Interview: Professor Dr. Lothar Seiwert

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Wir haben alle gleich viel davon zur Verfügung und trotzdem rast sie für den einen, während sie sich für den anderen zäh dahin zieht. Dafür habe ich keine Zeit, ist wohl einer der am häufigsten verwendeten Sätze heutzutage. Alles eine Frage der Prioritäten sagt Professor Lothar Seiwert. Er muss es wissen, denn er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Phänomen Zeit. In seinem aktuellen Ratgeber Simplify your Time gibt der Experte wertvolle Tipps, wie wir mehr Zeit fürs Wesentliche bekommen.

Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Heidelberger Professor mit dem Phänomen Zeit. Hält weltweit Vorträge, gibt Seminare und schreibt Ratgeber. Allein von seinem 2006 gemeinsam mit Werner Tiki Küstenmacher verfassten Bestseller Simplify your Life gingen in über 30 Ländern schlappe 2 Million Exemplare über die Ladentische.

Wie sich im Gespräch herausstellt, weiß Deutschlands führender Experte in Sachen Time Management was den meisten Menschen im hektischen Alltag fehlt: mehr Zeit fürs Wesentliche.

Herr Professor, Sie haben sich auf das Thema Zeit spezialisiert. Was fasziniert Sie so daran?

„Wie schon Albert Einstein sagte, ist Zeit eine Dimension im Universum. Sie ist ein Phänomen von dem wir alle – ob König oder Bettler – gleich viel oder gleich wenig haben. Insofern ist sie das einzige, das gerecht auf dieser Welt verteilt ist. Hinzu kommt, dass die Zeit die Menschen auf dieser Welt schon immer interessiert und fasziniert hat. Da geht es mir nicht anders. Auch für mich hat sie etwas Faszinierendes.“

Warum fällt es uns so schwer, mit der zur Verfügung stehenden Zeit optimal umzugehen?

„In der heutigen Zeit sind drei Dinge anders als früher:

  1. Alles wird immer schneller.
  2. Quantitativ ist alles immer mehr geworden.
  3. Alles wird komplexer.

Ich möchte diese drei Stichpunkte näher erläutern. Ein Beleg für ein zunehmendes Tempo ist, dass man in den USA eine neue Krankheit entdeckt hat, die den Namen hurry sickness (Hetzkrankheit) trägt. Diese Erkrankung kann durchaus auch als Vorstufe zum Burn out oder Workaholismus gesehen werden. Bezogen auf das quantitative Mehr, erinnere ich mich noch an meinen ersten Mac mit 512 KB Arbeitsspeicher. Das neuste Office Paket für den Mac hat benötigt mehr als 500 MB Speicher. Ich nutze es jedoch nicht mehr als meine erste Office-Software vor 20 Jahren. Die zunehmende Komplexität sehen Sie auch am Umfang von Betriebsanleitungen. Die meines ersten Handys hatte gerade 15 Seiten, die heutigen modernen Varianten füllen 500 Seiten und mehr. Was ein Indiz dafür ist, dass alles komplexer wird. Deshalb gibt es inzwischen auch wieder eine Rückbesinnung der Menschen auf ein Urbedürfnis nach Vereinfachung. Aus diesen drei Gründen fällt es immer schwerer sich selbst und die zur Verfügung stehende Zeit zu organisieren.“

Haben wir wirklich ein Zeitproblem oder liegt es nicht vielmehr daran, dass es uns oft schwer fällt Prioritäten zu setzen oder einfach mal Nein zu sagen?

„Im Grunde gibt es keine Zeitprobleme auf dieser Welt, denn die Zeit macht was sie will und nicht was wir wollen. Das heißt, sie verrinnt nach ihrem ureigenen Rhythmus. Vielmehr ist es ein Problem des Prioritätensetzens. Es ist eine Lebenslüge wenn jemand behauptet, er hätte keine Zeit. Denn in Wahrheit meint er, dass er für eine Sache keine Zeit hat, weil ihm eine andere wichtiger ist. Was wir also tun können ist, den Umgang mit der Zeit aktiv zu gestalten.“

Sind es vor allem junge Leute, die sich selbst unter Druck setzen oder kennt jede Altergruppe solche Probleme?

„Soweit ich es überschauen kann, ist die Problematik geschlechts- und altersunspezifisch. Jüngere Leute können eher noch den durch Zeit ausgelösten Stress aushalten. Aber sprechen Sie mal mit aktiven Rentnern und Sie werden erleben, dass die noch weniger Zeit zu haben scheinen, als während ihres Berufslebens. Auch soziodemografisch gesehen lässt sich das Phänomen keiner bestimmten gesellschaftlichen Schicht zuordnen Vielmehr kann ich beobachten, dass jede Gruppe ihre Situation für die problematischste hält. Ob es nun Selbständige sind, die glauben, sie hätten die größten Zeitprobleme, ob sie in der Werbebranche sind oder Journalisten, ob angestellt oder Student, egal wer, jeder glaubt von sich, er sei am schlimmsten betroffen.“

Wenn es um Zeitprobleme geht, denken viele als erstes an die Arbeit und erst in zweiter Linie an das Privatleben. Sie sprechen sogar von vier Bereichen und zählen noch Körper und Beziehungen hinzu. Ist es nicht so, wenn der Stress im Job nicht mehr so hoch ist, dass sich die anderen drei Bereiche von selbst ausbalancieren?

„Ich empfehle, sich auf alle Bereiche zu konzentrieren und zu fokussieren. Denn selbstverständlich hängen sie miteinander zusammen, so wie alles im Universum, im Mikro- wie im Makrokosmos miteinander zusammenhängt. Nehme ich mir außerhalb der Arbeit mehr Zeit für andere Dinge im Leben, harmoniere ich mich automatisch besser. Nehmen wir einmal den Bereich sinnlich-geistiger Werte. Sie kennen sicher Dialoge wie ‚wir müssten mal wieder ins Theater oder ins Konzert gehen.’ Der Partner sagt darauf, ‚ja, das machen wir, wenn wir Zeit haben.’ Wir wissen alle: das findet nie statt. Deshalb muss ich die privaten Dinge genauso ernst nehmen, wie die beruflichen. Denn im Arbeitsleben bin ich pünktlich und motiviert. Im Privaten hingegen lasse ich die Dinge schleifen. Weil ich mich da nicht auch noch festlegen möchte. Allerdings passiert dann auch nichts. Deshalb ist es wichtig im privaten Bereich oder für Freizeitaktivitäten wie Sport und Fitnesstraining Zeit einzuplanen. Ich bin beispielsweise zweimal pro Woche diszipliniert beim Krafttraining. Es macht zwar keinen Spaß und ist eine echte Schinderei, aber es ist sehr wichtig. Denn Rückenprobleme sind die Krankheit Nr. 1 in unserer Wohlstandsgesellschaft. Deshalb mache ich es auch gleich morgens, damit ich im Laufe des Tages keine Ausreden finde, nicht hinzugehen. Erstaunlicherweise spielt dabei der Faktor Geld eine Rolle. Wenn ich mir beispielsweise ein Theaterabo kaufe, ändert sich durch die Tatsache, dass ich die Tickets bereits bezahlt habe, auch gleich meine Einstellung und ich finde die Zeit hinzugehen.“

Sie haben das Konzept der Selbstführung entwickelt, das Sie Life-Leadership nennen. Können Sie unseren Lesern kurz erläutern, was damit gemeint ist?

„Lassen Sie mich kurz die Begriffswahl erklären. Beim bereits bekannten Time Management, wie es Neudeutsch heißt, geht es allein um Zeit. Mir hingegen geht es nicht nur darum, sondern auch um das Leben. Deshalb erschien mir der Begriff Life-Management passender, denn es ist nach unserem Verständnis etwas Operatives. Wenn Sie in den USA bei McDonalds nach dem Manager fragen, kommt der Schichtleiter und nicht den Chef des Konzerns. Wenn man allerdings den passenderen Begriff Leader (Führer) eindeutscht, bekommen wir historisch bedingt nicht gerade eine optimale Assoziation. Ein Leader im angelsächsischen Sinne ist jedoch jemand, der vorausgeht, der die Dinge pro aktiv anpackt und Visionen entwickelt. Hätte ich den Begriff Lebensführer gewählt, klänge das einfach scheußlich. Deshalb spreche ich eben lieber von einem Life-Leadership. Dabei denke ich an einen Lebens-Unternehmer. Ich inspiriere damit die Leute Kapitän des eigenen Schiffes zu sein. Das heißt auch den Kurs abzustecken, eine Vision zu entwickeln welche Stationen ich auf meiner Lebensreise durchlaufen haben möchte. Was muss passiert sein, um am Ende meiner Lebensreise sagen zu können, es war ein glückliches, zufriedenes, erfülltes und schönes Leben? Das passiert nicht von allein. Dafür muss ich mir überlegen, was es für mich konkret heißt. Viele haben meist nur nebulöse Vorsätze, zum Beispiel zum Jahreswechsel. Da heißt es dann, ich will etwas für die Gesundheit tun. Und wir wissen alle, nach ein paar Tagen oder Wochen, sind diese Vorsätze aus den Augen, aus dem Sinn. Wir sind wieder in der Realität des Alltags angekommen.“

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