Interview: Regisseur Pan Nalin über Indiens größtes Pilgerfest, die Kumbh Mela

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Rund 100 Millionen Menschen feiern alle 12 Jahre für zwei Monate die Kumbh Mela. - Foto: NFP

Rund 100 Millionen Menschen feiern alle 12 Jahre für zwei Monate die Kumbh Mela. – Foto: NFP

Alle zwölf Jahre pilgern rund 100 Millionen Hindus an den Zusammenfluss von Ganges, Yamuna und des unsichtbaren, mythischen Flusses Saraswati zur Kumbh Mela. Pan Nalins neuer Dokumentarfilm An den Ufern der heiligen Flüsse erzählt Geschichten von Menschen, deren Schicksal eng mit dem spirituellen Festival Indiens verknüpft ist. Wir sprachen mit ihm in Paris über die Dreharbeiten.

Nur ein Bad in den heiligen Flüssen kann einen Hindu von seinen Sünden reinwaschen und aus dem Kreislauf der ewigen Wiedergeburt befreien. Um diesem Ziel nahe zu kommen pilgern alle zwölf Jahre rund 100 Millionen Gläubige an den Ort, der die Flüsse Ganges und Yamuna mit dem mythischen unsichtbaren Fluss Saraswati vereint. Dort feiern sie die Kumbh Mela, ein spirituell religiöses Happening. 55 Tage lang herrscht Ausnahmezustand auf dem Festivalgelände, das in unterschiedliche Zeltlager aufgeteilt ist. Pilger nächtigen nicht mit Sadhus zusammen und Yogis nicht mit Asketen.
2013 war es auch für den indischen Filmemacher Pan Nalin (Samsara, Ayurveda – Art of being) soweit. Er packte seine Kamera ein und machte sich auf den Weg zur Kumbh Mela, nicht ohne seinem Vater das Versprechen gegeben zu haben, Wasser aus dem heiligen Ganges mitzubringen. Einmal angekommen war für Nalin klar: „Ich wollte ihm noch etwas mitbringen: Geschichten.“ Wo Millionen Menschen zusammenkommen gibt es viel zu erzählen. Der Regisseur pickte sich fünf Geschichten exemplarisch heraus. Eigentlich eher Randnotizen, doch gerade deshalb berühren sie den Zuschauer. Bei der Auswahl, verrät Pan Nalin, sei er sich vorgekommen wie ein Fischer. „Ich musste nur in diesen Ozean der Menschlichkeit eintauchen. Wie beim Fischen spürt man es zunächst, bevor man etwas tatsächlich sieht.“
Bei einem Festival dieser Größenordnung geht im Getümmel schon mal jemand verloren. Während der zwei Monate der Kumbh Mela waren es über 130.000 (!) Vermisstenfälle. Alle Anfragen laufen in der 1946 erstmals eingerichteten und seitdem kontinuierlich erweiterten Vermisstenstelle zusammen. Dort suchen auch Mamta Devi und ihr Mann Sonu. Ihren kleinen Sohn Sandeep hatten sie in den Menschenmassen nur kurz aus den Augen verloren. Zehn Tage blieb der Dreijährige verschwunden und stürzte seine Eltern in tiefe Verzweiflung, bis er schließlich wohlbehalten wieder auftauchte. Wo er war? Das bleibt unklar. Eltern und Filmemacher vermuten eine misslungene Entführung. Kinder werden bei solchen Gelegenheiten gekidnappt und verkauft oder für den Organhandel missbraucht.
Pan Nalin begleitet auch den Ausreißer Kishan Tiwari. Gerade einmal zehn Jahre alt, schlägt er sich von seinem Heimatdorf bis zum Festivalgelände durch. Dort findet er Unterschlupf bei hinduistischen Mönchen, so genannten Sadhus. Sie haben allem Weltlichen entsagt, um ein spirituelles Leben zu führen. Ihr Ziel ist Selbsterkenntnis und Yoga in Perfektion. Wenn sie sich nicht gerade mit anderen Gläubigen über spirituelle Themen austauschen, greifen sie gern mal zu einem Marihuana-Pfeifchen.
Und da ist noch der Asket und Yogi Baba, der ein ausgesetztes Baby adoptiert hat und aufzieht. Ein Sadhu, der alles für den Kleinen tut und dies als seine von den Göttern auferlegte Lebensaufgabe versteht.
„Ich wollte die Geschichten unbedingt aus dem Blickwinkel der Protagonisten erzählen, damit wir sie richtig kennen lernen können“, erklärt Pan Nalin seine Herangehensweise.
Und so ist An den Ufern der heiligen Flüsse ganz nah dran und mittendrin, mit starken Bildern und bewegenden Geschichten. Indien hautnah.

Was hat Sie bewogen sich ins Getümmel von 100 Millionen Menschen zu stürzen und einen Film über die Kumbh Mela ohne festes Skript zu drehen?
„In Indien ist die Kumbh Mela so wichtig und bekannt wie in Europa vielleicht Weihnachten. Jedes Kind spricht davon, die Erwachsenen sowieso. Alle wollen wenigstens einmal im Leben Teil dieses Festes sein. Da es nur alle 12 Jahre stattfindet, ist der Andrang entsprechend groß.
Auch in unserer Familie war es immer Thema dorthin zu fahren. Den Stein ins Rollen für meinen Film brachte mein Vater. Er hatte die Reise lange geplant und konnte sie dann doch nicht antreten. Ich glaube, ihn beunruhigte auch die schiere Masse an Menschen, die er dort antreffen würde. So bat er mich, sollte ich hinfahren, ihm doch wenigstens eine Flasche voll Wasser aus dem Ganges mitzubringen.
Ich warf einen Blick in den Kalender und stellte fest, dass es keine der üblichen Kumbhs ist, sondern die größte von allen, die eben nur alle 12 Jahre abgehalten wird. Dieses besondere Ereignis stellt die gesamte Region auf den Kopf. Ich sprach mit Freunden, die in der Nähe des Festortes leben. Die winkten nur ab und meinten, du machst dir keine Vorstellung davon, was hier los sein wird. Es wird die Hölle auf Erden. Die Vorbereitungen dafür laufen schon seit eineinhalb Jahren. Sie bauen eine ganze Stadt direkt am Fluss auf.
Mir schwirrten unzählige Gedanken im Kopf herum. Welche Bedeutung hat dieses religiöse Fest für das moderne kapitalistische Indien? Kommen die Pilger dorthin aufgrund ihres wahren Glaubens und einer tief empfundenen Religiosität oder ist es eher eine Art gesellschaftliches Happening? Welche Rolle spielt Spiritualität überhaupt in der indischen Gesellschaft? Sicher wusste ich, dass die Kumbh eines der wenigen Ereignisse ist, wo Sadhus aus allen Teilen des Landes zusammenkommen und damit eine nicht gerade kleine Gruppe von Menschen, die eine ganz eigene Klasse der Gesellschaft darstellen.
Dort treffen normale bodenständige Menschen auf spirituell Erleuchtete, Heilige und Gläubige. Das macht die große Anziehung der Kumbh Mela aus. Denn nirgendwo sonst, finden ähnliche Zusammenkünfte statt. Nur dort kann ein einfacher Pilger die heiligsten Meister treffen, die von weit her aus dem Himalaja kommen.
All das ging mir also durch den Kopf nur wenige Tage, bevor die Kumbh Mela losging. Gleichzeitig war mir klar, dass ich sicher keinen Film über die Kumbh Mela machen würde. Denn davon gibt es unzählige, die man sich auf YouTube ansehen kann, die auf der letzten im Jahr 2001 gedreht worden sind. Also bin ich ohne Plan hingefahren und in dem Moment, als ich dort ankam und die Menschenmassen sah wusste ich, dass ich mir Protagonisten suchen musste. Menschen, deren Geschichte ich erzählen kann und die so unterschiedlich sind, wie die Gruppen, die dort anzutreffen sind.“

Wie muss man sich die Atmosphäre dort vorstellen? Im Film ist es bunt, voll und laut.
(lacht) „Genau so. Aber das erstaunliche dabei ist, dass die Menschen ihre Schmerzen, ihr Leid, ihre Trauer oder ihre Probleme zu vergessen scheinen. Man wird einfach mitgerissen von der Stimmung. Da liegt etwas in der Luft, das man förmlich greifen kann. Man muss sich vorstellen, dass es Leute gibt, die zehn Jahre und länger sparen, um sich die Reise dorthin leisten zu können. Ihre Geschichten wollte ich erzählen, denn die haben mich tief berührt. Also rief ich mein Team in Bombay an und bat sie zu kommen, um eben diesen Film zu drehen.
Ich habe mich gewissermaßen ins Abenteuer gestürzt und je länger wir vor Ort waren, desto mehr Geschichten hätten wir erzählen können.“

Ich stell mir gerade vor, wie Sie mit Ihrem Team und all dem Equipment, das Sie für die Dreharbeiten brauchten, durch die Massen gestiefelt sind.
„Es war ein Alptraum. Wir haben versucht, es auf ein Minimum zu reduzieren. Ganz so einfach, wie man glauben könnte, ist es auch gar nicht, dort zu drehen. Es gibt die so genannte Kumbh Mela Authority. Eine Behörde, die sehr strenge Regeln festlegt, wenn man sich auf dem Gelände bewegen will. Dafür braucht man einen speziellen Ausweis, der einem Zutritt zu allen Bereichen ermöglicht. Für die Presse gibt es bestimmte Areale, die für Film- und Fotoaufnahmen freigegeben sind. Wenn ich nur dafür einen Zugang bekommen hätte, wäre es das Aus für meinen Film gewesen. Es war die Hölle. Wir kämpften für eine Drehgenehmigung gut eineinhalb Wochen lang. Ich versuchte ihnen zu erklären, dass ich nicht gekommen wäre, um ein paar Hundert Sadhus dabei zuzusehen, wie sie in den Fluss springen. Ich wollte meinen Protagonisten überallhin folgen können. Ich habe mit allen gesprochen, die irgendwie verantwortlich waren, einschließlich dem Chef der örtlichen Polizei, Gemeindemitgliedern, diversen Würdenträgern und Politikern. Jeder hatte was zu sagen. Ich erklärte ihnen, dass ich Künstler sei, Filmemacher und kein Journalist. Ich zeigte ihnen meine Arbeiten und Dokumentationen über Ladakh und Ayurveda. Erklärte, ich möchte die Authentizität des Festivals einfangen. Schließlich sah einer der Verantwortlichen für Medien meine Filme und er war mir dann eine wirklich große Hilfe. Er gab mir einen Pass, der Zutritt zu allen Bereichen gewährte und nahm mir gleichzeitig das Versprechen ab, darüber Stillschweigen zu bewahren. Mit diesem Freibrief konnten wir endlich unseren Protagonisten überallhin folgen. Ich teilte die Crew in drei Gruppen auf. So konnten wir mit mehreren Leuten gleichzeitig drehen. Abends gab es immer eine Lagebesprechung in einem winzigen Raum. Wir hausten da mit unsren Rücksäcken und ich klebte an Wände und unter die Decke ständig irgendwelche Post it Zettelchen mit den Infos, was wir bereits im Kasten hatten. Diese ganze Sache war schon ein Abenteuer. Zumal wir ständig Vermutungen anstellten darüber, was als nächstes passieren könnte.“

Hatten Sie gleich zu Beginn die Menschen gefunden, die auch im Film zu sehen sind?
„Anfangs begleiteten wir mehr als zwölf verschiedene Protagonisten. Einige haben wir recht schnell wieder verlassen. Andere erst im Laufe der Wochen. Am Ende blieben die vier Geschichten übrig, die wir erzählen wollten.
Ich muss gestehen, dass diese Doku eigentlich zu den wenigen meiner Arbeiten gehört, die aus dem Bauch heraus entstanden sind, ohne dass ich zuvor auch nur ein Wort dazu aufgeschrieben hätte (lacht)“.

Ich frage mich, ob man als Filmemacher gerade bei einer Geschichte wie der, des jungen Paares, deren kleiner Sohn plötzlich verschwunden war, noch neutral beobachtend bleiben kann.
„Sie haben natürlich Recht. In solchen Momenten muss der Film hinten anstehen. Der Name der Mutter ist Mamta Devi. Wir hatten eigentlich beschlossen, ihr einfach nur zur folgen, ohne einzugreifen. Weil wir einen guten Draht zur Polizei hatten und davon ausgingen, dass der Kleine Sandeep bestimmt schnell wieder auftauchen würde. Denn in so einer großen Menschenmasse gehen gerade Kinder immer wieder verloren und kommen in der Regel einen oder zwei Tage später wieder. Das bestätigte uns auch die Polizei.
Doch je länger wir sie begleiteten ohne dass der Kleine wiederkam, desto unsicherer wurden wir. Nach dem vierten Tag, konnten wir nicht einfach nur noch zusehen, zumal sich die Polizei weigerte, die Vermisstenanzeige aufzunehmen. Sie sagten immer nur, der wird schon wieder auftauchen. Uns wurde aber nach dem vierten Tag klar, das ist ernst. Den Tag darauf trafen wir die Mutter. Sie hatten aus Kummer aufgehört zu essen und zu trinken, weinte immerzu und brach schließlich mitten auf der Straße zusammen. Wir hatten das noch gefilmt und als sie da so weinend auf der Straße saß, war es an der Zeit die Kamera auf die Seite zu legen.
Im Team waren wir uns einig, dass wir ab sofort eine Mission haben. Wir hatten bereits im so genannten ‚Gesucht-Gefunden-Center’ gefilmt. Denn während der Kumbh Mela verschwinden rund 100.000 Menschen, nicht wenige von ihnen für immer. Wir wussten also, dass nicht jeder gefunden wird. Aber wir wollten trotzdem alles unternehmen, um der verzweifelten Mutter ihren Sohn zurückzubringen. Da war das Filmen in den Hintergrund getreten. Wir schalteten alle ein. Die Polizei, die örtlichen Behörden, den Manager des Festivals. Der war angemessen genervt. Erst haben wir ihn bequatscht uns endlich diesen Film machen zu lassen. Jetzt standen wir schon wieder in seinem Büro und wollten seine Unterstützung bei der Suche nach einem verschwundenen Kind. Da der Kleine inzwischen schon seit neun Tagen weg war, verdichteten sich die Befürchtungen, dass er Opfer der Organmafia oder des Kinderhandels geworden sein könnte.
Kinder werden in Indien oft entführt, um sie nach Nepal zu verkaufen. In dem Moment, wo sie in einem Bus die Grenze überqueren, hat die Regierung keine Möglichkeit mehr sie zurückzubekommen. Die Kinder werden entweder als Sklaven verkauft oder für den Organhandel missbraucht. Die Polizei erzählte uns Horrorgeschichten. Vor der Tür wartete Mamta Devi und fragte, was die Polizei gesagt hätte? Sie spricht kein Englisch, sondern nur einen Hindi-Dialekt. Wir hätten ihr nie die Wahrheit sagen können.
Als wir abends unsere Teambesprechung hatten, wollte ich die Geschichte ganz aus dem Film nehmen und wir beschlossen, sie auch nicht weiter zu begleiten, denn die Lage schien ohnehin aussichtslos. Wir hätten ihr nur Hoffnung gemacht. Wir entschieden aber in Kontakt zu bleiben. Weitere zwei Tage vergingen. Dann erreichte mich ein Anruf, der Kleine war wieder aufgetaucht. Nah an dem Ort, wo er verschwunden war. Da wir nicht wussten, in welcher Verfassung Sandeep war, ob er lebend oder tot gefunden worden war und wie es den Eltern ging, nahmen wir keine Kamera mit.
Sie können sich unsere Erleichterung vorstellen, als wir bei den Eltern eintrafen und den Jungen in sehr guter Verfassung fanden. Dafür, dass er zehn Tage lang verschwunden war, ging es ihm erstaunlich gut. Als ich mich später bei der Polizei erkundigte, sagte man mir, dass man davon ausginge, der Junge sei von der Organmafia entführt worden. Da wir als Filmteam aber so einen Aufstand gemacht hätten und die ganze Zeit mit der Kamera dabei gewesen seien, hätten die Kidnapper wohl Angst gehabt aufzufliegen. Zumal wir auch die Presse eingeschaltet hatten. Das Letzte was diese Gangs brauchen ist Aufmerksamkeit. Also haben sie den Kleinen einfach wieder da ausgesetzt, wo sie ihn entführt hatten.“

Wenn Sie sagen, Sandeep war in guter Verfassung, haben sich die Entführer hoffentlich doch um ihn gekümmert.
„Die traurige Wahrheit ist, das müssen sie auch. Denn wenn die Kinder für den Organhandel vorgesehen sind, müssen sie gesund sein. Zu diesen mafiösen Strukturen gehören leider auch Ärzte, die dafür verantwortlich sind, die Kinder zu untersuchen. Wenn die nur leichtes Fieber haben oder ein Kratzen im Hals, sind sie wertlos. Denn dann wird sie niemand kaufen. Also wird für sie gesorgt. Sie bekommen genug zu essen, bekommen Kleidung und einen guten Schlafplatz.
Den Kleinen hatten sie schon vom Gelände der Kumbh Mela fortgebracht. Nach unserer Aktion fuhren sie ihn wieder zurück und setzen in einfach aus. So würde der Eindruck entstehen, er hätte sich bloß verlaufen, wenn jemand auf ihn aufmerksam würde. Die Polizei hat uns versichert, ohne unser Dazutun, wäre er nicht wieder zurückgekommen. Die Entführungsfälle der Kumbh Mela bleiben in der Regel unaufgeklärt und ein einmal entführtes Kind, kommt auch nicht mehr zurück.“

Sind Sie nach den Dreharbeiten noch in Verbindung geblieben?
„Ja. Nur in den letzten eineinhalb Monaten habe ich den Kontakt etwas schleifen lassen, weil ich derzeit in Paris bin und auf Werbetour für den Film. Beispielsweise haben wir für den Kleinen, der bei Sadhu Baba lebt ein Bankkonto eingerichtet. Wenn er 16 wird, bekommt er Zugang zu dem Fond und kann das Geld für seine Ausbildung einsetzen. Doch eben erst dann und auch nur er. Wir wollten unbedingt helfen, waren aber nicht sicher wie. Sadhu Baba sagte, was immer ihr tun wollt, tut es nicht für mich, sondern für ihn. Ihm war es wichtig, dass der Kleine eine gute Ausbildung bekommt und so war für uns klar, was wir machen. Wir gingen gleich zur nächsten Bank und legten ein paar hundert Euro für ihn an. Bis er 16 ist, wird der Betrag auf rund 4000,- Euro angewachsen sein. Was eine enorme Summe in so einem armen Land wie Indien darstellt. Damit kann er vier oder fünf Jahre studieren.
Ich bin auch immer noch in Kontakt mit den Eltern von Kishan Tiwari, dem kleinen Ausreißer. Er ist nur wenige Tage, nachdem er wieder zuhause war, wieder abgehauen und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Man hat ihn letztes Jahr kurz in einem Ashram einer der Sadhus gesehen, die ihn schon auf der Kumbh Mela aufgenommen hatten. Als Kishan Tiwari dort ankam, war der Sadhu aber nicht da und so ging er wieder. Das war das Letzte, was wir gehört haben. Wir bleiben aber mit seiner Familie in Kontakt, weil wir auch da gerne helfen würden.
Und natürlich halten wir die Verbindung zu Mamta Devi und ihrem Sohn Sandeep, der verschwunden war. Sie sind so genannte Boat-People. Sie leben und arbeiten auf dem Fluss.“

Was haben Sie für sich ganz persönlich von der Kumbh Mela und von den Dreharbeiten mitgenommen?
„Was mich tief berührt hat, war die Kraft von Hoffnung und Hingabe. Denn es ist nicht einfach nur blindes Vertrauen. Es geht viel tiefer. Allein wenn ich sehe, dass die Menschen in diesen unfassbar schmutzigen Fluss steigen, um sich zu ‚reinigen’. Natürlich wissen sie, dass das Wasser dreckig ist, aber sie haben ihren Glauben, dass dies nur eine Äußerlichkeit ist, die auf die wahre heilige Kraft des Flusses keinen Einfluss hat.
Abgesehen davon habe ich auch den Spirit dieses Festivals mitgenommen, denn der lässt dich nicht kalt. Ganz gleich ob du vorher religiös warst oder nicht. Wenn du dort warst, kommst du als Gläubiger zurück.
Ich habe mit vielen Westlern gesprochen, die auch dort waren und sie konnten diese Erfahrung nur bestätigen. Sie alle waren wie ich berührt von so viel Hoffnung, Hingabe und dieses Zelebrieren des Glaubens, der kastenübergreifend jeden betrifft. Die Ärmsten der Armen, die am Straßenrand sitzen und von denen man in dem Moment, wo man mit ihnen spricht, weiß was sie alles entbehrten, nur um zum Festival kommen zu können.
Du triffst aber auch sehr reiche Leute, die mit vollen Händen geben.
Was mich aber am meisten erstaunt hat. Das Festivalgelände ist in verschiedene Camps aufgeteilt, für die jeweiligen Gruppen. Doch ganz egal, welches Camp du besuchst, es gibt immer kostenlose Speisen und Getränke für die Gäste. Diese ganze Idee des Gebens ohne Erwartung, gefällt mir. Übrigens gibt es auf der ganzen Kumbh Mela nicht einen Laden. Man könnte ja annehmen, dass Souvenirhändler sich eine goldene Nase verdienen würden, wie es an anderen Pilgerorten auf der Welt der Fall ist.
Du kannst also auch als wirklich armer Mensch dort überleben, denn du bekommst immer zu essen und zu trinken und du wirst auch immer einen Schlafplatz finden. Was du brauchst, das bekommst du auch. Diese Hilfsbereitschaft habe ich nirgends sonst so angetroffen.“

Wir haben das letzte Mal miteinander gesprochen, nachdem Sie Samsara abgedreht hatten. Damals wie heute ist mir aufgefallen, dass Sie in Ihren Filmen den Widerspruch oder Gegensatz zwischen Spiritualität und Materialismus beleuchten. Ein Thema, das Sie offenbar über Jahre beschäftigt.
„Unbedingt. Was mich dabei interessiert ist die große Idee des Glaubens an sich. Die Vorstellung, dass jemand sein Leben dem Glauben an etwas oder jemanden widmet, fasziniert mich. Vor allem, weil ich mich selbst eigentlich von keiner Religion wirklich angesprochen fühle. Denn für mich gibt es da einen großen Unterschied zwischen Religion und Spiritualität. Religion ist ein Fiasko, während Spiritualität etwas Wunderbares sein kann. Ich denke, man kann ein sehr spiritueller Mensch sein, ohne einer Religion anzugehören. Diese Spiritualität, die mich interessiert, ist oft aus dem Glauben an etwas heraus geboren. Wir können an einen Helden glauben, an einen Lehrer oder unsere Mutter. Es kann aber genauso gut Jesus, Allah oder Lady Gaga sein, verstehen Sie?
Die Energie, die ein Glaube freisetzt, egal ob ich nun von einem Lady Gaga Konzert komme oder einen Stein anbete, das ist für mich Spiritualität. Wenn man das richtig auslebt, kann es wunderbar sein. Ehrlich gesagt ist Spiritualität für mich die beste Waffe gegen die Religion. Wenn wir ihr mehr Raum in unserem Leben geben würden, hätten wir weniger Fundamentalisten, Terroristen und bewaffnete Konflikte auf dieser Welt. Davon bin ich zutiefst überzeugt.“

Verraten Sie unseren Lesern noch etwas über Ihre nächsten Projekte Beyond the known World und Buddha?
Beyond the known World habe ich gerade abgeschlossen. Im Moment bin ich mit der post Production beschäftigt, also schneiden, Musik einfügen usw. Das ist mein erster großer englischsprachiger Spielfilm. Er spielt in Indien und Neuseeland. Buddha ist eine Geschichte an der ich schon sehr lange feile, weil es ein sehr großes Projekt ist. Aber ich gebe nicht auf. Das Drehbuch steht inzwischen und nun geht es an die Umsetzung eines so epischen Werks. Es geht mir dabei weniger darum einen Film über einen Gott zu machen, sondern vielmehr darum zu zeigen, was es bedeutet, wenn man seine Jugend aufgeben muss, um diese Aufgabe zu erfüllen. Für mich als Filmemacher ist nicht so interessant, wer Buddha war, sondern was es für Siddhartha bedeutet hat, diesen Weg zum Buddha zu gehen. Es ist eine zeitlose Geschichte, die unabhängig von der Epoche in der wir gerade leben, immer aktuell bleiben wird. Ich hoffe, dass wir nächstes Jahr mit den Dreharbeiten dafür beginnen können.“

Das Interview führte Claudia Hötzendorfer

Filmtipp:

An den Ufern der heiligen Flüsse
Verleih: NFP
Start: 30.04.2015
Länge: 115 Min.
Regie: Pan Nalin

www.andenufernderheiligenfluesse-derfilm.de

© Claudia Hötzendorfer 2015 – Silent Tongue Productions

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