Interview: Professor Dietrich Grönemeyer

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Der Bochumer Professor Dietrich Grönemeyer ist bekannt für seine ganzheitliche Sicht auf die Schulmedizin. Wie die umgesetzt werden kann, beschreibt er in seinen Büchern. Für sein neustes Werk über das Herz gaben persönliche Erlebnisse den Ausschlag, sich mit der lebenswichtigen „Pumpe“ einmal intensiver zu beschäftigen und es nicht nur aus medizinischer Sicht zu beleuchten. Entstanden ist so eine etwas andere Organgeschichte.

Professor Grönemeyer, die Kernaussage Ihres Buches Dein Herz – eine andere Organgeschichte lautet: das Herz fühlt. Warum tun wir uns so schwer, im Herzen mehr zu sehen als einen lebenswichtigen Muskel?

„In der medizinischen Ausbildung haben wir gelernt, dass das Herz ein etwa faustgroßer Muskel ist, der rund 100.000mal am Tag schlägt. Dem psychischen Aspekt, dass das Herz auch ganz stark auf Anspannung und positiven oder negativen Stress reagiert, hat erst die neue Disziplin der Psychokardiologie die nötige Beachtung geschenkt. Sie zeigt, dass das broken heart syndrom, eben das gebrochene Herz, tatsächlich mehr ist als eine Redewendung.“

Wie wichtig ist es für die moderne Medizin die Emotionen und das Seelenleben des Patienten nicht aus den Augen zu verlieren oder wieder einen Blick dafür zu bekommen?

„Jeder Mensch ist nun mal eine Einheit aus Körper, Seele und Geist. Es gibt inzwischen wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass das Herz fühlt. Vor allem Psycho- und Neurokardiologen erforschen mit modernsten Methoden, was die Menschheit seit ihren Anfängen spürt. Wie wir heute wissen, ist unser Fühlen nicht nur im Kopf angesiedelt. Es wirkt sich durch das unbewusste vegetative Nervensystem auf den ganzen Körper aus und ist auch mit dem Herzen verbunden. Wenn wir uns freuen, aber auch bei Angst, reagiert das Herz, mit extremer Beschleunigung des Herzschlags zum Beispiel oder mit einer Zunahme der Kontraktionskraft. Jeder Stich, jedes Rasen, jede Beklemmung, die wir da fühlen, weckt die Angst in uns. Unversehens geraten wir in Panik. Wir wollen die bestmögliche Hilfe und denken dabei zuerst an die technischen Errungenschaften der medizinischen Forschung. Das ist die logische Konsequenz unseres Denkens in einer Epoche, die wie keine zuvor dominiert wird von den großartigen Erfolgen technischer Entwicklung. Was sie der Medizin gebracht hat, steht außer Frage; die Rettung unzähliger Menschenleben wäre ohne sie, ohne Röntgen, ohne Schnittbildtechnologie oder Herzkatheter undenkbar. Aber diese unbewusst wachsende Präferenz des technisch Machbaren in der Medizin birgt auch Gefahren in sich. Wo sie zur Fixierung wird, kann sie Irrtümern Vorschub leisten, gerade bei der Behandlung von Herzbeschwerden. Denn nicht jede Störung des Rhythmus, nicht alles Herzleiden lässt sich so nachweisen. Moderne technische Diagnostik allein gibt keine absolute Sicherheit und muss immer eingebunden sein in die ganzheitliche Bewertung der Beschwerden durch den Arzt. Nicht bei jedem Patienten, der mit Herzstechen und Panikattacken ins Krankenhaus kommt müssen das EKG oder die Katheter-Untersuchung auffällige Ergebnisse zeigen. Sehr oft wäre es angezeigter und auch kostengünstiger, die schonende und ambulant durchzuführende Schnittbildtechnologie anzuwenden, weil so zum Beispiel eine Minderdurchblutung des Herzmuskels auch ohne Strahlenbelastung und die möglichen Komplikationen einer Herzkatheteruntersuchung zu beurteilen wäre. Ganz abgesehen von solchen Einwänden, wird eben immer noch viel zu selten bedacht, dass das Herz, obwohl es selbst intakt ist, als Schmerzorgan reagieren kann. Diese funktionellen Beschwerden, verursacht etwa durch negativen Stress, Angst oder Depression sowie durch Stoffwechsel- oder hormonell bedingte Regulationsstörungen, sind nach wie vor eine weithin unterschätzte Gefahr, deren technisch gestützte Fehldiagnose Krankheiten – nicht nur des Herzens – mit schlimmsten Konsequenzen nach sich ziehen kann. Ärzte übersehen oft, dass es psychosomatische Zusammenhänge gibt.“

Sie beschreiben die Rolle des Herzens nicht nur in der Medizin, sondern auch in Religion, Philosophie, Literatur und Kunst. Gab es Dinge bei der Recherche, die Sie selbst überrascht haben?

„Ich war fasziniert davon, was für eine hoch entwickelte Medizin die Ägypter 400 Jahre vor Christus hatten. Die wussten in Alexandria schon, dass es ein Herzkreislaufsystem gibt. Sie wussten, dass das Gehirn nicht nur Füllmaterial im Schädel ist, sondern dass es da Nerven gibt. Das war alles lange, bevor William Harvey den Blutkreislauf im 17. Jahrhundert (neu) entdeckte. Interessant ist auch die Frage, warum das alles über knapp 2000 Jahre verloren ging.“

Sie haben sich in Ihren Büchern schon mit verschiedenen Themen befasst. Gab es einen bestimmten Grund, diesmal die Rolle des Herzens näher zu beleuchten?

„Es waren zunächst sehr persönliche Gründe, die mich veranlasst haben, dieses Buch zu schreiben. Da war die Herzmuskelentzündung meiner Tochter, und auch ich selbst war vor einiger Zeit Herzpatient mit schwerer Herzmuskelentzündung. So habe ich persönlich die Ängste erlebt, die jeden Patienten mit Herzproblemen befallen. Man fühlt sich ohnmächtig, wenn das Organ nicht so funktioniert wie gewohnt. Und beim Herz geht es letztlich immer um Leben und Tod. Auch für mich als Mediziner waren also erst Herzprobleme der Anlass, um mich mit der eigentlichen Funktionsweise des Herzens intensiver zu beschäftigen. Dieses Buch ist natürlich kein kardiologisches Fachbuch. Ich bin Radiologe. Aber am wissenschaftlichen Teil haben Kardiologen mitgearbeitet, anders wäre es ja gar nicht gegangen. Es ist ein Geschichten- und zugleich ein Fachbuch für die Kranken und für alle, die noch krank werden könnten. Es geht um Vorsorge, die Herzkrankheiten vermeiden hilft. Und um konkrete Hinweise für die, die sich Sorgen um ihr Herz machen – oder machen sollten. Das sind unglaublich viele. 20 Millionen Deutsche haben Bluthochdruck, aber bis zu 80 Prozent von ihnen nehmen ihre Medikamente nicht oder mindestens nicht regelmäßig. Dabei ist Bluthochdruck der größte Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall. 42 Prozent der Menschen in Deutschland sterben an Herzkreislauf-Erkrankungen. Hier braucht es aufklärende Informationen zu den Themen Bewegung, Ernährung, gesunde Lebensweise. Die Kardiologie ist zwar fantastisch, die Diagnosemöglichkeiten und die Techniken bis hin zur Transplantation sind wunderbar und hilfreich – aber wäre es nicht besser, sie gar nicht zu brauchen? Wir müssen einfach mehr über unser Herz wissen. Deswegen fordere ich auch einen Gesundheitsunterricht in den Schulen.“

Was kann jeder im Alltag tun, um sein Herz zu stärken?

„Die drei alten ayurvedischen Prinzipien befolgen: Sich gesund ernähren (besonders empfehlenswert mediterrane Kost mit Ölen, frischem Gemüse und Kräutern), viel Wasser trinken, viel bewegen und eine positive Grundhaltung zum Leben entwickeln. Ein bisschen Lebenskunst brauchen wir alle, d. h.: Weniger den Blick auf die Belastungen des Lebens und die Betonung von negativem Stress richten, sondern sein Leben mit positivem Elan gestalten. Tun Sie etwas für Ihre Entspannung und genießen Sie Entspannungspausen bewusst. Aber dabei gilt natürlich immer: Wenn Sie Herzprobleme haben, sprechen Sie zuerst mit Ihrem Kardiologen.“

Claudia Hötzendorfer

Ergänzende Links

Buchtipp

  • Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer Das Herz – Eine andere Organgeschichte (S. Fischer 2010, 384 S., 22,95 Euro)

Hörtipp

  • Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer/Peter Konradi Das Herz – Eine andere Organgeschichte (Tacheles 2010, 4 CDs, ca. 400 Min., 19,95 Euro)

Kontakt

Grönemeyer Institut für MikroTherapie
Universitätsstraße 142
44799 Bochum
Tel.: 02 34/97 80-0 – Fax: 97 80-4 00

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