte. Mit dem Bandoneon als typischem Instrument, das ursprünglich aus Krefeld kommt, von einem Herrn Band und später dann im Thüringer Wald hergestellt von Alfred Arnold, dessen Fabrik leider abgebrannt ist. Ich hatte das Glück, noch seinen Enkel kennen lernen zu dürfen. Bis heute werden die Bandoneons auch in Deutschland gekauft. Die modernen Instrumente klingen alle nicht so gut. Was an dem Metallkamm liegt. Auch unser Bandoneonist spielt ein 80 Jahre altes Instrument, das auch ursprünglich aus Deutschland kam.

Zur Instrumentalisierung heute gehört die Violine, das Piano, der Bass, manchmal auch das Cello, und auf jeden Fall die Gitarre. Früher hörte man auch sehr oft die Querflöten, abhängig von der Zeit, in der die Stücke entstanden, die gespielt werden. Bei unseren Aufführungen sind Gitarre und Bandoneon führend. Wir haben allerdings auch sehr viele Einspieler vom Band. Weil diese Stücke aus verschiedenen Zeiten kommen und genau diesen Charakter dieser Epochen möchten wir auch beibehalten. Das kann mal nur Gitarrenmusik sein, oder ein klassisches Orchester oder wir haben mal eine Milonga, die eher jazzig ist.“

Was ist den mit den Trommeln, die auf der Bühne gespielt werden?

„Die Trommeln sind ein Element aus der Folklore. Wir haben beispielsweise Bombos. Die werden aus einem Sagobaum gefertigt, dessen Stamm in mühevoller Handarbeit ausgehöhlt wird, bis sie den richtigen Klang haben. Die heißen Bombo una letra, weil sie eine Meile weit

klingen und das tun sie auch im Theater. Ursprünglich wurden sie verwendet, um von Hütte zu Hütte Botschaften zu übermitteln. Heute haben sie in der Folklore die Aufgabe der Begleitung. Man kann den Klang dadurch variieren, indem man entweder das Ziegenfell bespielt oder den Rahmen. Das Fell hat einen satten Klang, der Rahmen hingegen einen sehr hellen. Dann gibt es in der Folklore noch die etwas kleineren Buschtrommeln und eine mondförmige Handtrommel. Damit begleitet sich ein Sänger, wenn er a cappella auftritt.

Oft spielen sehr arme Leute diese Trommeln. Weil sie dafür nur einen einfachen Holzring brauchen, auf den sie ein Stück Fell spannen. In der Folklore spielt sie übrigens auch eine Rolle. Denn dort war sie schon vorher üblich, bevor sie für den Tango so charakteristisch wurde. Unser Bandoneonspieler setzt das Instrument auch für beide Varianten ein. Es klingt sehr unterschiedlich, ob er damit Folklore oder den Tango spielt.“

 

Was hat es denn mit den Bolas auf sich?

„Die Bolas sind ursprünglich Wurfgeräte der Gauchos und Ureinwohner, um Tiere zu fangen. Die wurden bei der Jagd geschleudert wie ein Lasso, aber dann losgelassen, damit sich die mit in Hodensäcken von Stieren eingewickelten Steinen beschwerten Enden um die Füße des Tieres wickelten. Das Tier fällt und kann so unverletzt gefangen werden. Während der Kriege wurden sie dann als Waffe verwendet. Dazu hat man sich eine Kugel unter den Fuß geklemmt und mit den anderen beiden links und rechts auf den Gegner eingeschlagen.

1940 hat der berühmte Choreograf Santiago de Chuco alle Werkzeuge des Gauchos, wie Lanzen, Sporen und eben die Bolas auf die Bühne gebracht und sie rhythmisch für den Tanz eingesetzt. Luis hat als Junge mit ihm gearbeitet und die Bolas schon mit fünf Jahren geschlagen. Später hat er sie dann aber aus der Hand gelegt, als er erfuhr, dass sich seine Kollegen ein silbernes Röckchen angezogen haben, um in Las Vegas mit ihren Bolas dem Publikum Zigaretten aus dem Mund zu schlagen. Das hatte für ihn nichts mehr mit seiner Kultur zu tun. Erst 2011 hat er ein Stück gefunden, wo er sie wieder als Instrument einsetzen wollte und er spielt sie als Percussion. In der aktuellen Show trägt er die Tracht der einfachen Gauchos, spielt sie percussiv und steppt dazu.“

Sie beschreiben am Anfang Ihres Buches, dass Sie das Tanzen als junge Frau auch als eine Art Reinigung erlebt haben, das Abstreifen von Stress im Job, Problemen in der Familie etc. Wie ist das heute für Sie?

„Für mich ist heute der Tanz das Absolute, bei dem ich einfach ich selbst bin und frei sein kann. Ich glaube, ich wäre kein glücklicher Mensch, wenn ich nicht jeden Tag tanzen würde. Dadurch bin ich ausgeglichen, glücklich, satt, zufrieden. Ich bin einfach ich selbst. Ich bin ein Tanztier. Ich denke, das ist für jeden Tänzer der Ansatz, es für sich selbst zu brauchen. Der innere Antrieb gewissermaßen, den jeder Künstler braucht. Und ich glaube, es hat auch etwas damit zu tun, was der liebe Gott einem mit in die Wiege legt. Es gibt so etwas wie eine Berufung. Eine innere Stimme, die das einfach braucht. Da schaut man dann auch nicht mehr nach links oder rechts, nach gut oder schlecht. Damit meine ich nicht das Tanzen selbst. Denn da bin ich immer unzufrieden und will es noch besser machen. Sondern ich meine, wenn man seiner Berufung folgt, dann schaut man nicht zurück und denkt, ach hätte ich doch besser die Grafik gemacht. Als Künstler hört man einfach auf die innere Stimme, das zu tun, was man machen will und muss. Ich lebe den Tanz.“

 

Einer Ihrer Lehrer Dietrich Lange hat auf die Frage, was Sie haben, das andere seiner Schüler nicht hätten, gesagt: Nicole ist erdverbunden, das macht den Unterschied. Wie hat er das gemeint?

„Es gibt Tänzer, die einfach den Schwerpunkt im Boden erspüren und mit ihm schwingen. Wenn Sie schwarze Menschen beobachten, wie die sich bewegen, dann sehen Sie, dass sie swingen. Wenn Sie Barack Obama eine Treppe hinaufgehen sehen, scheint er sie hinaufzutanzen. Und dieses Swingen kann nur aus der Erde und den Wurzeln kommen. Nicht nur symbolisch gesprochen, sondern auch körperlich. Der Schwerpunkt wechselt mit jedem Schritt und genau das macht Swing aus. Die – ich nenne es mal salopp – steiferen Kulturregionen, die oft auch kopflastiger sind, die halten sehr viel ihrer Bewegung in Brust und Oberkörper fest. Das verhindert, dass sie swingen können. Durch diese Steifheit und Festigkeit gibt es keinen Schwerpunktwechsel beim Gehen. Dabei sind sie für ihre Umgebung auch nicht so spürbar, wie ein Mensch, der mit seinem ganzen Körper in Bewegung ist, wenn er läuft. Das was den entscheidenden Unterschied ausmacht ist, ob ein Körper dieses Schwingen zulässt oder ob er steif bleibt.

Wenn Sie einem Baum zuschauen, wie er sich im Wind bewegt, dann ist der perfekt. Das hat Rhythmus, das hat Bewegung, die man nicht korrigieren muss oder kann. Man kann keinem Blatt sagen, Mensch wärst du doch mal etwas mehr nach links gebogen. Das Bild stimmt einfach in sich. Wenn man einen Körper natürlich mit dem Boden in Einklang bringt, dann gibt es diesen Swing.“

 

Sie leben inzwischen seit über 25 Jahren in Argentinien, ein halbes Leben. Hat sich mit der Zeit Ihre Sicht auf das Land und die Menschen verändert?

„Absolut! Die ersten Jahre in Argentinien bin ich auf das Klischee hereingefallen. Ich habe das Land in seiner ganzen Oberflächlichkeit aufgenommen und ich habe lange gebraucht, bis ich mitbekommen habe, was dahinter steckt. Ich bin viel kritischer geworden, was die Regierung und das Land an sich betrifft. Und ich habe erst viele Jahre nachdem ich dort angekommen bin, nämlich als ich mit Luis zusammen kam, das Argentinien kennen gelernt, das dem Touristen verborgen bleibt. Seitdem hat sich sehr viel für mich verändert. Denn ich habe dabei ein Volk kennen gelernt, vor dem ich Hochachtung habe. Gerade dieses Landvolk, das mit Würde und Stärke seine Armut und das Sein trägt. Das bewundere ich sehr. Frauen, die einfach nur Frau und Mutter sind, aber mit einer Ernsthaftigkeit. Dieses ganz einfache Volk habe ich sehr lieben gelernt. Ich bin auf so viele Blender hereingefallen. Das hat dazu geführt, dass ich die Menschen in meinem Leben mit anderen Augen sehe und nicht nur in Argentinien. Es gibt eine Bescheidenheit und Einfachheit in diesem Volk, die für mich einen so großen Wert hat, dass ich es so schade finde, dass gerade diese Leute so selten gesehen werden.“

Sie sind in Düsseldorf geboren, leben aber seit 25 Jahren in Argentinien. Wo fühlen Sie sich zuhause, in Buenos Aires mit Ihrem Mann oder in Deutschland, wo Ihre familiären und kulturellen Wurzeln liegen?

„Mein Zuhause ist Argentinien, weil dort mein Leben stattfindet, dort sind mein Mann, meine Katze, mein Hund und meine Schildkröte. Meine Heimat wird aber immer Deutschland bleiben, weil ich Deutsche bin.

Diese Pflanze Nicole ist irgendwann einmal nach Argentinien gegangen und hat die ersten zehn Jahre in einem Topf gestanden. Erst Luis hat die Pflanze aus dem Topf in die Erde gesetzt, sodass sie dort wurzeln konnte. Daraus ziehe ich meine Kraft. Aber jeder weiß, an einer Wurzel bleiben immer Erdkrumen hängen, von dem Ort, an dem sie ursprünglich stand, bevor man sie verpflanzt hat. Diese Muttererde kann man einer Pflanze nicht wegnehmen, sonst geht sie ein. Und das ist mein Deutschsein. Das nimmt mir auch niemand weg. Das kommt auch immer mal wieder durch, wenn ich in Argentinien Leuten erklären will, wie es anders, besser oder einfacher gehen könnte. Von der deutschen Art Dinge anzugehen, könnten sich manche in Argentinien eine Scheibe abschneiden. Das erzähle ich natürlich auch gern herum und bin da auch sehr stolz drauf. Dann bin ich natürlich die Deutsche. Aber das finde ich auch okay. Denn ich werde drüben auch die Deutsche genannt. Von daher ist Heimat auf jeden Fall Deutschland.“

 

Sie beschreiben im Buch Ihren ersten Besuch auf dem Land bei der Familie Ihres Partners Luis. Die Menschen dort haben sich einen Aberglauben und vielleicht auch etwas Heidnisches erhalten. Welche Rolle spielt das Religiöse und Spirituelle in der argentinischen Kultur?

„Das Religiöse ist in Argentinien wahnsinnig wichtig. Dadurch habe ich den Glauben auch noch einmal ganz anders entdeckt. Hier ist Glaube ja immer mit dem Gang in die Kirche verbunden oder gilt als irgendwie altmodisch und verklemmt. Glaube hat ja auch immer etwas Festgefahrenes, das nicht in unser freies Denken passt. Woran die Kirche leider auch nicht so ganz unschuldig ist. Was ich allerdings sehr schön finde ist, dass in Argentinien der Glaube etwas Alltägliches ist. So gehört es beispielsweise einfach dazu, wenn ich an einer Kirche vorbeigehe, dass ich mich bekreuzige. Und das nicht, weil ich so tief religiös wäre oder fanatisch, sondern weil Jesus einfach jemand ist, den man grüßt und dem man damit seinen Respekt entgegen bringt.

Die Mutter Gottes ist für uns da und sie betet für uns. Es ist auch völlig normal zu verschiedenen Heiligen zu gehen, weil sie für die Menschen da sind und man mit ihnen sprechen kann. In der Kirche wird oft sehr lustige und launige Musik gemacht. Da wird Gitarre gespielt und dazu gesungen. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass die Kirche und die Religion in den Alltag gehören. Der Priester ist keine Ehrfurcht gebietende Respektsperson, sondern vielmehr ein Freund, dem man auf die Schulter klopfen kann und dem man sich anvertraut.

Das Ganze ist durchmischt mit heidnischen Elementen. Es gibt auch sehr viele heidnische Musiktexte, obwohl die Mehrheit im Land katholisch ist. Das Heidnische ist besonders weit verbreitet bei der Landbevölkerung. Luis hat mir erzählt, dass die Menschen dort nicht nur sehr arm sind, sie haben auch kein Wasser, keinen Strom, keine Schulen für die Kinder, keine Arbeit und auch sonst kaum Hab und Gut. Wer wenn nicht den alten Göttern und Heiligen, die schon die Mutter, die Groß- und Urgroßmutter angebetet haben, sollten sie ansprechen? Und welche, wenn nicht die über Generationen weitergegebenen Riten und Bräuche sollten sie nutzen in ihrer Not? Denn der Glaube ist stark, dass es vielleicht dann doch noch mal helfen könnte, wenn schon kein anderer da ist, der helfen kann.

Wissen Sie, Luis und ich reisen als Stars durch die Welt, aber trotzdem können wir seiner Familie nicht helfen. Denn selbst wenn wir ihnen Geld geben, haben sie noch immer kein Wasser oder Strom. Andererseits möchten sie auch nicht dort weg. Sie wollen nicht in der Stadt leben. Denn sie kennen nur das Leben im Busch, mit ihren Pflanzen, ihrer Ziege und ihrem Schwein. Da, wo die ganze Familie groß geworden ist. Natürlich bringen wir ihnen immer Geschenke mit, etwas zum anziehen oder ein batteriebetriebenes Radio. Doch die Armut, in der sie leben, ist nun einmal ganz anders als das, was die Touristen allgemein mit dem Land verbinden.“

Ist Papst Franziskus nicht auch Argentinier?

„Ja, er kommt auch von hier. Er war Bischof von Buenos Aires und er hat sich auch die Präsidentin Christina Kirchner mal vorgenommen und ihr ins Gewissen geredet. Sie kleidet sich gern in Designerkleider, fliegt mit dem Helikopter mal eben hier und dort hin und redet dabei immer davon, wie sehr sie sich doch um die Armen sorgt. Natürlich tut sie auch viel. Aber für wen? Diejenigen, die in der Großstadt leben, nicht für die Leute vom Land. Weil die wählen gehen. Die anderen sind ihr komplett egal. Es geht dabei nur um Macht.

Wenn ich dann solche Geschichten wie die von diesem Bischof aus Limburg höre, der so unfassbar viel Geld für einen Bau verschwendet hat, packt mich die Demut und ich denke, vielleicht muss es Menschen wie ihn geben, damit sie als abschreckendes Beispiel die Menschen aufrütteln.“

 

Wenn dem so ist, dann ist es wohl Fügung, dass Franziskus den Stuhl Petri eingenommen hat anstelle seines Vorgängers, der ja auch gern mal in speziell für ihn angefertigten Designerschuhen herumlief oder auf einen großen Fuhrpark zurückgriff, neben vielen anderen Annehmlichkeiten, die sein Amt mit sich brachte.

„Papst Franziskus greift wirklich durch. Auch wenn es um das Thema Kindesmissbrauch geht. Er entlässt solche Menschen auch.

Was nun Ratzinger betrifft. Der hat das gelebt, wie er auch aufgewachsen ist. Der kannte es ja nicht anders. Papst Franziskus kennt hingegen das Leben in Armut. Ich glaube, es ist nicht zufällig passiert, dass jemand wie er nun Papst geworden ist. Ich glaube ja an den lieben Gott und ich denke, der hat schon seinen Plan, warum wer wann zum Papst wird.

Allerdings finde ich, dass man Ratzinger keinen Vorwurf machen kann. Sein Anliegen war eher intellektueller Natur. Er ist ein sehr gebildeter Mensch, der sich darum gekümmert hat, dass man die Schriften richtig versteht. Aber er findet es eben auch normal, dass er als Papst Designerschuhe trägt.“

Sie haben in Ihrer Autobiografie nicht nur Ihren Weg zum Tango beschrieben, sondern auch sehr offen über private Schicksalsschläge berichtet. War das Schreiben für Sie auch eine Art Verarbeiten der Ereignisse?

„Nein. Es war eher anders herum. Ich wollte dieses Buch schon vor vier Jahren schreiben, da steckte ich aber mitten drin in allem. Ich war auch beruflich noch nicht so weit. Erst jetzt kann ich auf Augenhöhe mit meinem Mann tanzen. Obwohl er der Direktor unserer Tanzkompanie und damit auch mein Leiter ist, habe ich jetzt das Niveau erreicht, um ihm ebenbürtig zu sein. Trotzdem kenne ich meinen Platz in der Gruppe sehr gut. Luis ist einfach der richtige für diese Aufgabe.

Ich habe den Mut gehabt, mein Leben, das ja kein schlechtes war, komplett aufzugeben, um in einem anderen Land etwas ganz Neues anzufangen. Über die Jahre war ich ja auch sehr präsent in der Presse und habe dadurch viele Rückmeldungen von Menschen bekommen, die sich durch meinen Weg ermutigt und inspiriert fühlten. Das war eine Motivation für mich, dieses Buch zu schreiben.

Dann war da noch die Geschichte mit meinen Kindern. Ich habe das Gefühl, dass ich mit dem, was mir passiert ist, versöhnt bin. Ich bin sogar froh, dass ich habe schwanger sein dürfen. Das sehe ich als großes Geschenk. Ich hatte mehr das Bedürfnis meine Erfahrungen mit den Totgeburten zu teilen, weil es vielleicht für andere wichtig sein könnte. Ich habe alles gelesen dazu, was ich in die Finger bekommen konnte. Stundenlang war ich im Internet unterwegs und googlete, wie werde ich schwanger? Was muss ich tun, damit ich das Kind nicht wieder verliere? Und dabei bin ich natürlich auch auf Seiten gestoßen, da beschrieben Betroffene, wie ihre Beziehungen daran zerbrochen sind oder besonders die Frauen, die an sich zweifelten. Da war mir klar, ich muss darüber schreiben.

Ich habe mich mit Luis beraten und wir sind uns einig gewesen, wenn ich meine Geschichte erzähle, dann wirklich die ganze Geschichte. Denn nur so bringt es dem Leser auch etwas. Deshalb ging es mir nicht ums Verarbeiten, sondern vielmehr darum, meine Erfahrungen mit anderen zu teilen. Und vielleicht hilft es ja einer Frau oder einem Paar oder eine Familie, mit einem ähnlichen Schicksal umgehen zu können.

Und Schlussendlich ging es mir auch darum, mit den Halbwahrheiten aufzuräumen, die über den Tango kursieren. Das sehe ich auch ein wenig als meine Pflicht, dem Leser gegenüber, ehrlich zu sein.

Wissen Sie, ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, mich durch den Tanz zu befreien, sondern eher, durch das, was ich auf der Bühne zeige, dem Publikum die Möglichkeit zu geben, einen schönen Abend zu erleben, glücklich zu sein und sich darüber auch befreit vom Alltagsstress zu fühlen. Ich möchte, dass die Zuschauer nach der Show belebt und erfüllt nach Hause gehen. Um meine Erfüllung geht es schon lange nicht mehr, denn die habe ich bereits gehabt.“

Was hat sich für Sie verändert, als Sie mit Ihrem Partner Luis gemeinsam getanzt haben?

„Es war ja eigentlich immer ein Hin und Her zwischen uns. Ich habe ihn zunächst einmal als Tänzer engagiert. Weil er einfach der beste Tänzer ist, den Argentinien zu bieten hat und ich ihn unbedingt für meine Tango-Oper haben wollte. Als wir an dieser Produktion zusammen gearbeitet haben, stellte ich schnell fest, hoppla, ich kann mit ihm gar nicht mithalten. Das war für mich erst einmal unglaublich beschämend und ernüchternd. Bis dahin dachte ich, ich bin ja so gut und da wurde mir plötzlich bewusst, wie Unrecht ich damit hatte. Ich hatte zwar schon gemerkt, dass ich die Musik nicht ganz so austanzen kann, wie ich es gern gehabt hätte, aber das hat mich nur unzufrieden gemacht. Aber als ich Luis sah, war ich wirklich beschämt, wie vermessen ich war.

Nach diesem Erlebnis wollten wir eigentlich gar nicht weiter zusammen arbeiten. Jeder ging seinen eigenen Weg erst einmal weiter. Auch weil jeder seine Karriere hatte und wir unsere Liebe leben wollten. Als wir ein Paar wurden und wieder begannen zusammen zu tanzen, war da natürlich eine ganz große Liebe, die im Gegensatz zum Verliebtsein, wie man sie als junger Mensch erlebt, etwas Bedingungsloses. Es ging also nicht darum, dass man den anderen nur toll findet, wenn er dieses oder jenes macht. Sondern, den Partner zu lieben, mit all seinen Facetten, also auch mit den Schattenseiten. Das hat auch etwas damit zu tun, den anderen zu schützen, zu achten und zu ehren. Ich glaube sogar, so weh es auch tun würde, aber wenn einer von uns beiden wüsste, es wäre besser für den anderen, dass man ihn verlassen müsste, damit es ihm gut geht, dann würde unsere Liebe auch soweit gehen. Das meine ich mit diesem bedingungslosen Lieben.

Wenn man dann zusammenarbeitet, kommt ein großes Vertrauen hinzu, ein sich gegenseitig respektieren und verehren. Und den anderen einfach immer als untrennbaren Teil einer Einheit zu sehen. Damit verschwindet jeder Form von Egoismus. Diese Zuneigung zum anderen, hat uns noch einmal eine ganz andere Basis und Tiefe für unsere gemeinsame Arbeit gegeben.

Allerdings muss man auch wissen, wenn der Tango zwischen zwei Tänzern nicht gut funktioniert, geht er auch gleich ans Eingemachte. Dann wird es für eine Beziehung schwierig. Es ist eine Sache, wenn man sich als Tänzer streitet, aber noch einmal etwas ganz anders, wenn man ein Ehepaar ist. Da wird es schwer und man kommt schnell an einen Punkt, an dem es ohne es zu wollen, verletzend wird. Gott sei Dank, haben wir beide genug Professionalität zu sagen, wir hören jetzt auf. Luis lässt mich in solchen Situationen dann einfach stehen und geht weg. Denn wir wissen beide, dass es nichts bringen würde, an so einem Punkt weiter zu arbeiten. Wir sind ja auch als Kompanie unterwegs, deren Leiter Luis ist.

Als Regisseur ordnet er mich dann da ein, wo ich auch hingehöre und das ist gut so. Weil er sonst nicht arbeiten könnte. Wenn er die Regieanweisung gibt, alle nach links, dann heißt das, alle nach links und nicht Nicole möchte aber lieber nach rechts. Seine Anweisungen gelten für alle ohne Ausnahme.“

 

Wenn Sie Ihre Shows tanzen, dann sind das Programme von 90 Minuten und länger. Wenn man Ihnen zuschaut, dann wird einem bei Ihrer Beinarbeit schwindlig. Das klingt nach Hochleistungsport. Kommt man da nicht irgendwann auch an seine Grenzen?

„Wir geben auf der Bühne alles. Das bedeutet natürlich auch sehr viel Training, um seine körperlichen Grenzen genau zu kennen. Deshalb trainiert man weiter als das, was man am Ende auf der Bühne zeigt. Wobei da dann noch der Adrenalinkick hinzukommt. Damit gibt man wiederum weit mehr, als man im Training je angedacht hat. Eine Bewegung auf der Bühne sollte man im Training mindestens zehn- bis zwanzigmal aushalten können. Auch um das Verletzungsrisiko zu minimieren. Gerade weil das professionelle Tanzen an die körperlichen Grenzen geht, führen wir ein Leben, das von Familie und Freunden nicht immer verstanden wird. Wir können nicht vor der Show mal eben was essen oder spazieren gehen oder uns mit Freunden auf einen Schwatz treffen. Das geht einfach nicht. Wir leben für die Show. Da sind wir nicht anders, als Balletttänzer oder Opernsänger. Die können auch nicht einfach auf die Bühne gehen und loslegen, ohne sich vorher aufgewärmt, gedehnt oder eingesungen zu haben. Das ist der Preis der Kunst und unser Instrument ist der Körper. Ich kann ihn nicht wie ein Bandoneon am Abend für 12 Stunden in die Ecke stellen, ich trage es den ganze Tag mit mir herum.“

Sie haben sich auch noch etwas von Ihrer Kreativität der Grafikerin bewahrt und entwerfen Ihre Kostüme selbst.

„Ja. Auch die Bühnendeko, das heißt Bühnenbild, Licht und Projektionen, kommt aus meiner Hand.“

 

Das Interview führte Claudia Hötzendorfer

 

 

Kontakt und weitere Infos:

 

http://www.tangofolklore.com

http://www.the-great-dance-of-argentina.de

 

 

Buchtipp:

 

Nicole Nau

Tanze Tango mit dem Leben

(Bastei/Lünne 2013)

 

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