Interview: Robert Lebeck

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„Wann immer ich konnte, bin ich dran geblieben“ – Im Gespräch mit der Fotografen-Legende Robert Lebeck. „Neugierig auf die Welt“ war er immer. Robert Lebeck, studierter Völkerkundler und einer der bekanntesten Foto-Journalisten Deutschlands. Da lag es nahe, eine Ausstellung unter genau dieses Motto zu stellen. Ab März zeigt LUMAS ausgewählte Arbeiten Lebecks in seinen Galerien in Berlin, Köln und Düsseldorf, die in dieser Form erstmals öffentlich zu sehen sind.

Am 21. März wird der gebürtige Berliner 82. Seine Kamera hat er inzwischen an den Nagel gehängt. Doch ab und an muss er dann doch wieder auf den Auslöser drücken. „Ich habe Berlin fotografiert aus einem Bus heraus und digital“, verrät Robert Lebeck im Gespräch mit Claudia Hötzendorfer. Einige dieser Aufnahmen wird LUMAS zeigen.

Digitale Fotografie, so gibt der zweifache Vater unumwunden zu, sei für ihn nur ein „Zeitvertreib“. Sein Leben lang gehörten eine Leica („mit Weitwinkel, wenn ich schnell fotografieren musste“) und eine Nikon zu seiner Ausrüstung.

30 Jahre lang reiste Lebeck für den Stern durch die Welt und geriet mehr als einmal in gefährliche Situationen, die ihm gleichzeitig Aufsehen erregende Aufnahmen bescherten. Welche davon ihm besonders im Gedächtnis geblieben sind und was ihn mit Romy Schneider und der Callas verband, verrät der ehemalige Geo-Chefredakteur im nachstehenden Interview.

Die LUMAS-Galerien in Düsseldorf, Köln und Berlin werden Ihre Fotografien zeigen. Liegt die Auswahl allein in Ihren Händen oder reden die LUMAS-Leute mit?

„LUMAS hat Gunnar Wagner, der großen Eindruck auf mich macht. Denn er versteht etwas von Bildern. Er hat von Anfang an die Bilder mit ausgesucht. Die Fotos, die LUMAS anbietet unterscheiden sich allerdings vehement von denen, die ich früher im Stern hatte. Es gibt allerdings einige Stern-Doppelseiten, die in LUMAS an der Wand hängen.“

Welche Kriterien waren Ihnen bei der Auswahl wichtig?

„Man schaut bei der Auswahl schon darauf, welche Bilder man sich an die Wand hängen würde und mit welchen Motiven man Jahrzehnte lang leben kann. Trotzdem ist die Auswahl gar nicht so einfach. Denn ein populärer Geschmack muss da schon bedient werden. Ich kann es an einem Beispiel verdeutlichen. Es gibt eine Aufnahme vom New Yorker Central Park mit einem Teich im Vordergrund. Weiße und schwarze Jugendliche schaukeln an einem Ast hängend über dem Wasser. Im Hintergrund sieht man die Westseite von Manhattan. Unter anderem das Dakota-Building, in dem Polanski Rosemaries Baby gedreht hat und vor dem John Lennon erschossen wurde.

 

In dieser Aufnahme kommen also viele verschiedene Aspekte zusammen. Wir hatten eine Einhunderter Auflage und davon waren schon vor Ausstellungseröffnung 97 verkauft. Wenn das immer so schnell ginge, wäre es schön (lacht). Vorher war das Foto nur in dem Bildband Unverschämtes Glück veröffentlicht worden, den meine Frau gestaltet hat und der zu meinem 75. Geburtstag erschienen ist. Es war eine Doppelseite und so ist auch Gunnar Wagner auf das Motiv aufmerksam geworden und hat es mit in die Reihe New York – Moskau genommen.“

Die Ausstellung wird im März nach Düsseldorf kommen. Was verbinden Sie mit der Stadt?

„Es gibt einiges, was ich dort erlebt habe. Unter anderem habe ich den Beuys am Grabbeplatz fotografiert. Das war eine erfolgreiche Portraitreihe, von deren Auflage auch schon der größte Teil verkauft ist. Ich bin zusammen mit Beuys nach Schottland zu einer Öl-Konferenz geflogen, wo er sich als Politiker wieder einmal auslebte. Ich habe ihn damals auch im Botanischen Garten fotografiert zusammen mit dem Architekten Richard Buckminster Fuller. Sie saßen in großen geflochtenen Korbstühlen, wie man sie in Portugal hat. Davon habe ich Beuys ein paar Dias geschenkt und er hat gleich ein Plakat daraus gemacht. Er hat nichts daran verändert. Er hat sie nur nummeriert und signiert. Es war eine Vierhunderter Auflage. Wir sind auch raus in die Natur gefahren. Dort hat er sich wie ein Sonnenanbeter mit ausgebreiteten Armen von mir fotografieren lassen, mit nichts als Landschaft im Hintergrund. Sehr schöne Motive sind dabei herausgekommen. Ich habe auch Dali und Hundertwasser oder Gert Richter für diesen Bildband fotografiert.“

 

Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit der Fotografie erinnern?

„Das ist sehr lange her. Ich habe es ein paar Mal angefangen, aber es wurde nichts Richtiges daraus. Ich habe als Elfjähriger eine AGFA Clack bekommen. Das war so eine Box, ganz simpel. Ich hatte keine Ahnung von der Fotografie. Ich wollte lediglich ein paar Gesichter von Schulfreunden fotografieren. Wir waren für ein Jahr in Heiligenblut am Großglockner in der Kinderlandverschickung. Das hat man damals gemacht, damit die Berliner Kinder nicht durch Bomben verletzt werden konnten. Wir wurden von den Eltern freiwillig nach Österreich geschickt. Das war für uns Kinder wunderschön. Ich erinnere mich noch, das Hotel hieß Sonnenblick. Als ich meine Freunde fotografierte, bin ich ganz nah ran gegangen. Ich dachte, das müsste man so machen. Natürlich waren die Bilder alle völlig unscharf. Das war also nichts. Der nächste Versuch kam erst nach dem Krieg. Ich hatte einwenig Geld, weil mein Onkel aus Amerika CARE-Pakete schickte. Da war auch immer eine Stange Zigaretten drin. Eine Zigarette war vor der Währungsreform 10,- Mark wert. Von dem Geld, das ich so verdiente, habe ich mir eine alte Kamera gekauft. Aber es stellte sich heraus, dass die in der Bedienung einfach zu umständlich war. Ab und zu kam ein vernünftiges Bild dabei heraus, aber es hat mich nicht begeistert. Also habe ich die Fotografie wieder ad acta gelegt. Zu meinem 23. Geburtstag schenkte mir meine erste Frau eine Kodak Retina 1 A. Als ich dann den Erich Salomon Preis von der Deutschen Gesellschaft für Fotografie bekam – der besteht aus einer Leica M6 – habe ich die Kodak gegen die Leica eingetauscht.“

Sie hätten als Völkerkundler auch die Welt bereisen können, haben dann aber das Studium abgebrochen, um Fotograf zu werden. Was hat Sie an dem Beruf gereizt?

„Das Interesse am Fotografieren war schon während des Studiums da, denn richtig Völkerkunde betreiben, ohne eine Film- und Fotokamera, das geht nicht. Nehmen wir an, man hat das unglaubliche Glück noch einen Stamm zu finden, den kein Weißer zuvor gesehen hat. Das muss man doch unbedingt dokumentieren, um zu zeigen, wie diese Menschen leben. Dazu gehört auch, die Sprache aufzuzeichnen. Daran ist es letztlich gescheitert. Ich habe gemerkt, dass mir die Begabung für Sprachen fehlt. Ich war kaum in der Lage Englisch zu lernen. Die Zeit als Student von 1949 bis 1951 in Amerika hat mir dabei geholfen. Später als Stern-Reporter, der außerhalb Europas eingesetzt wurde, hatte ich es zur Bedingung gemacht, dass ich wenn nötig, nur Englisch sprechen musste. Damals gab es noch mehr Illustrierte als gute Fotoreporter.“

Das hat sich mit der fortschreitenden Technik sehr gewandelt. Eine Entwicklung, die auch die schreibende Zunft kennt. Jeder, der heute eine Tastatur bedienen kann, ist gleich ein Journalist.

„Das ist eine Entwicklung, die mich nicht begeistert. Ich habe zum Beispiel das Schreiben auf der Schreibmaschine nie gelernt. Ich finde, es hat schon seinen Grund, warum Berufe wie Journalist oder Fotograf gelernt werden müssen. Ich sehe allerdings an meinen beiden Kindern, wie sich die Dinge durch die neuen Medien verändern. Alles wird gegoogelt, nur noch wenig selbst erlebt.“

Treten Ihre Kinder in Ihre Fußstapfen?

„Mein Sohn Oskar, er wird im März 18, fotografiert auch. Der hat regelmäßig Bilder in der Zeitschrift Zitty. Meine Tochter Linda ist 19, sie will Kunst studieren. Ich sag ja immer, da gibt es nichts zu studieren, sondern nur zu machen. Ich habe mir ihre Bewerbungsmappe angesehen und muss feststellen, dass sie ganz tolle Zeichnungen von mir als Sterbenden gemacht hat. Sie hat mich zunächst fotografiert, wie ich auf dem Sofa liege, die Augen geschlossen. Ich sehe darauf aus wie tot. Davon hat sie mit Buntstiften Zeichnungen angefertigt. Die mir wirklich gut gefallen, denn sie hat viel mit Licht gearbeitet und die Bilder haben nichts Abstoßendes. Im Gegenteil, die würde ich mir auch an die Wand hängen. Offenbar sind die künstlerischen Gene weitervererbt worden. Meine Frau ist ja auch in dem Gewerbe. Sie gestaltet meine Bücher.“

Sie waren als Fotoreporter über 30 Jahre lang in der ganzen Welt unterwegs. Woran erinnern Sie sich am liebsten?

„An Südostasien. 1961 war ich sechs Wochen in Tokio und Umgebung unterwegs, das war eine tolle Zeit. Später war ich mehrfach in Indonesien, Thailand, Hongkong und China. Asien ist für mich immer wieder faszinierend.“

 

Sie sind auch in brenzlige Situationen geraten. Gab es Momente, in denen Sie Angst hatten?

„Ja, die gab es. Aber ich bin den Problemen meistens aus dem Weg gegangen. Ich versuche allerdings jeden Streit zu vermeiden und geduldig zu sein.“

Ich habe eine Aufnahme von Ihnen im Kopf, auf der zu sehen ist, wie der aufgebrachte Mob Ayatollah Khomeini den Turban vom Kopf reißt.

„Das war so eine gefährliche Situation. Ich habe nicht versucht, noch näher ran zu kommen. Für mich reichte das normale Teleobjektiv aus. Ich habe mich möglichst nicht bewegt. Habe nicht gegrinst oder mich sonst provokativ verhalten. Der Hubschrauber kam aus der Innenstadt und bei der Landung haben die Massen, die Absperrung auf dem Märtyrerfriedhof durchbrochen. Irgendwie hatte ich so was geahnt. Es gab eine Plattform vom amerikanischen Fernsehen, die nicht benutzt wurde, weil das Team nicht durchgekommen war. Ich dachte, das ist der richtige Platz und so war es auch. Seine Anhänger, haben Khomeini dann da raus gezogen. Man kann in solchen Situationen sehr schnell überrannt werden. Das ist mir selber auch schon passiert. Am nächsten Tag bin ich von hunderten schwarz gekleideter verschleierter Frauen, die fanatisch schrieen, überrannt worden. So einen Fanatismus kannte ich nur von der Hitler-Begeisterung. Sonst habe ich so etwas noch nie erlebt. Das hatte schon etwas Sektenhaftes. Eine Frau schrie, da ist er und alle rannten los. Ich hatte eine Fototasche umhängen, die sie mir sofort abgerissen haben. Das war nicht absichtlich, die waren einfach wie von Sinnen. Ich bin umgerissen worden und lag unter den Füssen dieser Frauen, die alle über mich weggerannt sind. Aber es ist gut gegangen. Mir ist nichts passiert. Ich bin heil herausgekommen.

Eine andere Sache, wenn nicht sogar die schlimmste, ist mir in Paraguay zugestoßen. Da sind wir an einem Freitagabend verhaftet worden. Es hat bis zum folgenden Dienstag gedauert, bis der deutsche Botschafter wieder in seinem Büro war und sich mit dem Außenministerium abgestimmt hatte. Wir saßen in einem Rattenloch fest. Es war unvorstellbar. Man hat uns die Küchenreste hingeworfen und das in den Tropen. Da kann man sich den Gestank vorstellen. Es gab noch nicht mal eine Pritsche, von einer Toilette mal ganz zu schweigen. Da hat man das Gefühl, man ist verloren.“

1961 war der belgische König zur Unabhängigkeitsfeier des Kongo mit Lumumba eingeladen. Ein junger Mann stahl seinen Säbel und Sie fotografierten ihn, als er mit dem Diebesgut auf Sie zugelaufen kam. Wissen Sie eigentlich was aus ihm geworden ist?

„Ja. Kürzlich war das Ereignis 50 Jahre her. Das belgische Fernsehen hat dazu eine Dokumentation gedreht. Die sind in den Kongo geflogen und haben mich auf dem Laufenden gehalten. Ich weiß jetzt den richtigen Namen des jungen Mannes. Es hatten sich fünf gemeldet, die alle den Säbel geklaut haben wollten. Die Belgier haben einen Anthropologen nach Kinshasa geschickt und der hat Maß genommen, um im Vergleich mit meinen Fotos herauszufinden, welches Gesicht das richtige ist. Es ist schon ein Wunder, dass dem jungen Mann damals nichts passiert ist. Man hat ihn für verrückt erklärt. Daraufhin wurde er ziemlich schnell freigelassen. Es hätte auch passieren können, dass er zum Nationalhelden wird.

25 Jahre nachdem Mobutu Präsident geworden ist, war ich noch einmal im Kongo. Er hatte uns zu einem Empfang geladen und wir durften seine teuren japanischen Goldfische füttern. Ich habe ihm die Fotos von damals geschenkt und bat ihn, mir zu helfen, diesen Jungen zu finden. Aber die Polizei hat völlig versagt. Die hatten andere Sorgen. Sie haben Europäer in ihren Autos angehalten und ausgeraubt, weil sie nicht genug Lohn bekamen.“

Wenn ich Ihnen so zuhöre denke ich, dass neben Geduld und einem Gefühl für den richtigen Augenblick für einen Fotografen auch wichtig zu sein scheint, unauffällig zu bleiben.

„Ja. Allerdings so unauffällig kann man als Europäer in vielen Ländern nicht bleiben. Aber ich habe nie die Aufmerksamkeit meiner Umgebung forciert. Insofern stimmt es schon, dass ein sich an die Gegebenheiten Anpassen für einen Fotografen wichtig ist.“

Sie haben auch viele Prominente vor der Kamera gehabt. Romy Schneider ist eines der bekanntes Beispiele. Gerade mit ihr sind Ihnen sehr persönliche Aufnahmen gelungen. Hat sich mit den Jahren die Beziehung zwischen Fotograf und Promi verändert? Zumindest so intime Fotosessions wie mit Romy sind heute selten geworden.

„Warum es bei Romy so gut geklappt hat, ist einfach zu erklären. Wir mochten uns von der ersten Sekunde an. Sie hat mich derart angeschaut, dass ich gar nicht anders konnte, als auf den Auslöser zu drücken. Im Grunde waren es ganz wenige Momente, die sich alles in allem auf ungefair vier Tage addieren lassen, die sich über vier Jahre zogen. Die Sympathie war ungebrochen, auch wenn wir uns ein Jahr nicht gesehen hatten. Wir hatten zwischendrin keinen Kontakt, weder telefoniert, noch Postkarten geschrieben. Wir taten nichts, um die Erinnerung wach zu halten und doch war jedes Mal ein Riesenempfang. Sie hat mich immer Lebo genannt. Gleich bei der ersten Begegnung hatte sie den Spitznamen erfunden. Solche Namen hat sie gern erfunden, nicht nur bei mir.“

Hatte sie deshalb auch so ein gutes Verhältnis zu Ihnen, weil Sie die Situationen nie ausgenutzt haben?

„Ich glaube, das wäre ihr egal gewesen. Mit der Callas hatte ich einen genauso guten Kontakt. Wir sind zusammen schon mal von Frankfurt nach Hamburg geflogen und haben dann im Hotel Atlantic Aufnahmen gemacht. Wann immer ich konnte, bin ich dran geblieben. Es hat selten jemand gefragt, was machen Sie den hier? Ich war der einzige Fotograf, der sie dabei begleiten durfte, wie sie ihre Suite besichtigt hat. Mein erster Eindruck von Hamburg war 1958 auch gleichzeitig ihre erste Tournee. Das sah toll aus mit der Binnen- und der Außenalster, mit all den Schiffen und dem Sonnenschein. Es war eine gute Stimmung und sie hat sich gern fotografieren lassen. Ich habe sie dann am nächsten Tag noch ins Restaurant Jakob begleitet und bin danach mit ihr nach Stuttgart gefahren. Dort trat sie in der Liederhalle auf. Damals gab es noch eine Kulturzeitschrift die Das Schönste hieß. Dort erschienen meine Fotos von ihr, übrigens auch in der Bravo. Die hatten sie glaube ich allein vier Mal auf dem Titel.

Ich war 1958 nur noch nicht so gut, wie später, als ich 1976 Romy fotografiert habe. Da hatte ich schon mehr Erfahrung mit Prominenten.“

Was machen Sie lieber, Schwarz-Weiß oder Farbfotografien?

„Ich war lange Zeit überzeugt, dass ich lieber Schwarz-Weiß fotografiere. Als wir dann aber am letzten Buch gearbeitet und die Fotos für LUMAS ausgesucht haben, hat sich das verändert. Es ist wirklich ein Verdienst der Galerie, dass ich mich wieder mit diesen alten Fotografien beschäftige. Gunnar Wagner hat aber auch ein sehr gutes Auge. Das geht bei ihm immer Ruckzuck. Er bringt seinen Leuchtkasten mit und wir gehen über jede Aufnahme mit der Lupe drüber. Er ist immer sehr flink und sicher in seinem Urteil. Ich habe gelernt, dass die meisten Menschen ungern Schnee auf Fotos haben, die sie an die Wand hängen wollen. Von Henry Nannen wusste ich, dass er das Grobkörnige nicht so gerne mochte. Er wollte auch nie so gern Schwarz-Weiß-Aufnahmen in seinem Blatt haben. Da war er sehr strikt. Heute macht man für alles Umfragen, was die Leser wollen. Nannen hatte als Geheimtipp immer seine Schwiegermutter, die ihm sagte, was sie mochte und was nicht. Das hat Nannen dann umgesetzt.“

Welchen Tipp würden Sie einem Nachwuchsfotografen geben?

„Ich habe ja den Nachwuchs im Haus. (lacht) Mein Sohn hat es drauf. Er hat den Blick, Er weiß, was ein gutes Bild ist und was nicht. Allerdings ist bei ihm die Schwierigkeit, dass er keine Handschrift haben will. Jedes Foto, das bisher von ihm in der Zitty gedruckt worden ist, hat eine andere Technik. Mal macht er Schwarz-Weiß, mal sind die Aufnahmen unscharf oder er öffnet die Kamera und schaut, was dabei herauskommt, wenn Licht dran kommt. Ihm rate ich, wie allen anderen, die gern Fotograf werden möchten: Es gehört sehr viel Begeisterung dazu. Man darf nicht dauernd fragen, was verdiene ich? Wenn man gute Arbeit macht, kommt das Geld von allein. So war es jedenfalls früher zu meiner Zeit. Jetzt ist es wohl etwas anders. Dafür ist aber die künstlerische Fotografie hinzugekommen. Früher konnte man ja nicht so häufig in einer Galerie Fotoausstellungen besuchen. Dass Galerien die Fotos dann auch noch verkaufen, das gibt es erst sein etwa 20 Jahren.“

Sie sagten vorhin, Ihr Sohn probiert sich noch aus und ist nicht so interessiert an einer eigenen Handschrift. Aber generell ist die schon wichtig für einen Fotografen oder?

„Ja, es ist immer gut unverwechselbar zu sein. Nun ist mein Sohn 18, da darf er sich noch ausprobieren.“

Hatten Sie selbst Vorbilder?

„Ja natürlich, so wie alle anderen auch. Cartier Bresson ist eines meiner Vorbilder, übrigens auch meines Sohnes Oskar. Salomon und Eisenstaedt waren ebenso wichtig. Eisenstaedt war Journalist, der konnte sich jedes Themas annehmen und hat es immer gut umgesetzt.“

Sie sind auch ein großer Fotosammler.

„Ja. Ich habe sehr viele Fotografien, hauptsächlich aus dem 19. Jahrhundert gesammelt. In den 1970ern war das einfach. Inzwischen steigen die Preise in Schwindel erregende Höhen. Ich interessiere mich auch sehr für die Griffelkunst. Im vergangenen Jahr hat ein Hamburger Verlag eine Mappe gemacht, in der sechs Fotos von mir waren.“

Welche Kamera bevorzugen Sie?

„Heute fotografiere ich gar nicht mehr. Aber in meiner aktiven Zeit haben mich immer eine Nikon begleitet und eine Leica. Die Leica für den Weitwinkel und immer, wenn ich ganz schnell fotografieren musste. Ich hätte viele Aufnahmen nicht bekommen, wenn ich erst die Entfernung hätte einstellen müssen. Wenn ich bei Blende 8 auf einen Meter einstelle, ist die Tiefenschärfe auf unendlich. Man muss sich als Fotograf schon vorher auf alles einstellen können. Ich habe immer einen Superweitwinkel von Leitz über 20 mm genommen. Dann ist eben alles drauf. Den Ausschnitt kann man natürlich auch später noch machen. Aber bei mir war das nie nötig.“

Haben Sie auch selbst entwickelt oder haben Sie die Filme immer weggegeben?

„Am Anfang habe ich das noch selber gemacht. Später, als ich zu viele Aufträge beim Stern bekam, die mich dauernd weggeschickt haben, ging das nicht mehr. Ich war kaum zuhause und musste immer darauf gefasst sein, dass ich innerhalb einer Stunde wegfliege.“

Sie sagten vorhin, dass Sie selbst nicht mehr fotografieren. Wie war das, als Sie sich entschieden haben aus dem aktiven Berufsleben auszusteigen. Haben Sie einen wirklichen Schnitt gemacht oder hin und wieder doch noch mal die Kamera mitgenommen?

„So ganz kann man sich nie davon verabschieden. Im letzten Jahr habe ich auch noch ein paar Fotos gemacht. Die Gesellschaft für Konsumforschung macht sehr aufwendige Geschäftsberichte. Für die habe ich fotografiert. Das war so ziemlich das letzte, was ich gemacht habe. Das Süddeutsche Magazin fragte an, ob ich nicht etwas zum Thema Gerechtigkeit fotografieren könnte. Das war keine leichte Aufgabe. Ich habe gar nicht viel nachgedacht, sondern einfach losgelegt. Da konnte man gut mit Bildunterschriften steuern. Das war für mich ein guter Abschluss.“

Haben Sie einen Draht zur digitalen Fotografie?

„Ich habe es ein paar Mal probiert. Zwei oder drei Jahre lang habe ich Berlin fotografiert. Davon werden auch einige Aufnahmen bei LUMAS zu sehen sein, u. a. die neue Nationalgalerie, die russische Botschaft, die Volksbühne und die Synagoge. Die Bilder habe ich aus dem Autobus heraus fotografiert. Ich wollte sie unscharf und verwackelt haben. Ich habe oben in der ersten Reihe im Doppeldecker gesessen. Ich habe mich mit der Digitalfotografie eigentlich mehr als Zeitvertreib beschäftigt. Mein Sohn hat mir gezeigt, wie ich das machen muss. Ich habe aber immer wieder vergessen, worauf ich achten muss. Analog ist mir hingegen in Fleisch und Blut übergegangen. Da weiß ich blind, was ich machen muss.“

 

Glauben Sie, dass es analoge Fotografie noch lange geben wird? Kodak hat kürzlich die Produktion seines berühmtesten Films eingestellt.

„Ja, den Kodak Chrome für Kleinbildkameras. Der war von unglaublicher Schärfe und Qualität. Diesem Film trauert jeder nach, der etwas davon versteht. Bei Polaroid war es ähnlich. Auf einmal gab es keine Filme mehr. Über ebay wurden die Kameras billig verscherbelt und die Filme wurden immer teuerer. Vieles schleicht sich aus unserem Leben einfach heraus. Wenn so ein Film wie der Kodak Chrome nicht mehr hergestellt wird, geht eine Ära zu Ende. Der hatte so eine unglaubliche Schärfe. Das fällt mir immer wieder auf. Auch als ich die Aufnahmen für LUMAS ausgesucht habe. Wir haben diese Tablots mit je zwölf Dias drauf und man erkennt sofort die Aufnahmen, die mit dem Kodak Chrome gemacht worden sind. Kodak hatte immer schon das Datum drauf gedruckt. Da fällt das Datieren nicht so schwer, wie bei anderen Aufnahmen, die man nicht beschriftet hat.“

Claudia Hötzendorfer

(C) by Claudia Hötzendorfer 2011 – Silent Tongue Productions

Neugierig auf die Welt – Robert Lebecks Fotografien in den LUMAS-Galerien Ausstellungstermine

  • LUMAS Berlin Ausstellung: 18. Februar – 22. März 2011
  • LUMAS Köln Vernissage: 17. März 2011, 19-21 Uhr Ausstellung: 18. März – 19. April 2011
  • LUMAS Düsseldorf Vernissage: 18. März 2011, 19-21 Uhr Ausstellung: 19. März – 19. April 2011

Robert Lebeck wird zu den Vernissagen anwesend sein. Weitere Infos unter www.lumas.de und www.lebeck.de

Buchtipp

  • Robert Lebeck, Neugierig auf die Welt,  (Steidl 2008, 335 S., € 20,-)

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