Interview: Till Brönner – „Was unterm Strich übrig bleibt“

Im Gespräch mit dem Jazz-Trompeter Till Brönner

Es gibt nur wenige deutsche Jazz-Musiker, die auch auf dem internationalen Markt einen Fuß in die Tür bekommen haben. Der Trompeter Till Brönner hat in den letzten 20 Jahren 15 eigene Silberlinge auf den Markt gebracht, hat Echos eingeheimst und war für Grammys nominiert. An der Musikhochschule Dresden unterrichtet Brönner Nachwuchstrompeter. Vor dem Start seiner aktuellen Tour nahm er sich Zeit für ein Gespräch über Interpretationen von Pop-Klassikern, seine Rolle beim Casting-Format X-Factor und er verrät, was ihn gerade an der Trompete so fasziniert.

Der gebürtige Viersener bekam mit Neun seine erste Trompete. Mit 15 gewann er den Wettbewerb „Jugend jazzt“. Ein Jahr später nimmt ihn das Bundesjugendorchester als jüngstes Mitglied auf. Nach einer Stippvisite bei der RIAS-Big Band macht Till Brönner mit German Songs auf sich aufmerksam. Dafür arrangierte er Schlager mit Jazzquartzett und Symphonie-Orchester neu. Ein Chet Baker Tribute-Album nahm Kritikern den Wind aus den Segeln, die dem Wahl-Berliner das Etikett „der deutsche Chet Baker“ gegeben hatten.

Auch als Produzent (u. a. für Hildegard Knef oder den Bariton Thomas Quasthoff) und als Filmmusik-Komponist (u. a. Höllentour und Jazz Scene) kann der Vater eines Sohnes überzeugen.

Nach einem Weihnachts-Album 2007, unternahm der 39-Jährige für Rio einen Ausflug in die Welt des Bossa Nova. Zwischenzeitlich saß der Hobby-Koch in der Jury des Casting-Formats X-Factor, das so erfolgreich war, dass Brönner auch in der nächsten Staffel neben Sarah Connor über die ersten Schritte der talentiertesten Kandidaten im Musikgeschäft mitentscheiden wird.

Für seine mittlerweile 15. Veröffentlichung At the End of the Day hat er sich zeitlose Pop-Perlen vorgenommen, die längst im kollektiven Gedächtnis als Klassiker abgespeichert sind, um ihnen den Brönner’schen Stempel aufzudrücken. Herausgekommen ist ein Album, das sich einmal mehr aus dem engen Korsett des puristischen Jazz befreit und über den musikalischen Tellerrand schaut.

At the End of the Day wirkt auf mich wie ein Crossover-Album, das verschiedene Stile miteinander kombiniert. Würden Sie das so unterschreiben?

„Mir war es wichtig, Musik aus der Vergangenheit und der Gegenwart zu verwenden, die zeitlos ist. Ich wollte einen roten Faden ziehen von Bach über die Beatles bis hin zu den Killers. Es sind Lieder, die auch in 20 Jahren noch Bestand haben. At the End of the Day soll keine Aufforderung sein, diese CD abends zu hören, sondern bedeutet eigentlich übersetzt so etwas wie ‚Was unterm Strich übrig bleibt’.“

Ich hatte bei Crossover weniger an die Vermarktungsschublade gedacht, sondern vielmehr daran, dass die Platte so wirkt, als schaue da jemand mal über den Tellerrand und die zum Teil recht eng gesteckten Grenzen des Jazz hinaus.

„Als 1971-Geborener bin ich kein ‚Jazzkind’ im klassischen Sinne. Es ist fast unmöglich, diese Musik so zu spielen, wie sie jemand spielen würde, der 1920 geboren wurde. Wir sind heute vielen aktuellen Einflüssen ausgesetzt, gegen die wir uns zum Glück auch nicht erwehren können. Der Jazz ist immer eine Widerspiegelung dessen, was gerade in der Gesellschaft passiert.“

 

Unter welchen Kriterien haben Sie die Musik für At the End of the Day ausgewählt?

„Wir haben größtenteils Stücke ausgewählt, die entweder vor Jahren oder aktuell sehr erfolgreich waren und aus unserer Sicht zeitlose Klassiker sind. Das Album erhebt dabei nicht den vermessenen Anspruch, dass sich darauf die Essenz der letzten Jahrhunderte versammelt. Obendrein haben wir natürlich sehr viel mehr Stücke aufgenommen als die, die es auf das Album geschafft haben.“

Schwierig finde ich es immer mit Coverversionen von Stücken, die längst im kollektiven Gedächtnis mehrerer Generationen verankert sind. Ich denke da beispielsweise an das Eröffnungsstück Ihres Albums. Sie haben dem Beatlesklassiker And I love her allerdings eine ganze neue Komponente abgewinnen können. In der Art, wie Sie das Stück interpretieren, wird aus dem munteren Lovesong, die melancholische Betrachtung einer Beziehung.

„Wenn das so bei Ihnen ankommt, dann habe ich was dieses Stück angeht, viel erreicht. Man kann jedes Stück aus verschiedenen Perspektiven sehen. Die unerreichte Version der Beatles ist ein wirklich schönes Liebeslied. Aber wenn man das Stück jemanden singen lässt, der möglicherweise gerade verlassen wurde oder unglücklich ist, bekommt es einen ganz anderen Touch. Man kann durch bestimmte Zutaten dafür sorgen, dass ein Song einen anderen Anstrich bekommt und den Hörer auf eine andere Fährte locken.“

Es gibt auch eine Interpretation von Bachs Air auf der Platte. Ist das eher ein Ausflug ins klassische Fach oder tatsächlich eine Richtung die Sie gern verfolgen würden?

„Vorerst war es nur ein Ausflug. Aber es ist natürlich auch eine Herausforderung – aus deutscher Sicht eine sehr spannende Angelegenheit. Wir verfügen über so viel tolle Musik in Deutschland, warum sich also als Deutscher nicht auch mal großen deutschen Klassikern nähern? “

Viele der Songs haben Sie auch selbst gesungen. Warum haben Sie sich entschieden, David Bowies Space Oddity als Instrumental zu veröffentlichen?

„Bei einigen Songs ist meine Ehrfurcht einfach zu groß gewesen. Gerade Space Oddity ist schon im Original ein sehr spezieller Song, der eindeutig vom Interpreten Bowie lebt. Darüber hinaus hat es mir immer Spaß gemacht, mit meinem Trompetenton in den Nahbereich der menschlichen Stimme zu kommen.“

Da Sie es gerade erwähnen, ich habe oft das Gefühl, dass die Trompete von allen Instrumenten dasjenige ist, das der menschlichen Stimme am nächsten kommt.

„Das finde ich auch. Es ist zum einen die Tongebung, die Färbung und die Luftgebung, die man spürt. Instinktiv merkt man, dass dieses Instrument der menschlichen Tonlage zumindest sehr nahe kommen kann. Mein Hauptaugenmerk liegt weiterhin auf der Trompete und ich werde weiter versuchen der menschlichen Stimme auf diesem Instrument sehr nah zu kommen.“

 

Was reizt Sie überhaupt hin und wieder von der Trompete zum Mikrophon zu wechseln?

„Das hat zwei Hintergründe. Zum einen war ich früher mit einem Quartett auf Tournee in dem ich der einzige Bläser war. Ich war schnell erschöpft auf der Bühne, weil ich das Gefühl hatte konstant selber spielen zu müssen. Da kam mir die Idee – quasi als Ausgleich oder Pause – mal eine Nummer zu singen und auf einmal haben die Menschen im Publikum meiner Trompete viel intensiver zugehört. Wenn die menschliche Stimme erklingt, scheint jedes Musikinstrument erst einmal Nebensache. Ein weiterer Luxus beim Gesang ist, dass wir noch die textliche Komponente mit hineinbringen. Sie ist die Koordinate, die keinen Zweifel mehr offen lässt, wovon ein Song handelt. Das ist bei Instrumentalmusik anders.“

Können Sie sich noch an Ihre erste Platte erinnern?

„Ja, sehr gut sogar. Das war eine Platte von Glenn Miller, die mir meine Mutter auf eigenen Wunsch hin zu Weihnachten geschenkt hat. Ich war schon relativ früh begeistert von dieser Musik, weil ich in der Schulbigband mit dem Material erstmals in Berührung kam. Das Album habe ich heute noch.“

Daraus entnehme ich, dass Sie schon sehr früh in Richtung Jazz unterwegs waren?

„Ja. Ich habe erst eine klassische Ausbildung genossen. Den klassischen Weg fand mein Trompetenlehrer damals am naheliegendsten, um mir später eine berufliche Existenz garantieren zu können. Aber ich habe relativ früh gemerkt, dass mich diese Musik nur unzureichend befriedigt und dass mein Herz nicht so sehr daran hängt, wie am Jazz. Mit 14 Jahren habe ich deshalb entschieden, dass ich mit dem klassischen Unterricht aufhöre. Bereut habe ich es nie.“

Was macht die Trompete für Sie so besonders, von all den Instrumenten, die Sie möglicherweise auch hätten wählen können?

„Die Trompete ist ein Instrument, das man jeden Tag spielen und trainieren muss. Jeder Tag Pause macht sich auf unangenehme Art und Weise bemerkbar. Mit keinem anderen Instrument wird man sich der eigenen Konstitution so schnell gewahr. Die Trompete zeigt mir innerhalb kurzer Zeit ob ich gut drauf bin, oder nicht. Jeder Fehler auf diesem Instrument ist alleine auf den Spieler zurückzuführen – das hat eiserne Disziplin zur Folge.“

 

Wie viele Trompeten besitzen Sie denn?

„Ungefähr 15.“

Haben Sie eine Lieblingstrompete, die Sie über Ihre Karriere hinweg begleitet?

„Ja. Ich habe das Glück, dass ich zusammen mit dem japanischen Hersteller Yamaha eine Trompete entwickelt habe, die meinen Bedürfnissen exakt entspricht. Mit japanischer Genauigkeit wird sie von Modell zu Modell genauso hergestellt. Das ist das Till Brönner Modell.“

Interessanterweise sind die Trompeter neben den Vokalisten in der Jazz-Szene schon immer die erfolgreichsten und bekanntesten Musiker gewesen. Wer hat Sie am meisten beeinflusst?

„Die Antwort fällt mir nicht leicht: mal ist es Dizzy Gillespie, mal ist es Chet Baker, dann wieder Freddie Hubbard. Aber ich würde sagen, dass Freddie Hubbard und Kenny Dorham über die Jahre meine größten Einflüsse waren.“

Lassen Sie sich auch von Musikern beeinflussen, die ein anderes Instrument spielen?

„Ja natürlich. Ich halte das sogar für extrem wichtig. Jedes Instrument hat seine Gesetzmäßigkeiten, Herausforderungen und auch Grenzen. Andere Instrumentalisten, wie zum Beispiel Saxophonisten können einem Trompeter ganz neue Horizonte eröffnen.“

Wie schwer hat es ein deutscher Trompeter im internationalen Geschäft?

„Es ist generell nicht leicht, einen deutschen Künstler im Ausland zu präsentieren. Wenn im Inland etwas funktioniert, heißt das noch lange nicht, dass es auch im Ausland klappt. In Deutschland kann ich auf eine 20jährige Karriere zurückschauen. Aber es gibt Länder, die man sich über die Jahre ‚erspielt’ hat. In den USA habe ich viel gearbeitet, habe dort Platten aufgenommen und war Teil verschiedenster Produktionen, die u. a. zur Grammy-Nominierung geführt haben. Ich habe allerdings festgestellt, dass ich mit Leib und Seele Europäer bin.“

Sie sind bei der nächsten Staffel von X-Factor wieder Teil der Jury. Was hat Sie gereizt, bei dem Format mitzumachen?

„Man hat mich dort nicht als ‚Zotenreißer’ oder ‚Gesichtsverleiher’ engagiert. Es geht bei X-Factor um Musik und es gewinnt der Sänger mit dem größten Talent. Ich kann dort über Musik sprechen – insofern ist X-Factor einfach eine zusätzliche Seite meiner Arbeit als Musiker.“

Sie unterrichten an der Musikhochschule Dresden. Was genau machen Sie dort?

„Ich bin Professor für Jazz-Trompete und teile mir die Professur mit meinem eigenen Trompetenlehrer. Wir bieten einen weltweit bisher einmaligen Studiengang an, der alle möglichen Probleme für einen angehenden Jazz-Trompeter beim Schopfe packt. Oft konzentriert sich das Studium dieses Instruments entweder auf die Technik oder das Kreative. Wir bieten beides an: Der Student braucht sowohl das technische Handwerk auf der Trompete als auch die Kreativität. Unser Ziel ist es gut improvisierende und an ihrem Instrument gewachsene Künstlerpersönlichkeiten auszubilden, die dann frei wählen können, wohin sie mit ihrer Karriere zielen wollen.“

Claudia Hötzendorfer

Tourtermine

  • 15.03.2011 Frankfurt a. M./Alte Oper
  • 16.03.2011 Heidelberg/Stadthalle Heidelberg – Großer Saal
  • 19.03.2011 München/Philharmonie im Gasteig
  • 20.03.2011 Nürnberg/Löwensaal
  • 21.03.2011 Stuttgart/Liederhalle – Beethovensaal
  • 23.03.2011 Zürich/Kaufleuten
  • 26.03.2011 Düsseldorf/Philipshalle
  • 27.03.2011 Bremen/Musical-Theater
  • 28.03.2011 Hamburg/Laeiszhalle Hamburg, Grosser Saal
  • 29.03.2011 Dresden/Kulturpalast
  • 30.03.2011 Hannover/Theater am Aegi
  • 01.04.2011 Kiel/Sparkassen Arena
  • 02.04.2011 Dortmund/Konzerthaus
  • 04.04.2011 Koblenz/Sporthalle Oberwerth
  • 05.04.2011 Lübeck/Musik- und Kongresshalle
  • 06.04.2011 Halle Saale/Steintor Variete Halle
  • 07.04.2011 Braunschweig/Stadthalle
  • 08.04.2011 Erfurt/Alte Oper
  • 10.04.2011 Berlin/Tempodrom
  • 10.05.2011 Luxembourg/Philharmonie Luxembourg
  • 12.05.2011 Basel/Jazzfestival
  • 30.06.2011 Freiburg/Zelt Musik Festival
  • 01.07.2011 Riga (Litauen)/Rigas Ritmi
  • 04.07.2011 Wien/Staatsoper
  • 07.07.2011 Hamm/Maximilianpark
  • 09.07.2011 Bonn/Museumsplatz

Webseite

Diskografie Till Brönner

  • Generations Of Jazz (Minor 1994)
  • My Secret Love (Minor 1995)
  • German Songs (Minor 1996)
  • Midnight (BMG 1997)
  • Love (Verve 1998)
  • Till Brönner Quintett In Concert (Deutschland Radio, Berlin 1998)
  • Chattin‘ With Chet (Verve 2000)
  • Jazz Scene (Verve 2001)
  • Blue Eyed Soul (Verve/Universal 2002)
  • That Summer (Verve/Universal 2004)
  • Höllentour (Universal 2004)
  • Oceana (Verve/Universal 2006)
  • The Jazz Album – Watch What Happens (Deutsche Grammophon/Universal 2007)
  • The Christmas Album (Verve/Universal 2007)
  • Rio (Verve 2008)
  • At The End Of The Day (Universal 2010)

Buchtipp

Till Brönner
Talking Jazz
(Kiepenheuer & Witsch 2010, 205 S., € 18,95)

Kommentare sind geschlossen.